Kinderfernsehen. Mal ist es schädlich, mal macht es schlau. Mal ist es für die Kinder da, mal für ihre Eltern. Aber es ist und bleibt das wichtigste Medium in der Familie.

Falter Nr 18/2013

Moritz schaut Biene Maja. Aber was ist denn mit der los? Maja schwirrt zwischen den Gänseblümchen umher, auf der Suche nach Flip, dem Grashüpfer. Heute trifft sie Ohrenkneifer Oswalt. Maja ist fröhlich wie meistens. Aber sie schaut verändert aus. Immer noch schwarz-gelb gestreift, aber dünner. Mit Glubschaugen und einer Frisur, deren Zipfel elastisch im Flugwind wippen. HDTV ist das, es ist der neue technische Standard im Fernsehen. Seit Anfang April ist Maja nicht mehr, was man früher eine „Zeichentrickfigur“ nannte, sondern ein computeranimiertes 3-D-Wesen. Maja fliegt in den neuen Folgen immer noch „durch ihre Welt, zeigt uns das was ihr gefällt“, aber nicht mehr 25, sondern nur noch jeweils zwölf Minuten lang. Mit Wickie, seiner Freundin Ylvi und den starken Männern aus Flaake wird demnächst das gleiche geschehen.

Verrat! schreit da die ewig nostalgische Wickie-, Slime- und Piper-Fraktion – „wir wollen unsere dicke alte Maja zurück!“. Man könnte jedoch ebensogut darüber staunen, dass Maja, ob dick oder dünner, überhaupt noch da ist. 1912 schrieb Waldemar Bonsels das Buch, 1975 entwarfen japanische Zeichner die Figur, seither läuft Maja in Endlosschleifen im Fernsehen. Sie begleitet bereits die dritte Kindergeneration, und wird wohl auch dann noch da sein, wenn Varroa-Milben und Pestizide alle real exstierenden Bienen ausgerottet haben.

Warum jedoch schaut Moritz „Biene Maja“, und nicht irgendwas Lauteres, Neues? Vielleicht weil es ihm gefällt. „Kinder brauchen gute Geschichten“, sagt Ingrid Paus-Hasebrink, Professorin für audiovisuelle Medien an der Uni Salzburg. „Maja ist neugierig, selbstbewusst, eine Gefährtin, auf die man sich verlassen kann, und die auch schwierige Situationen durchsteht. Solche Figuren können Kindern Orientierung geben, Handlungsvorlagen, die ihnen in ihrem umittelbaren Alltag helfen.“

Vielleicht hat das gute Gefühl, das sich bei Moritz einstellt, aber weniger mit Maja, und mehr mit Moritz’ Eltern zu tun. Die setzen sich vielleicht zu ihm aufs Sofa, wenn Maja läuft, sind gerührt, und erzählen Moritz vom Schwarzweiß-Fernseher ihrer eigenen Kindheit. In solchen Momenten wird Maja mit Bedeutung aufgeladen, die über Maja hinausreicht. Mit Beziehung. Mit Familie.

Moritz ist ein fiktives Kind. Es ist zwischen drei und dreizehn, lebt im Dorf oder in der Stadt, ist arm oder reich. Eines haben fast alle diese Kinder gemeinsam: dass sie fernsehen. Eigentlich könnte man glauben, Computerspiele, Handy und Youtube hätten dem Fernsehen im Kinderalltag längst den Rang abgelaufen – aber das stimmt nicht. Es ist „nach wie vor das dominierende Medium bei Kindern, und wenig deutet darauf hin, dass sich hieran in absehbarer Zeit etwas ändern wird“, heißt es in der deutschen KIM-Studie, die in 2-Jahres-Abständen das Medienverhalten der 6- bis 13jährigen untersucht. 79% schauen täglich fern, im Durchschnitt 98 Minuten lang. Für drei Viertel der 6 bis 7jährigen ist der Fernseher jenes Medium, auf das sie „am wenigsten verzichten wollen.“ Erst wenn Moritz zwölf, dreizehn wird, wird der Computer dem Fernsehen langsam ernste Konkurrenz machen. Wäre Moritz ein Mädchen, käme das sogar noch etwas später.

