…und “geschlechtliche Handlungen” nicht zwangsläufig mit den primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen. Nachtrag zu einer wichtigen Debatte.

Ein Bezirksgericht hält den Grapscher auf einen Popo also nicht für einen sexuellen Übergriff. Die Klage der Angestellten Eva H. wurde abgewiesen – wegen mangelnden “objektiven Tatbestands”. Ein sexueller Übergriff, so das Gericht, setze nämlich eine “geschlechtliche Handlung” voraus; diese bedeute, jemanden “im Bereich des  Geschlechtsorgans oder der Brust intensiv zu berühren”.  Und das sei beim Griff auf eine Pobacke ja nicht passiert.

Das klingt seltsam unbeholfen. Es offenbart, wie schwierig es sein muss, das Leben samt all seiner zwischenmenschlichen Grauzonen in Gesetzestexte zu fassen. Aber stimmt es denn, inhaltlich? Das ist eine spannende Frage, die über die juristische hinausgeht.

Die Antwort ist nämlich sehr einfach und sehr kompliziert zugleich: Es hängt immer von den Umständen ab. Keine Art von Berührung ist, isoliert betrachtet, prinzipiell ein Übergriff. Und beinahe jede Berührung kann unter Umständen ein Übergriff sein. Das hängt davon ab, welche Art von Beziehung zwischen den Personen besteht, welchen Zweck die Berührung verfolgt, welche Art von Kommunikation ihr vorausgeht, und in welcher Umgebung sie stattfindet.

Extrembeispiele: Jemandem mit dem Messer die Bauchdecke aufzuschneiden, kann ein lebensrettender Eingriff sein, sofern er auf dem Operationstisch stattfindet. Jemandem sanft mit dem Finger über die Backe zu streicheln, kann hingegen Teil eines grausamen sadistischen Demütigungsakts sein, das ein Opfer psychisch fertigmacht.

Es ist so ähnlich wie mit der Nacktheit und ihren Darstellungsformen. Auch hier ist es ein aussichtsloses Unterfangen, mit der Abmessung unbedeckter Hautstellen oder der taxativen Aufzählung diverser Körperteile eine genaue Linie zu ziehen, hinter der die Pornographie beginnt – wie das US-Fernsehen das mit absurden Regelwerken versucht. Völlige Nacktheit kann völlig asexuell sein;  sei es in der Kunst, sei es in der Wissenschaft. Die Darstellung eines von Kopf bis Fuß bekleideten Menschen hingegen kann offensiv pornographisch sein – das hat mit dem Setting, der Körperhaltung, dem Blickwinkel und der begleitenden Botschaft zu tun. Von der Absicht, die spürbar wird. Und vom Betrachter und seinen Vorlieben.

Womit wir beim Thema Macht sind. Und jener entscheidenden Zutat, die einen Übergriff erst zum Übergriff macht. Jemanden gegen seinen Willen körperlich anzufassen, bedeutet, ihm den Respekt zu verweigern.

Es ist interessant, dass ein Grapscher seinen Übergriff meistens als Lob oder Tadel ausgibt. Als Kompliment – oder als Bestrafung für ein angebliches Fehlverhalten. Egal ob er dazu “wow, bist du sexy” sagt, oder “lass deinen hässlichen Busen nicht heraushängen”: Der Grapscher stellt damit eine Hierarchie her. Er meint: Dein Körper gehört dir nicht. Dein Körper ist für mich da, ich kann mich an diesem Ding bedienen, wenn mir danach ist, es unterliegt meiner Willkür und Sanktionierung. Ich spreche das Urteil. (Der Grapscher von Graz verhielt sich hier ganz nach Lehrbuch: “So ein knackiger Po”, sagte er erst; nach der Zurückweisung samt Ohrfeige nannte er sein Opfer “du Schlampe”. Was illustriert, wie nahe Überhöhung und Erniedrigung stets beieinanderliegen.)

Po oder Busen, Bauch oder Beine, Ohr oder Mund? Es gibt viele spannende Fragen zum Thema sexuelle Übergriffe. Aber die exakte anatomische Bestimmung des betroffenen Körperteils ist von allen die denkbar unspannendste.

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