Michael Drogand-Strud, Sozialwissenschaftler und Vater von vier Kindern, ist einer der Pioniere der Jungenarbeit in Nordrhein-Westfalen. Auf Einladung des Vereins „Poika“, der sich hierzulande der geschlechtersensiblen Pädagogik annimmt, war er in Wien.

Falter: Überall heißt es, die Buben seien arm. Sie sind schlechter in der Schule, bleiben öfter sitzen, sind verhaltensauffällig. Ist das ein Klischee, oder ist da was dran?

Drogand-Strud: Es ist gar nichts neues. Seit den Sechzigerjahren haben Buben schlechtere Noten als Mädchen. Aber damals spielte das keine Rolle, denn es gab eine gesellschaftliche Übereinkunft, dass Mädchen für höhere Bildung ohnehin nicht vorgesehen sind. Da hat es gereicht, zu sagen: Buben sind Buben, die sind halt wilder, macht nichts.

Falter: Heute ist das anders?

Drogand: Seit es Koedukation gibt, kann man Buben und Mädchen direkt vergleichen. Seit PISA haben wir die Leistungsunterschiede schwarz auf weiß. Und alle sagten: Huch, haben wir etwa die Mädchen zu viel gefördert? Das wollten wir ja gar nicht!

Falter: Oft wird das als Vorwurf an die Lehrerinnen formuliert: Die Buben kommen zu kurz, weil sie ausschließlich von Frauen umgeben sind…

Drogand: Das ist Unsinn, denn es würde bedeuten, dass Geschlechtshomogenität immer ein Vorteil ist. Aber Buben sagen häufig, sie wünschen sich eher eine Lehrerin als einen Lehrer.

Falter: Aber mehr Männer in Schulen, Kindergärten, Krippen wären gut?

Drogand: Kommt drauf an. Es geht weniger um die Zahlen, als um die Qualität. Wenn der Mann nur zum Fußballspielen in den Kindergarten kommt, bringt das gar nichts.

Falter: Warum?

Drogand: Weil wir dann ja wieder in der traditionellen Rollenzuschreibung sind. Ich brauche gemischte Teams, die bewusst versuchen, verschiedene Geschlechterrollen anzubieten. Wenn die männlichen Erzieher in der Krippe fürs Toben zuständig sind, und ihnen gleichzeitig verboten wird, die Kinder zu wickeln, ist wieder mal klar, wie die Aufgaben verteilt sind in der Gesellschaft. Das ist schlimmer, als wenn Frauen alles allein machen.

Falter: Hinter dem Wickelverbot, das Sie erwähnen, steckt die Angst vor sexuellen Übergriffen…

Drogand: Ja, dieser Generalverdacht kommt bei Männern immer dazu. Wir können uns gar nicht vorstellen, dass Erzieherinnen Kinder missbrauchen könnten, das ist dermaßen tabuisiert, dass wir gar nicht auf die Idee kommen. Um Missbrauch zu verhindern, muss man bei den Kindern ansetzen, und nicht bei den Personen, die um sie herum sind.

Falter: Es scheint es für Mädchen leichter zu sein, aus der Mädchenrolle auszubrechen, als für Buben, aus der Bubenrolle auszubrechen. Warum?

Drogand: Seit einiger Zeit erlauben wir Mädchen ausdrücklich, männliche Bereiche zu erobern. Da sagen wir: ui, mutig, toll. Für Jungs, die sich in weibliche Bereiche vorwagen, ist es riskanter. Die nennt man sofort Weicheier, schwul. Ein Bub, der sich nicht nicht eindeutig männlich definiert, läuft Gefahr, abgewertet zu werden.

Falter: Von wem?

Drogand: Von anderen Jungs, aber auch von Erwachsenen. Viele Väter und Mütter sind empört, wenn ihrem Sohn erlaubt wird, mit Prinzessinnenkleidchen durch den Kindergarten zu laufen. Sie haben Angst, dass er gehänselt wird. Oder Angst, selbst von anderen Eltern angegangen zu werden, nach dem Motto:  Wenn ich zulasse, dass mein Sohn im Kleidchen rumläuft, nehme in in Kauf, dass er sich fehlentwickelt.

Falter: Was kann Bubenarbeit da machen? Was machen Sie konkret?

Drogand: Wir werden von Schulen, Kitas, Freizeiteinrichtungen geholt, und greifen beobachtend und beratend ein. Das A und O dabei ist Selbstreflexion. Dass wir uns fragen: Wo stehen wir selber, mit unseren Bildern von Männlichkeit und Weiblichkeit? Wenn wir die Bilder der Fünfzigerjahre sehen, glauben wir ja immer, wir seien längst über diese Vergangenheit hinweg. Aber wir sind nach wie vor in Rosa und Himmelblau gefangen. Manchmal denk ich mir sogar: Es wird immer schlimmer. Sogar bei Lego gibt’s keine Steine in Grundfarben mehr, sondern Steine für Jungs und Steine für Mädchen.

Falter: Sogar die Überraschungseier gibt’s jetzt in zwei Varianten.

Drogand: Die Mädchen können das rosa Ei nehmen, oder das normale. Die haben die Wahlt. Für die Jungs hingegen gibt’s nur eine einzige Möglichkeit – denn das rosa Ei ist ja als Mädchen-Teil markiert.

Falter: Was im Kleinen eigentlich das gesellschaftliche Grundproblem zeigt…

Drogand: Genau.

Falter: Können Sie Eltern Tricks verraten, um es ihren Buben ein bisschen leichter zu machen?

Drogand: Tricksen darf man nicht. Das durchschauen Kinder schnell, und fühlen sich ausgetrickst. Es ist sehr wichtig, dass die erziehenden Personen sich darüber klar werden, wo sie selbst in Klischees drinstecken. Zum Beispiel: Es ist für einen Mann unangenehm, eine Badewanne zu putzen. Dasselbe ist aber für eine Frau genauso unangenehm, obwohl sie vielleicht eher gelernt hat, es für „normal“ zu halten.

Falter: Was haben Buben zu gewinnen?

Drogand: Viel. Es geht nicht darum, dass Männliche abzuwerten. Wir dürfen den Buben etwa nicht sagen, dass Konkurrenzverhalten böse ist. Es geht darum, ihre Möglichkeiten zu erweitern, ihnen neue Erfahrungen zu ermöglichen: Dass es sich manchmal gut anfühlt, wenn man getröstet wird, zum Beispiel. Wir müssen Buben ausdrücklich die Erlaubnis geben, zu genießen. Manche kennen das gar nicht. Ich hab mal auf einer Schlaganfallstation 30 Männer interviewt, die alle sagten: Ich hab bis gestern nichts gemerkt. Männer lernen ihr Leben lang nicht, in sich, in ihren Körper hineinzuhören. Das fängt bei Jungs an, und ist lebens-, existenzbedrohend.

Falter: Bubenarbeit verlängert das Leben?

Drogand: Die kürzere Lebenserwartung von Männern ist nur zu einem kleinen Teil biologisch. Der Rest ist Gender. Wir sind es den Jungs schuldig, dass wir uns mit ihnen offen, ehrlich und ernsthaft auseinandersetzen, und ihnen beibringen, auf sich zu schauen.

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