Frauen, speziell die Gruppe der abstiegsgefährdeten weißen, entscheiden diese Präsidentschaftswahl. Nächste Woche wissen wir, ob Obama sie rumgekriegt hat.

Nennen wir sie Cindy. Cindy ist die derzeit am heftigsten umworbene Frau der Welt. Viele Millionen Dollar werden jeden Tag investiert, um sie bei Laune zu halten, und einige der intelligentesten Menschen Amerikas zerbrechen sich den Kopf darüber, was am besten zu tun sei, um sie nachhaltig zu beeindrucken.

Cindy ist ein bisschen unberechenbar. Aber Cindy ist wichtig. Ohne sie kann weder Barack Obama noch Mitt Romney Präsident der USA werden. Cindy repräsentiert neun Prozent der Wählerschaft, die sogenannten „Waitress Moms“, die wichtigste, weil von beiden Kandidaten erreichbare Wechselwählergruppe: Sie ist weiß, entstammt der Arbeiterklasse, ist nicht aufs College gegangen, ist verheiratet, hat Kinder und ist berufstätig. Nicht immer ist sie Kellnerin, aber fast immer im Dienstleistungssektor beschäftigt, manchmal in mehr als einem Job, schlecht bezahlt, sie hat lange Arbeitszeiten, wenig Urlaub, ist jederzeit kündbar. Ihr Haushalt verfügt über weniger als 50.000 Dollar im Jahr, ihre Kreditkarten hat Cindy allesamt bis zum Anschlag ausgereizt. Ihr Leben ist ziemlich anstrengend.

An Cindy kann man ablesen, was amerikanische Frauenpolitik ausmacht, und worin sich diese von europäischer Frauenpolitik unterscheidet. Gleichzeitig führt Cindy vor, wie sehr sich Amerika in den vergangenen Jahren verändert hat.

In den fetten 1990er Jahren, als der Präsident Bill Clinton hieß, als die Wirtschaft noch brummte und die amerikanischen Familien sich immer größere (kreditfinanzierte) Häuser kauften und immer leistungsstärkere (kreditfinanzierte) Vans, hieß die umkämpfteste Wählerinnengruppe noch „Soccer Moms“ – und Cindy war keine Kellnerin, sondern Hausfrau. Die satten Bonuszahlungen, die der Ehemann regelmäßig heimbrachte, verleiteten sie dazu, sich zum soliden Mittelstand zu rechnen. Sie konzentrierte ihre Energie auf die Förderung und Bespaßung des Nachwuchses, kutschierte die Sprösslinge durch die Suburbs, vom Fußballtraining, zum Einkaufszentrum, zum Kindergeburtstag, traf dabei unzählige andere Mütter zum Tratschen und galt Strategen daher als ideale Multiplikatorin, ohne die in den USA kein Staat zu machen ist.

Doch der Gatte ist mittlerweile seine Privilegien los, die Kreditraten drücken, eventuell ist das Haus schon weg, und Cindy geht heute arbeiten. Der soziale Abstieg in den USA kann schnell gehen, die Wand zwischen Mittel- und Unterklasse ist durchlässig, vor allem nach unten hin. Cindy ist dennoch stolz drauf, kein Sozialfall zu sein. Anders als die mehrheitlich schwarzen Mütter in den Sozialwohnungen bezieht sie keine Lebensmittelmarken. Auch ein anderer Unterschied ist ihr wichtig zu betonen: Dass sie keine Alleinerzieherin, sondern immer noch verheiratet ist.

Im Prinzip wäre die Präsidentschaftswahl längst gelaufen, wenn in den USA ausschließlich Frauen stimmberechtigt wären. Obama führt unter ihnen mit uneinholbarem Riesenvorsprung, der sogenannte Gender-Gap, die Kluft zwischen männlichem und weiblichem Wahlverhalten, dürfte diesmal Rekordgröße erreichen. Schwarze und Latino-Frauen sind eine sichere Bank für Obama, ebenso besser gebildete Frauen aller Couleurs. Nur bei Frauen der weißen Mittel- und Unterklasse hat er ein Problem.

Als Unterscheidungsmerkmal, wohin man ideologisch gehört, hat sich in den USA eine einzige Frage etabliert, die nirgendwo auf der Welt ähnlich quälend, verbittert, redundant diskutiert wird wie hier: die Abtreibungsfrage. Sie dient als Duftmarke zur Standortbestimmung. Wer Frauen die Abtreibung verbieten will, ist quasi automatisch gleichzeitig gegen die Eheschließung von Homosexuellen, für niedrigere Steuern, für mehr Waffenfreiheit und für weniger Sozialpolitik. Normalerweise funktioniert diese Abgrenzung einfach und klar: Wer mehr staatliche Einmischung ins Intimleben fordert, fordert weniger staatliche Einmischung in der Wirtschaft – und umgekehrt. Bei Männern fügen sich diese beiden Teile fast immer zu einem stabilen Weltbild zusammen, Cindys Ehemann inklusive. Nur bei Cindy knirscht hier etwas.

Was die großen weltanschaulichen Fragen betrifft, ist sie nämlich meistens auf republikanischer Linie. Sie ist religiös. Sie fordert Respekt fürs Militär, weil ihr Sohn oder Schwager vielleicht in Afghanistan oder im Irak gedient hat. Große Städte, das Ausland und Intellektuelle sind ihr suspekt, eventuell ist sie latent sogar ein wenig rassistisch. Sie glaubt an den Wert harter Arbeit und hat wenig Respekt vor Leuten, die sich von der Allgemeinheit durchfüttern lassen.

Doch wenn sie morgens zur Arbeit hetzt, dann in die Schule, und dazwischen schauen muss, wie sie das Geld für all die unbezahlten Rechnungen zusammenkratzt, beschleicht sie manchmal schon die Ahnung, dass das Leben mit ein bisschen mehr Staat vielleicht ein bisschen leichter wäre. In der Schule wurden die Klassen größer, weil wieder einmal Personal eingespart wurde, seither sind die Kinder gestresst. Ihr Arbeitgeber, ein Kleinbetrieb, bietet keine Krankenversicherung, für Medicaid ist sie nicht arm genug, also ist sie unversichert. Bei „Planned Parenthood“ kriegt sie zumindet Vorsorgeuntersuchungen und Verhütungsmittel umsonst, das nimmt Cindy gern in Anspruch und versteht nicht recht, warum die manche Republikaner solche Einrichtungen am liebsten zusperren würden. Wenn Cindy abends am Küchentisch sitzt, die dringendsten Schecks ausfüllt, die Migräne spürt, und fürchtet, wieder schwanger zu sein – dann ist sie nicht einmal mehr in der Abtreibungsfrage so sicher.

Das Herz sagt Cindy, sie solle Mitt Romney wählen. Nüchtern kalkuliert, würde Barack Obama besser zu ihr passen. Nächste Woche wissen wir, wen sie erhört hat.

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