In Wien leben mehr Bezieher von Mindestsicherung als irgendwo sonst. Warum? Weil man in die Großstadt geht, wenn man anderswo mit dem Leben nicht zurande kommt.

Presse-Kolumne

193.000 Menschen in Österreich beziehen Mindestsicherung. Das heißt: Sie bekommen jenen Betrag, der ihnen auf das Existenzminimum von 794 Euro im Monat fehlt. 111.700, also die allermeisten dieser Menschen, leben in Wien, die übrigen 40% verteilen sich auf alle anderen Bundesländer. Woher kommt dieses Ungleichgewicht? Die SPÖ sei Schuld, sagt die ÖVP. Die ÖVP sei Schuld, sagt die SPÖ. Beides ist wahlkampfbedingter Unsinn. Es liegt weder an der SPÖ noch an der ÖVP. Es liegt nicht einmal an Wien. Es liegt an der Großstadt an und für sich.

Was tun man, wenn das Geld hinten und vorn nicht reicht? Wenn der Job weg ist, die Schulden drücken, das Haus kaputt ist, und am Zehnten des Monats schon nichts mehr am Konto? Wahrscheinlich bittet man zunächst Verwandte um Hilfe. Lässt sich von der Schwiegermutter die dringend benötigten Kinderschuhe schenken. Borgt sich ein paar Hunderter aus. Das macht man einmal, zweimal, dreimal – aber irgendwann schämt man sich. Traut sich nicht, beim Amt um Beihilfen anzusuchen, denn am Schalter sitzt die Schwägerin der Nachbarin, und wer weiß, wem man im Wartezimmer begegnet? Man spürt ja eh schon, dass alle tuscheln. Dass man unter Beobachtung steht, mitleidig oder missbilligend, je nachdem.

In einer derartigen Situation zieht man weg, in die Stadt. Dort weiß keiner, wer man ist. Dort muss man sich nicht verstecken. Vielleicht tut sich sogar die Chance auf einen neuen Job auf? Einen neuen Partner?

Das war immer schon so. Im Mittelalter war die Stadt der einzige Ort, an dem sich leibeigene Bauern dem Zugriff ihrer Grundherren entziehen konnten. Sobald sie sich „ein Jahr und einen Tag“ hinter den Stadtmauern aufhielten, hatte ihr Herr keinen Anspruch mehr auf sie. Manchmal hatten diese Bauern daheim im Dorf etwas angestellt, manchmal nicht – egal. Die städtischen Handwerker, bei denen sie als billige Arbeitskräfte Verwendung fanden, fragten jedenfalls nicht nach.

In der Zeit der Industrialisierung war es ähnlich: Wer im Dorf in Ungnade fiel, sich mit Verwandten überworfen hatte, zog in die Haupt- und Residenzstadt der Monarchie, um dort auf eigenen Beinen zu stehen. Frauen, die weg wollten, gingen „in den Dienst“. Wurde ein unverheiratetes Mädel schwanger, packte sie heimlich ihr Bündel und machte sich auf den Weg zum Wiener Rennweg, ins Findelhaus. Gewalt, Missbrauch, Perspektivlosigkeit: Es gibt viele Gründe, der familiären Enge des Dorfes entkommen zu wollen.

Dass der Moloch Großstadt die Menschen kaputtmacht – das ist eine uralte Geschichte. Meistens wird sie so erzählt: Am Land sind die sozialen Beziehungen intakt und die Luft sauber, das halte die Menschen ehrlich, gesund und leistungsfroh. Die Stadt hingegen, samt Dreck, Lärm und Anonymität, verrohe die Menschen, verführe sie zu Drogen, Spielsucht und hemmungslosem Konsum, erzeuge Verwahrlosung, soziale Probleme aller Art.

Diese Geschichte war immer schon eine Lüge. Erzählt man sie umgekehrt, kommt sie der Wahrheit wohl näher: Die Großstadt war und ist der Zufluchtsort für Menschen in Krisensituationen. Für Stolpernde, für Menschen, die man woanders nicht haben will, denen man das Leben zur Hölle gemacht, die vor etwas davonlaufen. Aber die sich noch nicht ganz aufgegeben haben.

Die Großstadt fragt nicht viel. Sie steht einfach zur Verfügung. Im Unterschied zum Mittelalter nicht nicht nur mit Luft, sondern sogar mit 794 Euro dazu.

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