Nein, die AHS-Lehrer sind nicht die wichtigsten Akteure in der Bildungsdebatte. Sie sind bloß die einzigen, die wissen, wie man sich durchsetzt. Schade.

Hiermit sei ein kleines Geheimnis aus der Kolumnistinnenwerkstatt verraten: Um viele Leserbriefe zu bekommen, gibt es einen einfachen Trick. Man muss bloß drei Buchstaben schreiben. S, e, und x sind es nicht.

A, h und s: Damit löst man eine Art Reflex aus, und schwupps! ist die Mailbox voll. Diese Briefe gehorchen stets den Regeln der neuen Rechtschreibung, haben korrekte Großbuchstaben und Satzzeichen. Im Tonfall sind sie herrisch oder sachlich, schnippisch oder entrüstet, witzig oder wehleidig, aber stets merkt man: Hier sind Profis am Werk. Die wissen, wie man sich Gehör verschafft, seine Interessen vertritt, Druck macht. Die haben Zeit, freie Energie, und können beides effizient nützen. Man versteht, warum sich jeder vor ihnen fürchtet, Ministerien, ÖVP, Gewerkschaft. Ihre Botschaft: Wir AHS-„Professoren“ sind die einzigen, die wissen, was im Bildungssystem los ist, deswegen mögen alle anderen, bitte-gar-schön, still sein.

Bloß: Das stimmt nicht. Laut Statistik Austria sind die 21.528 AHS-Lehrenden nicht etwa die größte, sondern die kleinste Gruppe unter den Pädagogen. 22.595 unterrichten an BHS, 29.908 an Haupt-, 32.605 an Volksschulen. Über Kindergärtnerinnen sind österreichweite Zahlen erratisch (was viel über deren Stellenwert verrät) – doch mit etwa 36.000 sind sie die größte Gruppe überhaupt. Dazu kommen noch die Lehrenden in Sonderschulen (6568), Horten und Musikschulen.

Über 100.000 Experten und Expertinnen also, die ab dieser Woche wieder viele, viele Stunden mit unseren Kindern verbringen. Ihnen, je nach Alter, die Nasen putzen oder Kurvenberechnungen beibringen. Die ihre Nöte und Leidenschaften, ihre Familienverhältnisse und Charaktere kennen. Und vielleicht die eine odere andere Idee haben.

Kindergärnterinnen etwa wissen sicher vieles über soziales Lernen, Sprache und Persönlichkeitsentwicklung, und wie man mit altersgemischten Gruppen umgeht. Volksschullehrer haben in den letzten Jahren viele neue Unterrichtsformen ausprobiert und könnten erzählen, wie sich Teamteaching anfühlt, wie man sich aus dem Korsett von Schulklingel und Stundenplan löst, wie die Integration behinderter Kinder funktioniert, und wie schwierig es ist, Akademikereltern zu sagen, dass ihr Kind nicht gescheit genug fürs Gymnasium ist. Hauptschullehrer haben Erfahrung darin, verborgene Talente aufzuspüren, wo niemand welche vermutet hätte, und kennen sich mit Viefalt aus. Von Sonderschullehrerinnen und Freizeitpädagogen könnte man lernen, dass es zu jedem Kind verschiedene Zugänge gibt, von der Bewegung bis zum Singen, und dass jedem irgendwann ein Knopf aufgehen kann.

All diese Stimmen wäre so wichtig in unserer verfahren Schuldebatte. Doch man hört sie nie. Die Krippenbetreuerinnen nicht, die Volksschuldirektoren nicht, die BHS-Lehrerinnen nicht, und von den Hauptschullehrern redet ausschließlich Niki Glattauer. Haben die zu wenig Zeit, zu wenig Energie, zu viel zu tun? Zeigen sie nie auf? Oder zeigen sie eh ständig auf, aber kommen nie zu Wort, weil sich immer jemand anderer vordrängt?

Man könnte zum Beginn des Schuljahrs ein Spiel ausprobieren: Die Lauten sind ein paar Wochen lang still, damit zur Abwechslung die Leisen drankommen. Die mit den Anfangsbuchstaben A, H und S hören den anderen einfach einmal zu – und, wer weiß, vielleicht können sie dabei etwas lernen.

Im Klassenzimmer funktioniert das manchmal.

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