Deutsche Studierende seien eine ökonomische „Belastung“ für Österreich, titelte die Presse gestern. Nun ja. Atmosphärisch gesehen, sind sie eher eine Bereicherung.

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Man hört sie in der U-Bahn, man hört sie im Kaffeehaus, man hört sie im Uni-Hörsaal, man hört sie beim Bäcker. Manchmal stehen sie dabei auf der Verkäuferseite hinter der Budel (die sie Verkaufstheke nennen würden), manchmal auf Seite der Kundschaft. Die Deutschen: 153.491 von ihnen leben heute in Österreich,  wie eine aktuelle Studie vermeldet, doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren, 30.000 davon sind Studentinnen und Studenten, 18.000 kommen jedes Jahr neu dazu. Derart selbstverständliche Teilnehmer am österreichischen Alltag sind sie geworden, dass man sich schon kaum nicht mehr vorstellen kann, wieviel Emotion sie noch vor zwanzig Jahren auf sich zogen.

Damals, als im Fernsehen die „Piefke-Saga“ lief, in vier Folgen mit Rekordquoten. Als ein Deutscher nur ein, zwei Worte sagen musste, ein etwas zu bemühtes „Grüß Gott“ oder ein „Pfiati“ mit schiefem Unterton, um hinter seinem Rücken verächtliche Grimassen und wegwerfende Handbewegungen zu provozieren. Damals, als Deutschenfeindlichkeit der kleinste gemeinsame Nenner war, auf den sich beinahe alle Milieus auf Anhieb verständigen konnten; Meidlinger Friseurinnen ebenso wie Hietzinger Hofräte, Punks mit Irokesenfrisur ebenso wie Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr.

Nein, Österreich hat keinen Grund, auf diese ressimentgeladene Zeit stolz zu sein. Die Deutschen ließen sich dennoch nicht hinausekeln (entweder sie deuteten die Provokationen falsch, oder sie waren ihnen gleichgültig). Gottseidank. Denn sie haben das Land mit ihrer hartnäckigen Anwesenheit verändert. Zum Besseren.

Das hat zunächst biographische Gründe. Wien ist kein Sehnsuchtsort wie New York oder Rio. Die Zwanzigjährigen, die hierher kommen, folgen keinem großen Traum, sondern sind aus pragmatischen Gründen da. Was sie hergespült hat, ist meistens  bloß die Nähe, der Zufall, irgendeine Note im Abiturzeugnis. Numerus Clausus-Flüchtlinge leiden nicht wie echte Flüchtlinge. Sie hadern nicht mit ihrem Gastland, sie erwarten sich von ihm weder Rettung noch Läuterung. Sie wollen es bloß halbwegs nett und angenehm haben, zwei, drei, vier Jahre lang. Ok, da sind wir, was kann man hier morgen tun? Vieles! Na prima!

Unvoreingenommen konsumieren sie die Stadt. Gehen Bier trinken, setzen sich auf Wiesen, besuchen Konzerte, kaufen Gewand, entdecken Neues und freuen sich dran. Jö, das Cafe Jelinek! Jö, der Stausee Greifenstein! Zumal all diese Orte keine Geschichte mit sich herumschleppen. Sie kennen den Parapluieberg nicht von lähmenden Schulwandertagen, das Plachutta nicht von desaströsen Familienfeiern. Wenn sie Zeitung lesen, fehlt der bei Österreichern dauernd mitschwingende Subtext von Waldheim, Haider und Cordoba. Wenn sie streiten, geht es ums Hier und Jetzt, nicht um vererbte Fehden. Und wenn sie freundlich sind, sind sie das nicht, weil sie vom Herrn Papa oder von der Frau Tante eine Gefälligkeit erwarten. Weil sie gar nicht wissen, wer der Papa oder die Tante eigentlich sind.

Nüchternheit, Pragmatismus, eine ganz auf die Gegenwart und nahe Zukunft gerichtete Neugier: So etwas tut der Atmosphäre einer Stadt gut. Speziell wenn die Stadt Wien heißt, die sich mit Nüchternheit, Pragmatismus, Zukunft und Neugier generell ein bisschen schwer tut. Liebe Deutsche also, speziell liebe Studentinnen und Studenten: Danke, dass ihr da seid. Wir brauchen euch noch.

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