Die innenpolitische Debatte um den Untersuchungsausschuss, samt aller zugehörigen Tricks und Rituale, kommt einem irgendwie bekannt vor.

Nehmen wir an, Sie würden erfahren, dass bei Ihrem halbwüchsigen Sohn/ Ihrer halbwüchsigen Tochter etwas gewesen ist, neulich. Er/sie ist ja in einer Clique, die in der Nachbarschaft mitunter seltsame Machtspielchen treibt. Ob Ihr Sohn/Ihre Tochter jemanden erpresst, betrogen, ausgenützt hat – das wissen Sie nicht genau. Sie wissen bloß, dass er/sie schon am Kommissariat hat vorsprechen müssen deswegen.

Sie sind beunruhigt. Vielleicht ist was dran an den Geschichten, vielleicht nicht. Jedenfalls sollten Sie darüber Bescheid wissen, immerhin sind Sie erziehungsberechtigt und am Ende verantwortlich. Sie werden ihren Sohn/Ihre Tochter daher auffordern, sich mit Ihnen in Ruhe hinzusetzen. Er/sie soll Rede und Antwort stehen.

Er/sie würde sagten: Jaja. Ich komm. Später. Ich hab grad zu tun. Nachher.

Sie würden sagen, dass es wichtig ist. Schließlich hat auch schon die Polizei gefragt.

Ja, eh, würde er/sie sagen, aber die Polizei hat mich eh wieder laufen lassen, was wir machen, ist kein Verbrechen. Es ist strafrechtlich nicht relevant, eigentlich fast ganz normal, jedenfalls hab ich’s immer schon gemacht, alle machen’s, und es hat sich noch nie wer beschwert.

Aber dass es alle machen und gegen kein Gesetz verstößt, heißt nicht, dass es in Ordnung ist, würden Sie antworten. Schließlich gibt es auch Anstand und Moral und Regeln, die wir miteinander ausgemacht haben.

Ich hab mich an alle Regeln gehalten, das könnte ich dir genau beweisen, jederzeit, selbstverständlich. Aber der Otto und der Josef lassen mich nicht.

Der Otto und der Josef?? würden Sie antworten. Der Otto und der Josef tun immer, was du ihnen anschaffst, immerhin bist du der Anführer der Clique, also werden sie dich nicht dran hindern können. Außerdem ist genau das Teil des Problems: Dass ihr immer zusammenhaltet und euch gegenseitig beschützt, wenn einer von euch was angestellt hat. So geht das nicht. Komm her.

In diesem Moment würde sich Ihnen Josef forsch in den Weg stellen. Sie brauchen sich um gar nix mehr zu kümmern, würde er sagen. Wir haben alles schon geklärt, auf Facebook gepostet, damit isses erledigt. Ganz viele Likes haben wir übrigens bekommen, von Armin und Wolfgang auch, also Ende der Debatte.

Gar nicht Ende der Debatte, würden Sie sagen, und wären wahrscheinlich schon ein bisschen ungehalten: Ich bin nicht Facebook, und du bist nicht deinen Friends gegenüber verantwortlich, sondern deinem gesetzlichen Vormund. Und es geht auch nicht darum, möglichst viele Likes zu kriegen, sondern zu erfahren, was genau da neulich passiert ist, und was wir tun müssen, damit es nicht wieder vorkommt.

Spätestens an dieser Stelle würde eine Tür knallen. Da sieht mans mal wieder, würde Ihr Sohn/Ihre Tochter sagen, mit dir red’ ich überhaupt nicht mehr. Überhaupt bist du Schuld an allem. Keine Ahnung hast du, hysterisch bist du, völlig überfordert. „Komische Omi, Frühpensionistin“, würden die Freunde im Chor skandieren. Und, Überraschung: auch die aus den gegnerischen Cliquen schreien plötzlich alle mit. Weil auch die nicht wollen, dass herauskommt, was sie alle eigentlich so machen, den ganzen Tag.

In diesem Moment werden Sie stutzen. Darf es tatsächlich wahr sein, dass die Spitzenrepräsentanten unserer Republik nach einer ähnlichen Gruppendynamik funktionieren?

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