Für die EMMA

Eine Frau steht in Lackstiefeln oder im T-Shirt am Straßenrand und bietet Sex gegen Geld an. Darf sie das? In Österreich ist diese simple Frage gar nicht so leicht zu beantworten. Prostitution wird hier öffentlich beworben, gilt aber gleichzeitig als „sittenwidrig“. Sie ist nicht verboten, aber auch nicht ausdrücklich erlaubt – das kann vom Ort abhängen, von den Umständen, vom Alter oder der Staatsbürgerschaft der Betroffenen, oder auch von der Uhrzeit.

Einige Aspekte des Milieus unterliegen penibler behördlicher Kontrolle – etwa die Untersuchungen auf Geschlechtskrankheiten oder die Einhebung von Steuern. Bei anderen Aspekten hingegen wird bereitwillig weggeschaut – insbesondere bei „milieubedingten“ Abhängigkeiten und Gewalt. Die Formulierung der konkreten Vorschriften obliegt zudem den Ländern. Ergebnis ist ein Wirrwarr unterschiedlicher, mitunter widersprüchlicher Regeln.

Diese rechtliche Unentschlossenheit spiegelt sich auf der politischen Ebene wider. Als die Prostitution in Berlin 2002 als „normales“ Gewerbe etabliert wurde, gab es dafür auch in Wien auf rot-grüner Seite verhaltene Sympathien. Doch mittlerweile sind Frauenpolitikerinnen aller Couleurs von dieser Idee abgekommen – auch angesichts der konkreten Erfahrungen in Deutschland Nachbarland. Sexarbeit sei eben „keine normale Arbeit“, und das Milieu, in dem sie stattfinde, „ein von Ausbeutung geprägtes Umfeld“, hieß es in einem umfangreichen Bericht, der vor vier Jahren als Gemeinschaftsarbeit von MinisteriumsvertreterInnen, NGOs, Polizei, ExpertInnen und Betroffenen vorgelegt wurde. Man war und ist sich seither einig, dass „der Markt weder erleichtert noch ausgedehnt werden soll“.

Doch zu einem entschlossenen Schritt in die Gegenrichtung, wie in Schweden, reicht der Mut nicht. Man dürfe Prostitution nicht in den Untergrund drängen, gibt der Bericht zu bedenken. Stattdessen empfiehlt er eine „klare Unterscheidung zwischen Personen, die freiwillig sexuelle Dienstleistungen anbieten, und Personen, die Opfer von Menschenhandel sind.“

Die Idee von der freiwilligen, selbstbestimmten Sexarbeit ist in Österreich weit verbreitet, und es gehört gesellschaftlich zum guten Ton, zu beteuern, man empfinde Prostitution als „ganz normal“. Prominente bekennen offen, welche Art Sex sie am liebsten kaufen, in Puffs finden Buchpräsentationen statt, und Werbeplakate für sogenannte „Laufhäuser“ prangen großflächig am Straßenrand.

Weil es in der Steiermark ein Gesetz gibt, das Werbung für Prostitution verbietet, gelang es der Frauenbeauftragten Maggie Jansenberger dort zwar, die Plakate eines Großbordells verbieten zu lassen. Im benachbarten Niederösterreich hingegen wurden eben unter großem medialen Getöse die Pläne für ein 15 Millionen teures „Mega-Laufhaus“ präsentiert – es soll, mit 80 bis 120 „Damen“, das größte Europas werden, mit „Gangbangs, Swingerpartys und Pornostars auf 1000 Quadratmetern“.

In der Ankunfsthalle des Wiener Flughafens wiederum wurden Reisende jahrelang von einem Foto begrüßt, das ein Dutzend fast nackte Mädchen mit weißen Strapsen und Engelsflügeln zeigte – eine Werbung für das Bordell „Babylon“. Trotz hartnäckiger feministischer Proteste (und Beschwerden arabischer Reisender) wurde es erst vor wenigen Monaten entfernt. Eine der posierenden Frauen mit den Engelsflügeln stand damals als Zeugin in einem Menschenhändlerprozess vor Gericht – und erzählte, wie sie auf ihrem Weg ins angebliche Nobelbordell getäuscht und ausgebeutet worden war.

Dieses Beispiel zeigt, wie schwierig es sein kann, die Trennlinie zwischen Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit, zwischen „selbstbestimmter Sexarbeit“ und Menschenhandel zu ziehen. Und dass der liberale Umgang mit käuflichem Sex die Billigung von Ausbeutung und Erniedrigung sehr oft miteinschließt.

2008, zum Zeitunkt der letzten Erhebung, gab es in Österreich 710 Bordelle und 5150 Prostituierte waren offiziell registriert, ein Drittel davon in der Hauptstadt Wien. Von einer viel höheren Dunkelziffer muss ausgegangen werden. „Deckel“ wird die Registrierung genannt, und um diesen zu bekommen, müssen sich die Frauen zu wöchentlichen Untersuchungen beim Amtsarzt einfinden – eine Prozedur, die von den den Betroffenen als unwürdig und erniedrigend empfunden wird.

