Grell und lebendig wie ein Bollywood-Film, wahr wie eine wissenschaftliche Studie: Wer Indien verstehen will, muss „Annawadi“ lesen

Eine Buchrezension für den Falter

Die einbeinige Fatima nahm ein Streichholz und zündete sich an. Der Sari fing sofort Feuer, die Haare ebenso, denn sicherheitshalber hatte sich Fatima vorher einen ganzen Kanister Petroleum über den Kopf geleert. Ihre kleine Tochter Nuri steckte eben den Kopf durch ein Loch in der Wand und schaute zu. Es machte Wuuusch, dann machte es Bumm, dann schrie Nuri: „Meine Mutter! Sie brennt!“ Die Nachbarsjungen warfen sich mit voller Kraft gegen die Tür, doch es dauerte eine Weile, bis es ihnen gelang, das Schloss aufzubrechen.

Nuri begriff nicht ganz, was ihre Mutter da tat. Aber es folgte einer ganz eigenen, ganz speziellen Logik, einer Logik der Armen. Die einbeinige Fatima wollte ihren Nachbarn, der Familie Husain im Hüttenverschlag nebenan, etwas Böses tun. Sie wollte sich rächen für jahrelangen Spott und Hänseleien. „Ich lass nicht locker, ich reite eure ganze Familie in die Scheiße!“ hatte sie noch am Vortag gedroht. Sie meinte es sehr ernst.

Aber sie hatte halt nicht viele Möglichkeiten – als humpelnde, invalide Frau, Gattin eines arbeitslosen Trinkers, ohne Macht, ohne Geld, ohne gute Beziehungen zur Obrigkeit oder zur Polizei. Sie hatte nur ihren Körper, den sie einsetzen konnte, um ihr Ziel zu erreichen.

Es sollte so aussehen, als hätten die Husains Fatima in den Selbstmord getrieben. Dann käme die ganze verhasste Familie endlich ins Gefängnis. Das sollte Fatimas Rache sein. Um den Preis, dass sie selber dabei ums Leben kam.

Dass Gewalt in breiten Teilen der indischen Gesellschaft zum Alltag gehört, ist seit ein paar Monaten einer größeren globalen Öffentlichkeit ins Bewusstsein gerückt. Immer öfter wird über brutale Misshandlungen von Frauen berichtet, über Vergewaltigungen und Morde, die bisher selten thematisiert wurden – schlicht deshalb, weil sie, zumindest in der indischen Unterklasse, lange als „normal“ galten.

Was ist da eigentlich los, im Wirtschaftswunderland Indien, in der größten Demokratie der Welt? Wie leben die Menschen in den Millionenslums, den sogenannten „Unterstädten“? Wie gehen sie miteinander um? Was fühlt man, was hofft man, was fürchtet man, wenn man von ein paar Rupien am Tag lebt, von der Hand in den Mund? Und was für ein Mensch wird man, wenn man sich täglich ducken muss, aus Angst vor Gewalttaten, oder schlicht aus Gewohnheit?

Es gibt jetzt ein Buch, das uns helfen kann, genau das zu verstehen. Katherine Boo, die jahrelang bei der „Washington Post“ und beim „New Yorker“ arbeitete, ist eine Reporterin der radikaleren Sorte. Soll heißen: Eine, die ihre Sache ernst nimmt. Drei Jahre lang nistete sie sich in Annawadi ein, einem von vielen Slums in der Mega-City Mumbai, gleich neben der Autobahn zum internationalen Flughafen. Warum? „Ich war einfach nur noch wütend über die üblichen rührseligen Elendsbilder aus Indien, diese Schnapschüsse von klapperdürren Kindern mit Fliegen in den Augen und anderen Emblemen des Jammers.“

Statt diesen namenlosen Phantomen ein paar weitere hinzuzufügen, zeichnete Boo die wirklichen Geschichten wirklicher Menschen auf. Beobachtete die Lebenswege der Familien einer einzigen Slumgasse, machte Fotos und Videoaufnahmen, recherchierte alles, was sie erzählten, in amtlichen Akten und Polizeiberichten nach. Und fügte schließlich alles zu einem Mikrokosmos zusammen, der in seinen farbigen Einzelheiten schillert wie ein Panorama-Epos aus Bollywood.

Da ist die stets einparfümierte einbeinige Fatima, mit ihren kajalschwarz umrandeten Augen, die in ihrem Verschlag am Klärteich heimlich Liebhaber empfängt. Da ist ihr autistischer Nachbar Abdul, der sich mithilfe seiner Kopfhörer völlig aus der Welt ausklinkt, während seine Finger sich stundenlang durch riesige Haufen voller Müll arbeiten. Er sortiert sortenrein: Kabelhüllen zu Kabelhüllen, Kronkorken zu Kronkorken, und ernährt damit seine Familie. Da ist sein Berufskollege Kalu mit der glänzenden Haartolle, der die ganze Nachbarschaft damit unterhält, Dialoge aus Fernsehserien nachzuspielen. Er schnüffelt Tipp-Ex, das die Sekretärinnen aus den Fenstern der glänzenden Hochhäuser werfen, und irgendwann liegt seine grausam verstümmelte Leiche in einem Blumenbeet vor der Flughafengarage.  Und da ist die ehrgeizige Asha, die alles daran setzt, zur Slumbaronin aufzusteigen. Für Geld tut sie alles: Herzklappenoperationen vermitteln, Zeugenaussagen erpressen, Publikum für Politikeransprachen kaufen, wohlmeinende NGOs hinters Licht führen.

Alles echte Namen, alles echte Geschichten. Sie sind so fremd in dem, was sie uns über Indien offenbaren – über das rätselhafte Kastenwesen, die religiöse Schicksalsergebenheit, den blanken Zynismuss der Politik. Und doch kommen uns Fatima und Anil, Kalu, Asha und all die anderen in ihren manchmal tragikomischen Alltagsverstrickungen ganz nah. Sie sind eitel wie wir, ehrgeizig wie wir, ängstlich wie wir. Sie sind gar nicht so anders. Sie haben nur weniger Möglichkeiten. Denn „aus sicherer Entfernung entgeht einem leicht, wie grausam schwer es ist, in Unterstädten, in denen die Korruption regiert und wo erschöpfte Menschen auf engstem Raum um Brosamen konkurrieren, ein guter Mensch zu sein.“

„Schön – unverwüstlich – schön – unverwüstlich“ steht auf den Plakatwänden an der Flughafenautobahn, die über Annawadi und seine Bewohner ragen. Sie werben für Keramikfliesen im toskanischen Landhausstil, und geben der englischen Orignalausgabe des Buches ihren Namen. Es wäre auch für die deutsche Übersetzung der passende Titel gewesen.

Katherine Boo: Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben. Droemer Verlag 2012

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