Die Morde der linksradikalen RAF versetzten Deutschland in Ausnahmezustand. Nach den Morden der rechtradikalen NSU herrscht demonstrative Normalität.  Warum?

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Am 21.5.1975 begann am Oberlandesgericht Stuttgart der Prozess gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die sogenannte „erste Generation“ der „Rote Armee Fraktion“. Die Anklage lautete auf Mord in vier Fällen, Mordversuch, Mitwirkung an 50 Tötungsdelikten, Sprengstoffanschläge, Bankraub.

Das Land damals war ideologisch aufgeladen, in seinen Grundfesten erschüttert, kaum jemand konnte sich der allgemeinen Hysterie entziehen. Monatelang hatte die Presse gehetzt, kollektiv machte man Jagd auf „die Bande“. Der Prozess sollte die Extremsituation wiederspiegeln: Man präsentierte nicht nur 997 Zeugen, 1000 Gutachten und 40.000 Beweisstücke, sondern hatte für das Ereignis auch einen eigenen Gerichtssaal gebaut. Eine riesige Halle um 12 Millionen D-Mark, nackte Betonwände, acht Meter hoch, fensterlos, Neonlicht. Eine Festung, bewehrt von Stahlnetzen, Stacheldraht, Scheinwerfern und Spanischen Reitern. Über allem kreisten die Hubschrauber.

Der „Staatsnotstand“ rechtfertigte alles: Die Strafprozessordnung wurde laufend verändert, Verteidiger ausgeschlossen, die Angeklagten mit Wanzen abgehört. Bevor es noch ein Urteil gab, baute man schon den Gefängnistrakt für die Verurteilten. Denn es ging ums Ganze: Alle, alle sollten zuschauen, wie die Republik ihren Sieg über den linken Terror besiegelte.

Am 17. April 2013 beginnt nun am Oberlandesgericht München der Prozess gegen Beate  Zschäpe und vier Mitangeklagte der rechten Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“. Die Anlage lautet auf Mittäterschaft bei zehn Morden, Sprengstoffanschläge, bewaffnete Raubüberfälle. Doch von Ausnahmezustand oder Staatnotstand ist diesmal keine Spur. Stattdessen herrscht demonstrative Gelassenheit.

Es werde „ein ganz normaler Strafprozess“, sagt das Gericht. Die Politik hofft, man werde alles „vernünftig, fair und zielgerichtet bewältigen“. Der Rechtsstaat wolle den Terrorismus auch diesmal besiegen, klar, aber dafür brauche man keinen großen Saal mit vielen Zuschauern, und keine speziellen Regeln, um auch ausländische Berichterstatter dabeihaben zu können. Alles wie immer, lautet die Maxime; alles Routine; von ein paar Neonazis lässt sich Deutschland doch nicht aus der Ruhe bringen.

Das Ausmaß der beiden Verbrechen ist quantitativ vergleichbar. Atmosphärisch ist der Unterschied gewaltig. Wie ist das zu erklären? Darauf gibt es zwei Antworten. Die gutwillige Antwort lautet: Der Vergleich zeigt, wie sehr sich die deutsche Republik in den vergangenen vierzig Jahren gefestigt hat. Wie sicher sie sich fühlt, wie wenig sie sich von rechts bedroht sieht, und wie sehr sie ihrer Polizei, ihrer Justiz und ihren Institutionen vertraut, allen haarsträubenden Fahndungspannen zum Trotz.

Die böswillige Antwort findet, wer auf die Opfer schaut. Die Opfer der RAF hießen Norbert Schmid, Herbert Schoner oder Hans Eckart. Sie waren Menschen mit deutschen Namen, Polizisten, Stützen der Gesellschaft. Die Opfer der NSU hingegen hießen Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru oder Süleyman Tasköprü. Sie waren Blumenverkäufer, Änderungsschneider, Gemüsehändler, Dönerbudenbesitzer oder Handyshopbetreiber. Ebenfalls Stützen der Gesellschaft, aber anders.

Deutschland ließ sich von der Ermordnung der einen Menschen deutlich weniger erschüttern als von der Ermordnung der anderen: Dieser Satz ist brutal. Aber falsch ist er nicht.

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