Auch Hugo Chavez soll jetzt einbalsamiert und ausgestellt werden, auf ewig. Wie schon Lenin, Mao und Kim Il Sung. Die großen Führer werden von ihren Nachfolgern gebraucht.

presse-kolumne

„Tsantsa“ hieß der Schrumpfkopf in der Sprache der Jivaro-Indios am Amazonas. Tsantsa war der Kopf eines getöteten Feindes. Die Haut wurde mit Hilfe heißen Sandes entwässert, getrocknet und konserviert, die Gesichtszüge nachmodelliert. Besonders viel Sorgfalt verwendete man auf den Haarschopf, er sollte möglichst füllig und glänzend bleiben. Der Schrumpfkopf war nicht bloß eine Trophäe, die von einem Sieg erzählte. Er war vor allem ein Gefäß. Es sollte die Lebenskraft des Getöteten aufbewahren, damit man sie für die eigenen Zwecke nutzen konnte – je glänzender die Haare, desto mehr Kraft. Wer den Kopf am Gürtel trug, fühlte sich stark, beschützt. Er war nicht mehr allein.

Das Einbalsamieren von Autokraten folgt demselben Prinzip. Die Hauthülle des Verstorbenen soll sein Charisma bewahren und nutzbar machen. Nein, der große Führer ist gar nicht tot. Er liegt da, an unserer Seite, mit rosiger Haut und glänzendem Haarschopf, und solang es bloß ausschaut als ob er schlafe, wie Schneewittchen im gläsernen Sarg, kann man sich an seiner Kraft und seiner Aura nähren. Für die Nachfolger hat das Arrangement einen unschlagbaren Vorteil: Eine Leiche widerspricht nicht.

Lenin wehrte sich noch zu Lebzeiten dagegen, nach seinem Tod einbalsamiert zu werden, seine Witwe ebenfalls, doch sie hatten keine Chance. Stalin brauchte Lenins Hülle, um seine Macht zu festigen, und setzte deswegen eine „Immortalisierungskommission“ ein. Man glaubte an die Wissenschaft. Daran, dass sie irgendwann vielleicht sogar imstande wäre, Menschen wiederzubeleben. Man fror Lenins Leiche also ein, doch die Lippen lösten sich, die Nase verlor die Fasson, eine Hand verfärbte sich grünlich, die Ohren verschrumpelten. Was seither im Lenin-Mausoleum am Roten Platz liegt, bei konstanten 7 Grad, ist eigentlich ein puppenähnliches Faksimile. Doch es erfüllte, ählich wie ein Tsantsa, jahrzehntelang seinen Zweck. Lenin überlebte den Zweiten Weltkrieg, er wurde früher als die lebende Bevölkerung vor den Bomben evakuiert, seine Parteimitgliedskarte wurde regelmäßig erneuert, und alle zwei Jahre zog man ihm einen neuen Anzug an. Er überlebte sogar die Sowjetunion.

Ähnliches wünschte sich die Nomenklatura in Nordkorea, als dort die Sonne vom Himmel fiel. Im Juli 1994, nach dem Tod Kim Il Sungs, holten sie die Moskauer Balsamierungsexperten ins Land, angeblich für eine Million Dollar in bar. Ein Jahr lang werkten diese heimlich an der Leiche, ehe man dem Volk das Ergebnis präsentierte. Es sollte glauben, allein die Vorsehung habe ihren Führer vor der Verwesung bewahrt. Bis heute ist der wächserne Kim Il Sung Staatschef, bis heute glänzt sei schwarzes Haar. Ohne ihn hätten sich weder sein Sohn noch sein Enkel behaupten können.

„Wo ist hier der Respekt?“ wetterte Hugo Chavez 2009, als in Venezuela eine Ausstellung plastinierter Körper Station machte. „Das sind menschliche Leichen! Wie makaber!“ Er schickte Zollfahnder los, ließ 400 Vernissagenbesucher verscheuchen und die Exponate sofort außer Landes schaffen. Tote zu begaffen sei „wirklich ein Zeichen der moralischen Zersetzung, die unsere Welt befallen hat“, sagte er.

Hugo Chavez wollte eigentlich in seinem Heimatort bestattet werden. Aber schon sind die Balsamierer beauftragt, um seine Leiche zu konservieren und auszustellen, auf ewig. Seine Nachfolger können nicht anders. Sie brauchen ihn noch.

 

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.