Am Leben jener Frau, die eben mit dem Alternativ-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, lässt sich ablesen, wie die afghanischen Frauen von Gott und der Welt verraten wurden. Und werden.

Sima Samar war eine intelligente, ambitionierte junge Frau. Die erste aus der unterdrückten Minderheit der Hazara, die an der Universität von Kabul ein Medizinstudium abschloss. Afghanistan, das arme Land, hätte eine Ärztin gut brauchen können. Doch die Machthaber, die russischen Besatzer, wollten das nicht. Sie verschleppten ihren Ehemann und vertrieben sie ins Exil.

Dann stürzten die Warlords die Russen, es folgten Bürgerkrieg und Chaos. Sima Samar führte vom pakistanischen Quetta aus fünf Kliniken in Afghanistan, bildete Geburtshelferinnen aus, schaffte auf Eseln und Saumpfaden eigenhändig Medikamente, Verbandszeug und Geld durch die Frontlinien. Die Warlords wollten das nicht. Immer wieder wurden die Kliniken beschossen, geplündert, mutwillig zerstört.

Dann stürzten die Taliban die Warlords und machten sich das Land untertan. Sima Samar gründete in Quetta eine Mädchenschule für Flüchtlinge. Sie schlichen über die Grenze ins Taliban-Land und versorgten die Frauen, die dort im Geheimen, in Hinterhöfen und Wohnzimmern Mädchen unterrichteten, mit Büchern, Bleistiften und Nachrichten. Die Taliban wollten das nicht, Mädchenbildung hatten sie verboten. Wer erwischt wurde, wurde ausgepeitscht oder gesteinigt.

Dann sürzten die Amerikaner die Taliban. Die Befreiung der afghanischen Frauen war eines ihrer wichtigsten Kriegsziele. Sima Samar ging nach Kabul, wurde Frauenministerin und stellvertretende Regierungschefin, und wollte ernst machen damit. Doch die Regierungskollegen wollten das nicht. Gaben ihr kein Budget, kein Personal, nicht einmal einen Raum. Statt in einem Ministerium residierte Samar in einer angemieteten Privatwohnung. Nicht einmal einmal ausländische Geldgeber konnte sie anrufen, weil niemand die Rechnung des Satellitentelefons bezahlte.

Sima Samar redete dennoch weiter vom neuen Afghanistan, von Menschenrechten, Demokratie, einer weltlichen Verfassung. Doch die Mullahs wollten das nicht. Sie bezichtigten sie öffentlich der Gotteslästerung, verglichen sie mit Salman Rushdie und gaben sie zum Abschuss frei: Sie habe „den Islam und den Propheten beleidigt“ und müsse „angemessen bestraft werden“. Die Mullahs waren mittlerweile sehr mächtig geworden. Nach ein paar Monaten war sie abgesetzt.

Sima Samar wurde zur Chefin einer Menschenrechtskommission ernannt. Statt sich auf dem Alibi-Posten behaglich einzurichten, nahm sie den Auftrag wörtlich. Kämpfte gegen Kinderarbeit und Zwangsverheiratungen, Verschleppungen und Steinigungen, schrieb detaillierte Berichte, zog vor die Gerichte. Das wollten die Warlords nicht, die mittlerweile wieder selbstherrlich herrschten wie eh und je; die Taliban, mittlerweile ebenfalls wieder da, wollten es auch nicht. Samar bekam Morddrohungen, aber das kannte sie ja schon.

Dann erklärten die Amerikaner ihre Afghanistan-Mission für beendet. „Macht den Job fertig, den ihr begonnen habt“, sagte Sima Samar, „behaltet im Auge, was hier geschieht und haltet den Druck aufrecht“. Doch das wollten die amerikanischen Militärstrategen nicht. Jene, die einst die Befreiung der afghanischen Frauen auf ihre Fahnen geschrieben hatten, bezeichnen die Frauenfrage heute als „Steckenpferd“, als „Spezialinteresse, das uns bei unserer Mission belastet“, und wollen nichts wie weg.

Sima Samar wird dennoch weitermachen. Klar. Was denn sonst.

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