Die Ringstraße vor 120 Jahren war mondäner, moderner und großstädtischer als die Ringstraße von heute. Zumindest, was das Verkehrskonzept betrifft.

Die Ringstraße vor 120 Jahren war 57 Meter breit und einer Weltmetropole würdig. Hier flanierte man übers Trottoir, zeigte das neue Gewand oder die neue Liebschaft. Wer Muße und Geld hatte, setzte sich in eines der 27 Kaffeehäuser. Wer keine Muße hatte, verkaufte Zeitungen, Lavendel oder Lose, putzte Schuhe, ging mit den Kindern der Herrschaft spazieren. Wer Muße hatte, aber weder Geld noch Arbeit, kam hierher, um den anderen wenigstens beim Leben zuzuschauen.

Es muss gewuselt haben: Geschäfte, Gasthäuser, Parks, Theater, Hotels, Märkte; Fußgänger, Pferde, Fiaker, Lastenkarren, Automobile, Straßenbahnen; fliegende Händler, feine Damen, Hochstapler, Offiziere, Touristen, Dienstmädchen, Kutscher. Als Leitsysteme für ihre Fortbewegung dienten die Alleebäume und die Schienen. Die wichtigste verbindliche Regel war eine Geschwindigkeitsbeschränkung: Reiten war nur im „kleinen Trab“ erlaubt. Alles übrige regelte man miteinander. Man musste halt schauen, ehe man abrupt die Richtung änderte.

120 Jahre später ist die Ringstraße immer noch 57 Meter breit, aber da wuselt gar nichts mehr. Alleebäume und Straßenbahnschienen säumen eine vierspurige Autobahn. Von den 27 Kaffeehäusern sind nur noch drei übrig, und wer aus einem von diesen, aus der Urania oder dem Burgtheater heraustritt, kriegt wenig Lust, zu verweilen. Wo denn auch? Auf dem Parkplatz in der Nebenfahrbahn?

Die Ringstraße von heute definiert jeden ihrer Benützer ausschließlich über sein Verkehrsmittel. Bist du Autofahrer, dann steig aufs Gas und fahr geradeaus. Bist du Fussgänger, Radfahrer, Straßenbahnfahrgast, dann bleib in dem für dich abmarkierten Rest-Territorium, und trau dich ja nicht, Linien zu übertreten. Überqueren der Fahrbahn ist nur an wenigen Stellen vorgesehen, und nur, wenn eine Ampel es dir erlaubt. Aus diesem von tausenden Schildern und Vorschriften bewehrten Setting spricht die Sehnsucht nach Eindeutigkeit. Jeder soll wissen, wo er hingehört, soll sich ausschließlich unter seinesgleichen bewegen. Keiner darf aus der Rolle fallen; wer es doch tut, provoziert. Meine Spur, mein Recht, mein Vorrang, mein Tempo, egal, was links oder rechts von mir passiert.

Es ist das Denken des vergangenen Jahrhunderts, das sich hier zeigt. Der komplexen Gegenwart wird es längst nicht mehr gerecht. Schon allein, was die Vielfalt der Verkehrsteilnehmer betrifft: Wo tun wir denn die Inlineskater, Microscooter, Segways, Elektrofahrräder, Fahrradrikschas, Reiter hin – und die Fiaker gibt’s ja auch noch? Können wir wirklich jeder Unterspezies Mensch ihr eigenes Reservat abmarkieren, und am besten gleich eine eigene Touristenspur dazu?

Nein, moderne Verkehrsplaner tun inzwischen genau das Gegenteil. Statt die Vielfalt auseinanderzusortieren, geht es darum, sie wieder zusammenzuführen. Alle Verkehrsteilnehmer dran zu erinnern, dass sie, egal, mit wieviel PS, eine gemeinsame Straße teilen. Dass Schilder, Markierungen und Regeln einem nicht die Verantwortung abnehmen können, sondern dass man achtsam sein muss. Dass man halt immer nur so schnell unterwegs sein kann, wie man niemanden gefährdet. Flüchtige Alltagsbegegnungen, flüchtige Kommunikation mit Fremden –  genau das ist es schließlich, was das großstädtische Leben im Kern ausmacht.

„Shared Space“ heißt das heutzutage. Es ist der letzte Schrei in der Verkehrsplanung. Und die Ringstraße, wie sie vor 120 Jahren war, kommt dem recht nahe.

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