98 Minuten also. Ist das für Moritz schädlich? Das kann man nicht so genau sagen. Vor zwei Monaten gingen die Ergebnisse einer neuseeländischen Langzeitstudie um die Welt. Die beobachtete die Lebenswege von 1000 Kindern, die 1972 geboren wurden. Die Studie stellt einen direkten Zusammenhang zwischen TV und Knast her: „Jede Stunde mehr, die ein Kind wöchentlich vor dem Fernseher sitzt, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es als junger Erwachsener für eine Straftat verurteilt wird, um dreißig Prozent“ resümierten die Forscher im renommierten US-Journal „Pediatrics“ ihre Erkentnisse. Das liege weniger an den Programminhalten, sondern eher an den sozialen Folgen des Fernsehens: Vereinsamung, schwächere Schulleistungen, geringerer Austausch mit Freunden, Trägheit und Übergewicht. Damit stiege das Risiko, eine antisoziale Persönlichkeit zu entwickeln und aggressiv zu werden.

Eltern, die ihren Kindern das Fernsehen verbieten, sahen alle ihre Ängste hier sofort bestätigt. Skeptiker hingegen stellen die Frage nach der Henne und dem Ei: Vielleicht ist die „antisoziale Persönlichkeit“ nicht das Ergebnis, sondern der Anfang des Problems, und das Fernsehen nicht die Ursache, sondern die Wirkung? Ein Kind, das Schwierigkeiten mit Gleichaltrigen hat, aggressiv, träge oder einsam ist, wird sich wahrscheinlich öfter vor die Glotze setzen  – weil es sonst keiner mag. Doch was kann die Glotze dafür?

Nächste Frage: Was schaut Moritz genau, wenn er schaut? Das hängt zunächst davon ab, wie alt Moritz ist. Ein Dreijähriger, der noch einen Schnuller braucht, hat mit einem präpubertierenden 12jährigen wenig gemein. Auch innerhalb derselben Alterskohorte haben Kinder unterschiedlichste Vorlieben. 82% haben eine Lieblingssendung. Die kann alles mögliche sein, nicht bloß aus der Kindernische: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, Fußball, „Simpsons“, „Die große Chance“, DSDS, Hannah Montana, oder die Lottoziehung.

Am ehesten hängen Moritz’ Vorlieben davon ab, in welchem Milieu er aufwächst. Hat er bildungsbeflissene Eltern, schaut er wahrscheinlich KIKA. Dort läuft „Die Sendung mit der Maus“, Wissensmagazine, oder „Logo!“, die weltgewandten Kindernachrichten. Kommt er aus sozial benachteiligen Verhältnissen, läuft daheim eher Super-RTL, und Fiction-Serien wie „Pokemon“, „Yu-Gi-Oh“ oder „Dragonball Z“. Wesentliches Merkmal dieser Serien ist, dass sie gemeinsam mit Videogames und Spielzeug vermarktet werden – dass sich mit ihnen also viel Geld verdienen lässt.

Machen die Erwachsenen mit Moritz also gute Geschäfte? Die Erwachsenen in der Spielzeugindustrie sicher. Jene in den Fernsehstationen weniger. Super-RTL sendet zwar Werbung, aber weniger als die übrigen Privat-Kanäle; die EU-Richtlinien  verbieten hier die Unterbrecherwerbung. Bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten ist Kinder-TV überhaupt werbefrei („eine freiwillige Selbstverpflichtung, die uns vom Gesetzgeber gar nicht vorgeschrieben wäre“, wie ORF-Unterhaltungschef Edgar Böhm betont). Deswegen spielen auch die Einschaltquoten bei Kindern eine geringere Rolle als bei Erwachsenen.

Es ist also 6 Uhr 25, und Moritz schaltet ORF 1 ein. Der Morgen graut, Zeit zum Aufstehen, und im ORF kommt „Freddy und die wilden Käfer“. Freddy Gigele ist ein volkstümlicher Musiker, die Haare fallen in fahlen graublonden Locken auf seine Schultern, meistens sitzt er an einem bunt lackierten Flügel in einer Alpenkulisse. Diesmal hat er sich, samt Banjo, auf einen Strohballen gestellt und singt von einem „immer fröhlichen Cowboy Joe, yippi-ei-ey“, zehn Kinder mit Cowboyhut und Halstüchern umreiten ihn artig auf Steckenpferden. Täglich um 12.40 kommt Freddy dann noch einmal dran, mit Musik, die man sonst nur von Feuerwehrfesten und goldenen Hochzeiten kennt. Es handelt sich offenbar um eine Produktion, die dem ORF-Kinderprogramm seine „spezifisch österreichische Farbe“ geben soll.

