Eine Olympia-Bewerbung kann das Beste und das Schlechteste aus einer Stadt herausholen. Eine Fußnote zur Volksbefragung.

Leider kann man den pastellfarbenen Stimmzettel, der derzeit in allen Wiener Haushalten am Küchentisch liegt, nicht ernst nehmen. Weil er Pseudo-Lösungen für Pseudo-Probleme anbietet, weil er Interesse vortäuscht, wo gar keins ist, weil er vernebelt statt aufklärt. Wären die vier Fragen ans Volk von ehrlicher Neugier geleitet statt von Machttaktik – über eine von ihnen könnte man allerdings tatsächlich fruchtbar nachdenken. Nämlich diese: Wären Olympische Spiele gut für Wien? Was würden sie verändern, städteplanerisch, sozial, atmosphärisch?

Für sportliche Großereignisse gibt es zwei Herangehensweisen, mit zwei Prototypen: die Sommerspiele 2012 in London, und die kommenden Winterspiele in Sotschi, am Schwarzen Meer. Die beiden könnten verschiedener nicht sein.

Sotschi ist eine Stein gewordene Machtphantasie. In ihnen steckt Wladimir Putins Entschlossenheit, Russland seinen Stempel aufzudrücken, über seinen Tod hinaus. Es sei, „wie auf einer weißen Leinwand zu malen“: So beschrieben Stadtplaner ihren Auftrag, und was mehr könnten sie sich wünschen? Was auch immer sie dem Berg abtrotzen, aus dem Boden herausstampfen wollen – es ist machbar, Geld spielt kaum eine Rolle. Mit jedem Bauwerk wird Territorium markiert. Russland befestigt in Sotschi, weithin sichtbar, seine Herrschaft über den Kaukasus. Es will der Welt beweisen, dass es der UdSSR als Supermacht nachgefolgt ist, und auf einer Stufe mit China steht. Sotschis Bewohner kommen in dieser Inszenierung bloß als Statisten vor, ähnlich den Bewohnern Pekings vor vier Jahren: Sie sollen sich, wenn sie mit dem Bauen fertig sind, brav in das Bühnenbild einfügen, im Hintergrund winken, an den richtigen Stellen jubeln und Putin huldigen, aber ansonsten möglichst wenig stören.

London 2012 hingegen war ganz anders. Als weiße Leinwand hätte die Metropole ohnehin nie getaugt, als Projektionsfläche für zentralistische Machtphantasien ebensowenig. Wie denn auch, wenn sie nicht einmal einen richtigen Bürgermeister hat, sondern 33 Bezirke, die über beinahe alles – Schulen, Verkehr, Müllabfuhr – autonom entscheiden? Für London bot Olympia die Chance, zu etwas Größerem zusammenzuwachsen. Das lang vernachlässigte East End, wo die Arbeiter und die Einwanderer wohnen, wurde erstmals in seiner Geschichte zum gleichberechtigten Stadtteil. Es bekam neue U-Bahnen, Schiffskanäle, Spazierwege und Parks, es wurde an die Infrasktruktur angeschlossen und, samt seinem vielfältigen Leben, von Bewohnern, Besuchern und Touristen staunend neu entdeckt. Die Londoner Olympia-Planer machten sich über die Nachnutzung der Olympia-Bauten mehr Gedanken als irgendwoanders zuvor, und systematischer als irgendwo sonst zogen dabei öffentliche Hand und Unternehmen an einem Strang. Olympia 2012 war ein Fest, bei dem sich die Londoner von ihrer unkompliziertesten, freundlichsten Seite zeigten. Es hat sich langfristig in die Stadt eingeschrieben.

Sotschi oder London – welchem Modell wäre Wien näher? Welche Seite würde durchschlagen, im Moment der Herausforderung? Schwierige Frage. Beides steckt ja drin in dieser Stadt. Man hielte es grundsätzlich für durchaus möglich, dass Wien zu mutiger, ehrlicher Stadtplanung in der Lage wäre, und seine Bürger zu einem kosmopolitischen, weltoffenen Fest. Aber da liegt halt dieser pastellfarbene Stimmzettel. Und erinnert daran, dass auch Sotschi nicht so weit weg ist.

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