Fast 90 Prozent der registrierten Prostituierten sind Ausländerinnen, die meisten aus der Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Ihre Zahl ist gestiegen, seit der Arbeitsmarkt für EU-BürgerInnen offiziell geöffnet wurde. Zeitungsmeldungen verraten, dass sie in Osteuopa und auf dem Balkan offenbar gezielt angeworben werden: Im September wurden in Serbien zwei Frauen und ein Mann verhaftet, die versucht hatten, junge Frauen nach Österreich zu locken. Gleichzeitig stand, nach mehrjährigen Ermittlungen, eine slowakisch-österreichische Bande vor Gericht, die sechs Jahre lang – auch minderjährige – Mädchen in der Slowakei und Ungarn rekrutierte. Insgesamt 280 Delikte werden der Bande zur Last gelegt.

Die Anwerbung von ausländischen Prostitutierten ist ein einträgliches und ziemlich risikofreies Geschäft. Das österreichische Fremdenrecht spielt den Zuhältern dabei in die Hände. Für Frauen von außerhalb des Schengen-Raums – Ingenieurinnen, Kosmetikerinnen oder Putzfrauen –  bleibt der normale Arbeitsmarkt verschlossen; für „Tänzerinnen“ oder „Kellnerinnen in Animierlokalen“ stellen die österreichischen Konsulate bereitwillig Visa aus. Auch als „Saisonkräfte“ in Bars düfen sie einreisen und sechs Monate bleiben. Was bedeutet, dass Frauen, sobald sie beginnen, sich in Österreich zurechtzufinden, Bekanntschaften zu machen und die Sprache zu lernen, wieder weggeschickt werden – und durch neue, ahnungslose, abhängigere ersetzt werden.

Auch das Asylrecht öffnet die Tür für eine besonders perfide Art der Ausbeutung. Asylbewerberinnen dürfen in Österreich nicht arbeiten – außer als „neue Selbstständige“, zu denen die Prostituierten zählen. In dieser Nische hat sich, speziell für Nigerianerinnen, folgendes Geschäftsmodell etabliert: Menschenhändler bringen junge Frauen nach Wien, lassen sie einen offensichtlich unbegründeten Asylantrag stellen und unter der Obhut von Zuhälterinnen („Madames“) am Straßenstrich fiktive Schulden von mehreren tausend Euro abarbeiten – ganz legal. Nach mehreren Monaten, wenn die Behörden den Asylantrag abgewiesen haben, besorgt der österreichische Staat die Abschiebung nach Nigeria. Den Menschenhändlern erspart das Kosten, gleichzeitig werden sie auf elegante Weise Zeuginnen los, die ihnen unangenehm werden könnten.

Das Problembewusstsein über diese Missstände ist in den letzten Jahren gewachsen. Es gibt mittlerweile einen nationalen Aktionsplan gegen Menschenhandel, und ein ExpertInnengremium, das Politik und Behörden berät. Es finden hochrangig besetzte Symposien statt, es gibt Schulungen für Polizeibeamte und Vernetzungstreffen auf EU-Ebene, und es werden Broschüren in vielen Fremdsprachen verteilt. Doch auf dem Straßenstrich und in den Hinterzimmern der Bordelle kommt die Botschaft nicht so richtig an. Zu groß ist das Misstrauen der betroffenen Frauen. Zu oft haben sie die Erfahrung gemacht, dass Staat, Polizei und Freier im Konfliktfall nur halbherzig an ihrer Seite stehen.

In Wien haben die Prostituierten genau das jüngst wieder zu spüren bekommen. Der Straßenstrich befand sich traditionell an zwei großen Durchzugsstraßen mitten in der Stadt – am Gürtel und hinter dem Westbahnhof. Rundherum liegen ehemalige Arbeiterviertel, die von neuen Bewohnerschichten entdeckt werden, mit steigenden Immobilienpreisen. Das Selbstbewusstsein der Anrainer wuchs. Sie empfanden die Belästigungen durch kreisende Freier, nächtlichen Lärm und weggeworfene Kondome zusehends als Zumutung, formierten sich zu Bürgerinitiativen, und verlangten von der Politik eine Lösung.

Vor einem Jahr reagierte die rot-grüne Stadtregierung. Sie verbot den Straßenstrich in Wohngebieten und verbannte ihn in zwei sogenannte „Erlaubniszonen“: im Prater und am westlichen Stadtrand. Abgelegene, in der Nacht finstere Gegenden, ohne jede Infrastuktur. Keine Lokale, keine Waschgelegenheiten, kaum Beleuchtung, kein Platz, um sich hinsetzen und ausruhen zu können. Rundum kein bewohntes Haus, kein offenes Fenster, niemand, der einen hören und die Polizei rufen könnte, wenn es Probleme mit einem Freier gibt.

Deutlicher hätte man den Frauen die Doppelmoral der österreichischen Gesellschaft kaum vor Augen führen können: Prostitution ist zwar angeblich „ganz normal“, dennoch darf sie nicht in einem ganz normalen Umfeld ganz normaler Menschen ausgeübt werden. Prostituierte sollen Ihre Dienste zwar anbieten, aber gefälligst dort, wo sie niemanden belästigen und niemand sie sieht. Und allen staatlichen Beteuerungen zum Trotz, geht es am Ende nur ganz selten um den Schutz, die Sicherheit, die Gesundheit und die Bedürfnisse der Prostituierten. Sondern um die Bedürfnisse von Freiern, Zuhältern, Menschenhändlern – und dem Steuern kassierenden Staat.

Sibylle Hamann

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2 Responses to Legal, illegal, egal: Prostitution in Österreich

  1. Koller Christoph sagt:

    Ist Werbung in div. Zeitungen auch verboten???

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