Gefällt dir das, Moritz? Gefällt Ihnen das, Herr Böhm? Böhm ist ein freundlicher, höflicher Mensch. „Da bin ich kein Fachmann“, sagt er. „Aber viel Eltern sagen uns: Gottseidank ist da einer im Fernsehen, der den Kindern etwas vorsingt. Denn dass die Eltern noch Lieder singen – das gibt’s ja gar nicht mehr.“

Womit wir wieder bei Moritz’ Eltern wären. Ihren Idealvorstellungen von Familie, ihren Bedürfnisse, ihren gefühlten Defiziten. Die sich ebenfalls in den Sendeplätzen des ORF-Kinderprogramms spiegeln: wochentags von 6 bis 8 Uhr früh und von 13 bis 15 Uhr, am Wochenende von 6 bis 12. Diese Zeiten haben wenig mit den Prioritäten von Kindern, umso mehr mit jenen ihrer Eltern  zu tun: Am Wochenende wollen Mama und Papa ungestört im Bett bleiben; an Werktagen braucht man morgens einen Ort, wo man das kleinere Kind parken kann, während man dem größeren die Jausenbrote schmiert; und wenn die Halbtagsschule vorbei ist, steht Mama in der Küche und macht den Abwasch. Zumindest stellt man sich das in den TV-Direktionen ungefähr so vor.

So seltsam diese Zeitschienen auch anmuten – sie kommen beim Publikum an, die Quoten sind gut. „Früher wäre das ein No-go gewesen, Kinder frühmorgens fernsehen zu lassen, aber heute ist das offenbar ganz normal“, sagt Böhm. Er sieht die Aufgabe des ORF darin, inmitten des immer unübersichticheren Medienangebots „sichere Zonen“ anzubieten. Wo es keine Gewalt gibt. Wo Eltern sich keine Sorgen machen müssen, dass die Kids etwas Schädliches zu sehen kriegen. In anderen Worten: Das TV-Gerät ist für Moritz vor allem als Babysitter da.

Inhaltllich hat der ORF diese Sendestunden 2008 beinahe komplett ausgelagert – an Thomas Brezina und die Firma „Kids TV“. Brezina, einst ORF-Mitarbeiter, weiß, was seiner Kundschaft gefällt: Vor 20 Jahren erfand er „Tom Turbo“, das sprechende Fahrrad, ebenso wie die „Knickerbockerbande“, mittlerweile ist er Autor von 550 Kinderbüchern, die sich weltweit sagenhafte 40 Millionen mal verkauft haben und in 35 Sprachen übersetzt wurden. In China ist Brezina ein Superstar, Multimillionär wohl ebenfalls. Doch er kann es nicht lassen: Auch heute noch ist er, gemeinsam mit seinem Freund Tom Turbo, auf dem Bildschirm zu sehen – als Privatdetektiv, der von seiner Gartentonne aus in sein unterirdisches Detektivbüro hinunterrutscht.

Mit dem „okidoki“-Kinderfernsehen traf der ORF einige Grundsatzentscheidungen: Man kümmert sich heute hauptsächlich um die 3- bis 6jährige Zielgruppe, die älteren ließ man ziehen – in Richtung Privat-TV, Serien und Computer. Zweitens hat man sich aus der Kinder-Primetimezwischen 6 und 8 völlig ausgeklinkt – „gegen KIKA antreten zu wollen, hätte überhaupt keinen Sinn“, so Böhm.

Am späten Nachmittag schaut Moritz also KIKA. Was kein Fehler ist. Denn über weite Strecken ist der öffentlich-rechtliche Kinderkanal, ein Gemeinschaftsprodukt von ARD und ZDF, wirklich gut. „Zentrales Anliegen ist die Vermittlung von sozialer und medialer Kompetenz“ heißt es in den Grundsätzen des Senders, „wir wollen zur Geschmacksbildung beitragen“, sagt die Pressestelle. Auch auf KIKA laufen Biene Maja, Nils Holgersson und Wickie. Der Bildungsauftrag versteckt sich gut, hinter flotten Sprüchen. Doch das aufklärererische Ziel klingt stets leise durch. Und die Vielfalt der Moderatorengesichter und –namen zeigt, dass man es mit der Diversität ernst nimmt.

