Dutzende Geheimnisse verraten wir jeden Tag. Auch solche, die wir besser für uns behielten. Bloß Geldgeheimnisse sind uns heilig. Logisch ist das nicht.

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Wir lieben Geheimnisse. Sie machen unser Leben interessant. Was ist, zum Beispiel, in der Extrawurst drin? Wie genau kommen Gesetze zustande? Wer geht da neuerdings beim Nachbarn ein und aus? Besser, wir wissen das gar nicht im Detail. Besser, wir haben Platz für unsere Phantasie. Totale Transparenz macht den Alltag öde und leer.

Es gibt jedoch zwei Sorten Geheimnisse. Erstens die Gewohnheitsgeheimnisse: Man weiß gar nicht genau, warum man sie hütet, aber man hat sie irgendwie lieb. Oder, wie Finanzministerin Maria Fekter sagt: „Es ist halt bei uns Tradition.“ Die andere Sorte sind die wirklich wichtigen. Deren Verrat uns verlegen, verwundbar, erpressbar, ausbeutbar machen könnte. Die niemanden etwas angehen außer unsere Liebsten – und manchmal nicht einmal die. Eigenartig ist jedoch, wie viel Energie wir auf die Verteidigung der ersten Sorte verwenden. Und wie leichtfertig wir die zweite Sorte oft preisgeben.

Zur ersteren Sorte gehört das Bankgeheimnis – zumindest für alle Menschen, die normale, legale Einkommen beziehen. Der Geldkreislauf in einem Land ist grundsätzlich keine heimliche Angelegenheit: Eine Ware hat einen Preis, eine Wohnung ebenfalls, für ein Arbeitsverhältnis gibt es einen Vertrag, für eine Dienstleistung eine Rechnung. Bei jeder dieser Transaktionen schneidet der Staat Steuern ab, je transparenter das alles abläuft, desto besser für den Wettbewerb – und wo ist das Problem? Auf meinem Girokonto liegen 4249,18 Euro. Ich wüsste nicht, warum Sie das interessieren sollte, aber es ist mir völlig gleichgültig, dass Sie es jetzt wissen. Das Finanzamt erfährt es ohnehin.

Ganz anders steht es um die zweite Sorte Gehemnisse. Die nicht das Haben, sondern das Sein betreffen: Was wir lieben, wie wir leben, was wir glauben, was wir fürchten, Körperliches, Intimes, Beziehungen. Über die elektronische Krankenakte diskutieren wir vergleichsweise wenig: Dass Ärzte wissen müssen, was mit einem Patienten los ist, um ihn richtig zu behandeln, steht außer Frage. Doch wieviel darf die Krankenkasse wissen? Ein privater Versicherer? Ämter? Arbeitgeber? Schon jetzt gibt es Zeitgenossen, die ihre Trainingspläne bereitwillig online stellen, samt Ruhepuls und Blutzucker. Macht sich irgendwann jeder verdächtig, der das verweigert?

Auf Schritt und Tritt lassen wir Informationen fallen, die andere bereitwillig aufsaugen: Der Telefonanbieter weiß, mit wem wir nachts reden, und ob diese Person unserem Family-Tarifpaket angehört. Amazon kennt unsere Leidenschaft für Splattermovies, Billa – via Kundenkarte – unsere heimliche Schwäche für fette Snackwürste, beides halten wir sogar vor dem eigenen Partner geheim. Facebook verteilt Urlaubsfotos an alle flüchtigen Bekannten, bis auch der letzte Unbekannte zweifelsfrei markiert ist. Der Drogeriemarktkette enthüllen wir, im Abtausch gegen ein paar Rabattpunkte, praktisch unser ganzes Leben: Die weiß, wenn wir aufhören, Tampons zu kaufen, wann ein Schwangerschaftstest auf dem Kassenbon steht, und wann das Kind aus den Windeln herauswächst.

Ein paar Jahre später werden wir dem Kind dann ein Smartphone kaufen, das sein tägliches Bewegungsprofil minutiös nachzeichnet, jede Begegnung und jeden Abstecher von der Routine notiert. „Aber ich liebe Geheimnisse“, wird sich das Kind entrüsten, „Geheimnisse machen das Leben interessant!“ „Du hast eh das Bankgeheimnis“, können wir dann antworten. „Das ist halt bei uns Tradition.“

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