Wer glaubt noch an die Existenz der Klassengesellschaft? Und wer mag den weißen Proll? Niemand. Nur ein junger britischer Historiker.

Eine Rezension

Es reichen ein paar  Codewörter, und man weiß sofort, wer gemeint ist. Der Trainingsanzug, zum Beispiel. Der Kampfhund. Die vollen Aschenbecher auf dem Küchentisch. Die teure Playstation. Die Chips und die Fertigpizza, mit denen die fette, überforderte, alleinerziehende Mutter die Kinder vor dem Fernseher ruhigstellt. In den Ferien geht’s dann mit dem Billigflieger zu Billigsangria und Sonnenbrand.

Das Proletariat ist abgeschafft, aber der Proll ist überall. Er eignet sich trefflich als Gegenstand gepflegter intellektueller Diskurse, im Fernsehen wird er täglich zum Amusement vorgeführt. Im Gemeindebau. In Sozialreportagen. In Kuppelshows. In Pseudo-Dokumentationen wie „Supernanny“, „Blockstars“ oder „Frauentausch“. Keiner will dem Proleten nahekommen, aber aus der Distanz schaut man ihm gern beim Leben zu. Denn er jagt uns wohlige Schauer der Abscheu über den Rücken, versüßt von der sicheren Gewissheit: I bin’s net.

Dass der Proll angesichts dieser geballten Verachtung jemals einen Anwalt finden würde, der sich mit Leidenschaft auf seine Seite schlägt, war nicht zu erwarten. Doch jetzt gibt es einen. Owen Jones ist Brite. Ein junger Mann von 28 Jahren, der ausschaut, als sei er eben erst mit der Schule fertiggeworden. Doch Jones ist renommierter Journalist (u.a. beim „Independent“),  er kommt aus der Schule des großen (eben erst verstorbenen) marxistischen Historikers Eric Hobsbawm. Und er meint es mit dieser flammenden Verteidigungsschrift der Verachteten verdammt ernst.

„Chavs“ heißt sein Buch im Original. Es ist das englische Wort für „Prolls“. Das leitet sich vom Wort „chavi“ ab, das auf Romanes „Kind“ bedeutet. Die Hierarchien wären damit schon einmal geklärt: Wer über Prolls spricht, spricht von oben herab.  Aus der Perspektive der Erwachsenen, Gebildeten, Toleranten, Aufgeklärten, über die Unmündigen. Die manchmal ganz herzig sind in ihrer Unbedarftheit, aber meistens einfach nervig. Immer zu laut. Und eklig anzuschauen, wenn sie essen.

„Die Sieger machen sich über die Besiegten lustig“, sagt Owen Jones dann.

Das ist eine messerscharfe Analyse, bei der sich mancher im ersten Moment wohl ertappt fühlt. Jones geht aber noch weiter. Er dreht den Spieß um. Setzt die wohlhabenden, etablierten Besserwisser auf die Anklagebank, und konfrontiert sie, über 300 Seiten, mit einer detaillierten Indizienkette gegen sie, inklusive Zeugenaussagen. Das Bild, das sich daraus ergibt, ist drastisch, aber am Ende ziemlich überzeugend: Es zeigt eine priviliegierte Oberklasse, die seit der Thatcher-Ära in Großbritannien alles daransetzte, die Arbeiterklasse samt den Gewerkschaften absichtlich zu dämonisieren,  im ureigenen  Profitinteresse.

Das ist ihnen, ökonomisch gesehen, gelungen. Geblieben sind jedoch auch die ideologischen Zerrbilder, die zwecks Diffamierung gebraucht wurden – und die sich tief in die Mittelschichten und die meinungsbildenden Eliten hineingefressen haben. Die Idee etwa, dass Arbeitslose halt nicht arbeiten wollen. Dass Arme gar nicht wirklich arm sind, sondern ihr Geld bloß für die falschen Dinge (Zigaretten, Spielautomaten, Statussymbole) ausgeben. Dass sie an ihrer Lage „selber schuld“ sind, weil sie halt die falschen Prioritäten setzen. Dass ihre Lage wohl irgendetwas damit zu tun haben wird, dass sie sich nicht richtig ernähren, zu wenig lesen, zu viel fernsehen, nicht verhüten, die falschen Partner wählen, schon als Teenager Kinder kriegen.

„Zu welcher Klasse man gehört, ist eine Lifestyle-Entscheidung“, analysiert Owen diese Ideologie. „Menschen sind arm, weil sie unmoralisch sind.“ Was es nur logisch macht, dass sie sich ihre Strafe schon irgendwie verdient haben.

Besonders interessant wird diese These,  sobald das Thema Rassismus ins Spiel kommt. Der pakistanische Sozialhilfeempfänger oder die schwarze Supermarktkassierin gehören zwar ebenfalls der Unterklasse an. Aber sie können, zumindest auf der liberalen Seite des Establishments, damit rechnen, dass ihrer Herkunft, ihrer kulturellen Würde, ihrem „Familiensinn“ Respekt entgegengebracht wird. Der weiße Proll hingegen kann all diese mildernen Umstände nicht geltend machen. Schlimmer noch: Er ist womöglich gar selber Rassist. Was es umso legitimer macht, ihn zu verachten.

Aber das sind doch wirklich Rassisten! Bei uns wählen die alle FPÖ!, möchte man dem Autor da zurufen. In britischen Medien wird das Motiv vom Skinhead, der „sich bewusstlos säuft und damit nur kurz aufhört, wenn er Steuergeld abholt oder Asiaten zusammenschlägt“, ebenfalls mit Hingabe gepflegt. „Liberale rechtfertigen ihre eigene Borniertheit gegenüber einer Gruppe mit deren eigener vermeintlicher Borniertheit“, schreibt Owen jedoch. Und empfiehlt den angeblich Aufgeklärten, doch einmal in ihrer eigenen Wohn- und Arbeitsumgebung nachzuzählen – und im eigenen Freundeskreis.

„Die Arbeiterklasse ist ethnisch sehr viel durchmischter als der Rest der Bevölkerung“, lautet da das so schlichte wie eindeutige Rechenergebnis – in den Wohnvierteln, in den Schulen, in der Arbeitswelt. Im Londoner Einzelhandel gehören 35% der Angestellten ethnischen Minderheiten an, bei den Busfahrern 14%. In den Anwaltskanzleien hingegen stammen nur 3,5% der Parnter aus einer ethnischen Minderheit, in der Versicherungsbranche 5%. Wer sind hier die Rassisten? Und wie schauen die Zahlen eigentlich im Journalismus aus?

Dieses Buch ist wichtig. Für den deutschsparchigen Raum gehört es ebenfalls geschrieben, und zwar dringend.

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