Magazinsendungen wie „pur plus“ greifen mitten ins Leben hinein, ohne jede kindliche Herzigkeit: Mal geht es um Mobbing in der Schule, mal um Gewichtsprobleme. Es werden Szenen nachgespielt, wie sie Kinder in Scheidungs- oder Patchworkfamilien oft erleben: Wie die Mama das Kind über den Papa ausfragt, wie der Papa schlecht über die Mama redet, wie man versucht einander zu verletzen. Das Fernsehen ergreift in solchen Konflikten radikal Partei – und zwar gegen die Erwachsenen. Es bestärkt Kinder, ihre Eltern in die Schranken zu weisen.

Auch „Willi Wills wissen“ kennt keinen Genierer. Er nimmt sich nicht bloß klassische Kinder-TV-Themen wie die Müllabfuhr oder den Zoo vor, sondern auch die ersten und letzten Fragen der Menschheit: Am Bauernhof hilft er zuerst dem Bullen, sein Sperma loszuwerden, und anschließend der Kuh bei der Besamung. Zu Allerheiligen nimmt er die Kinder mit ans Sterbebett eines alten Mannes. Und nachdem der gestorben ist, will er herausfinden, wie sich ein Toter anfühlt.

Darf man das? Oja. Und es gefällt, in seiner Direktheit, nicht nur Moritz. „Willi wills wissen“ dient mittlerweile als Vorbild für eine ganze Generation neuerer Reportagesendungen für Erwachsene: Auch dort hat inzwischen die betuliche Erzählerstimme aus dem Off ausgedient. Stattdessen läuft die Kamera dem Reporter auf seinen Entdeckungsreisen hinterher.

Kann Fernsehen Moritz also gescheiter machen? Durchaus möglich, meint Ingrid Paus-Hasebrink. Gerade in einem schwierigen Umfeld, wo wenig Anregungen geboten werden, könne Fernsehen andere Handlungsmöglichkeiten zeigen als jene, die die Eltern vorleben. Die Wissenschaftlerin hat speziell die Mediensozialisation in sozial benachteiligten Familien untersucht. „Ein Mädchen in meiner Studie wollte unbedingt Forscherin werden. Die Idee hatte sie aus einer Kindersendung im Fernsehen.“

Dieser aufklärerische Traum wurzelt in den USA, in den späten Sechzigerjahren. Das Bruttosozialprodukt stieg damals stetig, die Babys der geburtenstarken Jahrgänge wuchsen eben vom Trotz- ins Vorschulalter hinüber, und man glaubte fest an den Zusammenhang von Modernisierung, Bildung und Fortschritt. In dieser Zeit entstand der Kinder-TV-Klassiker „Sesame Street“. Die Idee war, Kindern aus ärmeren Schichten einen Startvorteil zu geben: Das Fernsehen sollte ihnen lesen und rechnen beibringen, ehe sie in die Schule kommen – damit sie dort mit den privilegierteren Gleichaltrigen besser mithalten können.

Mit fordistischer Genauigkeit machten sich Produzentin Joan Gantz Cooney und der Harvard-Psychologe Gerald Lesser damals an die Arbeit. Sie ordneten Versuchsreihen an, vermaßen Aufmerksamkeitsspannen und erstellten Statistiken, um genau herauszufinden, wann Kinder zuschauen und wann nicht. Die Annahme, es müsse auf dem Bildschirm so viel wie möglich blinken und blitzen und lärmen, um sie zu fesseln, stellte sich dabei als grundfalsch heraus. Stattdessen stießen sie auf eine gegenteilige Regel: Wenn Kinder verstehen, schauen sie hin. Wenn sie verwirrt sind, schauen sie weg.

Dieser Satz wurde zum Erfolgsrezept von „Sesame Street“, und gilt bis heute, nicht nur in Amerika. „Die Sendung mit der Maus“ ist ein Überbleibsel aus jener Zeit, in der auch Deutschland und Österreich optimistisch in die Moderne schritten: Die Maus ist neugierig auf die Zukunft, „das war schon immer so“ lässt sie als Argument nicht gelten. Wie die Maus sollten auch die Kinder forschen, ausprobieren, Maschinen bauen, sich die Welt aneignen, sie verändern und nach ihren eigenen Bedürfnissen formen.

„Die Sendung mit der Maus“ läuft heute immer noch, mit derselben Signation wie 1973. Schaust du die auch, Moritz? Manchmal. Obwohl sie, im Vergleich zur Biene Maja, schon ein bisschen altmodisch ausschaut.

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