Was tun, wenn in sozialen Netzwerken wilde Verschwörungstheorien kursieren? Der Streit um rumänische Streunerhunde offenbart ein journalistisches Dilemma

Presse-Kolumne

Danke, liebe Leserinnen und Leser, danke insbesondere an die Tierschutzbewegten unter Ihnen! Dank Ihrer tatkräftigen Hilfe, dank hunderter Mails, Postings und Facebook-Kommentare weiß ich jetzt endlich, wie sich ein richtiger Shitstorm anfühlt. Einige Erkenntnisse: Es ist von Vorteil, auch ein Leben außerhalb der sozialen Netzwerke zu haben. Man darf nie etwas persönlich nehmen. Und: Es geht schnell vorbei.

Etwas anderes jedoch bleibt: eine Irritation, die über den Anlassfall hinausweist. Ein Shitstorm nämlich verrät, auf welchen Wegen Informationen online weitergegeben werden, und dabei kann einem schon ein  bisschen unheimlich werden. Irgendeine obskure Figur sagt auf irgendeiner obskuren Website irgendetwas – wenn es in den richtigen Verteilern landet und auf eine passende Erwartungshaltung im Publikum trifft, wächst ein Gerücht so rasch zu monströser Größe heran.

Illustrieren wir das am konkreten Beispiel, das hier vergangene Woche Thema war. Seit Anfang September rumänische Straßenhunde einen vierjährigen Buben totbissen, kursiert in Tierschützer-Foren eine wilde These: Der Bub sei gar nicht von den Hunden getötet, sondern von Pädophilen missbraucht, ermordet und den Hunden erst nachher zum Fraß vorgeworfen worden, um das Verbrechen zu vertuschen. Die rumänische Regierung decke diesen Mord, um davon abzulenken, dass sie eine Goldmine ausbeuten wolle. Einzige identifizierbare Quelle dieser Geschichte ist Corneliu Vadim Tudor, der sie „in Geheimdienstkreisen gehört“ habe. Tudor, einst Hofdichter Ceausescus, heute Holocaust-Leugner und rechtsradikaler Europaparlamentarier, ist in Rumänien längst als durchgeknallt bekannt. Woher weiß Tudor, was er erzählt? War er dabei? Ist seine Geschichte wahrscheinlich, ist sie plausibel, ist sie logisch? Egal. Im Brustton der Überzeugung, man sei einer brisanten Wahrheit auf die Spur gekommen, wird gepostet, verlinkt und hyperventiliert. Man hat es ja im Internet gelesen! Dutzende Male! Wahnsinn! Und ständig kriegt man es von anderen Leuten wieder geschickt! Dann muss doch was dran sein!

Für seriöse Medien erwächst daraus ein Dilemma. Soll man tatsächlich Mühe und Ressourcen aufwenden, um offensichtlichen Unsinn zu widerlegen – oder verleiht man Gerüchten mit deren öffentlicher Widerlegung erst recht Gewicht? Ignorieren ist prinzipiell angemessener, hat auf Verschwörungstheoretiker allerdings oft die gegenteilige Wirkung. Denn beweist das Schweigen nicht erst recht, dass alle miteinander unter einer Decke stecken? Dass Politik, Geheimdienste, Medien, Mörder ein Schweigekartell bilden, das die Wahrheit mit Gewalt unterdrückt und das Volk systematisch belügt?

Der „Presse“-Korrespondent hat, wie mehrere seriöse Journalisten anderer seriöser Medien und Nachrichtenagenturen, die Hintergründe dieses Gerüchts längst aufgeklärt (am 15.9.) – doch es nützt nichts. Wer nicht glauben will, liest es nicht. Wer es liest, glaubt es nicht. Man glaubt nur, was man glauben will: Nach diesem Muster funktionieren alle Verschwörungstheorien – vom Kennedy-Mord bis zur Legende, der israelische Geheimdienst stecke hinter den Attentaten von 9/11. Genau das macht Aufklärung so schwer.

Medien verstanden sich traditionell als „Gatekeeper“. In der Theorie ist es ein hehres Bild: Die Öffentlichkeit wird durch einen Zaun geschützt; an dessen Pforten stehen redliche Wächter, die dank ihrer journalistischen Erfahrung zwischen Information und Unsinn zu unterscheiden vermögen. In der grauen Praxis sind diese Pforten jedoch oft nicht mehr erkennbar. Die Wächter sind nicht immer redlich. Und die Medienkonsumenten immer weniger bereit, sich von irgendwem sagen zu lassen, was sie glauben sollen und was nicht.

Wir stoßen hier an ein Grunddilemma des modernen Journalismus, an dem wir uns noch eine Weile abarbeiten werden. Sicher ist bloß: Der nächste Shitstorm kommt bestimmt.

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