Streunerhunde machen Menschen das Leben schwer, den ärmsten Menschen ganz besonders. Doch aus der Ferne tun einem bloß die Tiere leid.

Presse-Kolumne

Die „Kronen-Zeitung“ macht sich Sorgen. Nein, das könne man nicht länger mitansehen: das „barbarische Vorgehen“, die „grausamen Attacken“. Man müsse „befürchten, dass der Hass außer Kontrolle gerät“. Worum geht es? Um die Opfer des syrischen Bürgerkriegs? Um Menschen im Kongo? Oder um Angehörige der Roma-Minderheit in Rumänien, ausgegrenzt, drangsaliert, in steter Angst davor, Opfer von Hass-Attacken zu werden?

Ja, um Rumänien geht es. Aber nicht um Menschen, sondern um Tiere. Genauer gesagt: um Hunde. Um deren Wohlergehen nicht nur die „Krone“ bangt, sondern auch die FPÖ, Tierschutzorganisationen wie die „Vier Pfoten“, Demonstranten in München (Freitag), Wien (Samstag) und Berlin (Montag), sowie Brigitte Bardot. Die alles sagen: Es drohten „Abschlachtungen“, „Massaker unvorstellbaren Ausmaßes“, „Nazi-Methoden“. Es klingt wie vor zwei Jahren, als die „Krone-Tierecke“ gegen einen angeblichen „Massenmord“ an Hunden in der Ukraine mobiliserte – illustriert mit grauslichen, allerdings gefälschten Fotos.

Die Hunde, die man diesmal in Rumänien retten will, sind keine Schoßhündchen, die regelmäßig shamponiert und mit Chappi verwöhnt werden, sondern gequälte Kreaturen. Räudige, verlauste, verkrüppelte Straßenköter, die es gewöhnt sind, dass man sie mit Stöcken schlägt und Steine nach ihnen wirft. Zehntausende solcher Hunde streunen durch die Straßen von Bukarest. Vergangene Woche haben sie den vierjährigen Ionut zerfleischt, mit mehreren hundert Bissen. Seine Großmutter hatte ihn auf dem Spielplatz aus den Augen verloren. Eine Stunden später lag er elend verblutet in einem Distelgestrüpp.

Unter dem Eindruck dieses Unglücks erließ das rumänische Parlament ein Gesetz, das die Tötung von Straßenkötern erlaubt. Tierheime müssen sie nur noch 14 Tage lang durchfüttern; wenn sich bis dahin kein Abnehmer findet, dürfen sie künftig eingeschläfert werden.

Die Streuer von Bukarest können selbstverständlich nichts dafür. Sie sind Produkt der Geschichte ihres Landes, Indikatoren für dessen soziale Verwerfungen. Dass es sie überhaupt gibt, hat mit Diktator Nicolae Ceaucescu zu tun, und dessen Allmachtsphantasien. Er ließ die Altstadt niederreißen, wo es kleine Gärten samt Haustieren gab. Die Menschen wurden in Plattenbauten zwangsumgesiedelt, die Hunde blieben. Und vermehrten sich, allen Sterilisierungskampagnen zum Trotz. Nach der Wende, als die öffentliche Ordnung zerfiel, übernahmen die Hunde die Herrschaft über die Chaoszonen und über die Nacht. Die Müllabfuhr kam nicht mehr; stattdessen ernährten sich die Köter aus den Abfallbergen. Bellten dann die Straßenkinder herbei, die in ein einem nächsten Verwertungsschritt alles recycelbare Zeug herausholten. Dann erst kamen die Ratten.

Jene Menschen, die „wie arme Hunde“ leben, sind wirklichen Hunden stets am unmittelbarsten ausgesetzt. Menschen ohne schützende Mauern und ohne versperrbare Türen: Obdachlose, Straßenkinder, Junkies. Roma ohne Fließwasser, die sich am Dorfrand waschen gehen. Wo Hunderudel streunen, leben sie in steter Angst. Vor ihren Bissen, ihren Flöhen, ihrer Tollwut, ihren Würmern, ihrem Dreck.

Wer billige Emotionen schüren will, kann all das natürlich ausblenden. Sich aus sicherer Entfernung zum „Tierschützer“ aufspielen. Oder aber: Man schaut genauer hin.

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