Was wir noch viel stärker beachten sollten, wenn wir garantiert schlechte Stimmung auf der Straße wollen: Anmerkungen zur Fahrradwoche in Wien

Presse-Kolumne

1. Identifizieren Sie sich stets mit Ihrem Verkehrsmittel. Indem Sie „Ich“ statt „das Auto“ sagen, oder „ich“ statt „das Fahrrad“. Fühlen Sie sich auch dann noch als „Autofahrer“ oder „Radfahrerin“, wenn Sie Kuchen essen, fernsehen, Nasebohren oder sonstetwas tun. Identifizieren und beurteilen Sie nach demselben Muster auch alle anderen Verkehrsteilnehmer. Je eindeutiger die Zuordung, desto eindeutiger die Fronten.

2. Wechseln Sie jedoch sofort die Identifizierung, sobald Sie das Verkehrsmittel wechseln. Vergessen Sie schlagartig alle Erfahrungen, die Sie jemals auf dem Fahrrad oder zu Fuß gemacht haben, sobald Sie ins Auto oder in die Straßenbahn steigen – und umgekehrt.

3. Bestehen Sie stets darauf, Recht zu haben, wenn Sie Recht haben. Bestehen Sie auf Ihrer Spur, Ihrem Vorrang, Ihrem Tempo – auch wenn’s brenzlig wird. Was Ihnen zusteht, steht Ihnen schließlich zu!

4. Verbergen Sie stets, dass Sie Unrecht haben könnten, selbst wenn Sie tatsächlich Unrecht haben. Diese Genugtuung sei niemand anderem gegönnt!

5. Entschuldigen Sie sich nie. Es könnte Ihnen als Schwäche ausgelegt werden.

6. Ordnen Sie die Hierarchie aller Verkehrteilnehmer grundsätzlich nach Gewicht, PS und Anschaffungspreis des Fahrzeugs. Wer mehr hat, darf mehr; schließlich hat er oder sie mehr dafür bezahlt. Weichen Sie nur vor jenen zurück, die in der Hierarchie deutlich über Ihnen stehen. Bei Gleichrangigen rangeln Sie. Bei Untergeordenten zeigen Sie sofort, wer der Chef ist.

7. Weigert sich jemand ganz offensichtlich, in denselben Kategorien zu denken und zu handeln – verachten Sie ihn. Ein Chef gratis zu Fuß? Freiwillig in der Bim? Mit dem stimmt etwas nicht.

8. Fühlen Sie sich überlegen, sobald Sie schneller vorwärts kommen als jemand anderer. Wenn Sie vorbeidüsen, werden Sie bewundert und beneidet, und wer Ihre Rücklichter sieht, kann gar nicht anders: Der wünscht sich ganz sicher in der Sekunde, er wäre Sie!

9. Setzen Sie deswegen alles daran zu vermeiden, dass ein anderer schneller vorwärts kommen könnte als Sie selbst. Wenn Sie feststecken, sollen gefälligst alle anderen ebenfalls feststecken. Und wehe, es flaniert einer frech an der Kolonne vorbei! Wo kämen wir denn da hin!

10. Gehen Sie grundsätzlich immer davon aus, dass ausschließlich Sie zu wichtigen Terminen unterwegs sind, wo Ihre persönliche Anwesenheit unersetzbar ist, und alles ohne Sie zusammenbricht. Alle anderen Verkehrsteilnehmer hingegen fahren sicher nur sinn- und ziellos zum Spaß in der Gegend herum.

11. Sind Sie zufällig gerade entspannt? Fröhlich gar? Vermeiden Sie tunlichst, das irgendjemandem zu zeigen. Wer weiß, vielleicht raubt Ihnen just deswegen jemand bei der nächsten Kreuzung den Vorrang?

Schließlich 12., ganz wichtig: Telefonieren Sie. Immer. Spielen Sie Handy-Spiele, schreiben Sie SMS, checken Sie jede Minute Ihren Email-Account, Sie könnten etwas versäumen, und Sie haben ja genügend Hände frei. Wenn nicht, dann hören Sie wenigstens laut Musik. Ist ja nicht so wichtig, wer da grad neben Ihnen/vor Ihnen/hinter Ihnen/neben Ihnen geht/fährt/steht.

Aufmerksamkeit würde ja bedeuten, andere Menschen Bedeutung zu schenken. Es würde verraten, dass einem deren Wohlergeben und Gesundheit am Herzen liegen. Es wäre ein Zeichen von Wertschätzung, Sorge und Respekt. Und wer braucht das schon?

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