In den ORF-Sommergesprächen haben wir viel über die Lebensgeschichten unserer Parteichefs erfahren. Je mehr Kanten, Kämpfe und Irrtümer dabei zutage treten, desto interessanter wirds.

Der Sommer ist vorbei, die ORF-Sommergespräche ebenfalls beinahe, und man kann sagen: Sie waren lehrreich. Insbesondere die kleinen Filme von „Report“-Redakteur Klaus Dutzler, die den Parteichefs in ihrer Jugend nachspürten, an ihren Heimatorten, im Familien- und Freundeskreis. Die wichtigste Eigenschaft eines Politikers, einer Politikerin heute ist ja, was PR-Leute „Authentizität“ nennen: Die Fähigkeit, Wählern und Wählerinnen zu vermitteln, wofür man steht, und warum. Am besten, indem man es, mit der eigenen Lebensgeschichte, gleich selbst verkörpert.

Vergnügen ist es ja keines, Politiker zu sein. Keine Zeit für sich haben, keinen unbeobachteten Moment, getrieben sein von Umfragedaten, Leitartikeln und Intrigen. Ständig Fragen hören, auf die man Antworten parat haben muss, ohne sich eine Blöße zu geben. Und ständig sitzt die Angst im Nacken, in Anwesenheit einer Kamera einen megapeinlichen Fehler zu machen, der dann hunderttausende Male auf Youtube wiederholt wird. Was bringt Menschen dazu, sich das freiwillig anzutun? Was treibt sie an?

In den intimen, dichten Filmchen haben wir das dreimal gesehen und verstanden. Da ist die Kärntner Wirtshaustochter, die Bierzapfen lernt und Hackbrett spielen. Die physisch ganz nah am lärmenden Stammtisch dran ist, und doch stets spürt, dass dort Wichtiges verschwiegen wird. Die nicht versteht, warum man die Burschen eher als die Mädchen aufs Gymnasium schickt, und den Slowenen eher misstraut als den Nazis. Die die Konfrontation sucht, mit dem Patriarchenvater, den Nachbarn, dem Discopublikum, und sich im Streit Respekt verschafft. So wird man Grüne.

Da ist der Bub aus der Wiener Vorstadt, aus bescheidenen, proletarischen Verhältnissen. Der Vater hat die Mutter sitzenlassen, wie man es damals nannte. Früh schon ein Internatskind, einsam, ausgegrenzt, schüchtern. Auf der Suche ist nach starken Vaterfiguren. Nach einer Gruppe, die ihn aufnimmt, ernst nimmt. Er wird oft von jenem Moment geträumt haben, in dem er es den arroganten „Gscheiterln“ endlich heimzahlen kann, und selbst bestimmt, wer ausgegrenzt wird. So wird man FPÖler.

Dann gibt es die bürgerliche Hinterbrühl – hohe Zäune, gediegene Autos. Der brave Sohn will werden wie der Papa, und ist fest überzeugt, dass das auch gelingen kann, wenn man sich ordentlich anstrengt und alle Aufgaben gewissenhaft erledigt. „Immer im vorderen Drittel bleiben“ als Lebensprinzip; ehrlich sein, etwas leisten, aber nie über die Stränge schlagen: Ja, so verkörpert man, aus tiefstem Inneren, die ÖVP.

Die vierte Biographie jedoch, die gibt uns Rätsel auf. Da ist ein Mann, über den niemand viel zu erzählen hat, nichts Böses, aber auch nicht Interessantes. Der im undefinierten Liesing aufwächst, in undefiniertem Milieu, mit undefiniertem Erfolg studiert. Seinen Weg geht er stetig bis ganz nach oben, ohne Spuren zu hinterlassen. Ohne Kämpfe, ohne Metamorphosen, ohne Feindschaften, ohne Schrammen und ohne große Irrtümer: So wird man Chef der größten österreichischen Partei und Bundeskanzler.

Wer ist dieser Werner F.? Was treibt ihn an, warum will er Macht? Hat er Abgründe, verborgene Leidenschaften, irgendein klitzekleines spannendes Geheimnis? Vielleicht findet Klaus Dutzler ja doch noch etwas. Es wäre eine schöne Überraschung.

 

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