Die deutsprachige „Huffington Post“ ist gestartet. Ihr unmoralisches Angebot an Journalisten: Ihr könnt gratis arbeiten – und werdet berühmt

Eine Analyse im  „Falter“

In der Biologie gibt es zwei Arten Beziehungen zwischen lebenden Organismen: symbiotische und parasitäre. Bei der Symbiose gehen zwei verschiedene Lebewesen eine Beziehung ein, die für beide Teile vorteilhaft ist:  die Ameise und die Blattlaus, der Clownfisch und die Seeanemone, die Kuh und ihre Darmbakterien, oder das Nilpferd und der Putzerfisch. Das große Tier schützt das kleine, dafür pickt das kleine dem großen die lästigen Insekten aus der Haut. Tut beiden gut.

Beim biologischen Parasitentum hingegen profitiert nur ein Teil von der Paarbeziehung. Das eine Lebewesen blüht, gedeiht und pflanzt sich fort, das andere hingegen wird seiner Lebenssäfte beraubt, wird schwach und schwächer, und geht am Ende manchmal gar elend zu Grunde. So ist das bei der Malariamücke und dem Menschen. Dem Fadenwurm und dem Ferkel. Oder der Mistel und der Birke.

Wie ist das jedoch mit dem Journalismus und der „Huffington Post“? Eine komplexe Beziehung ist es zweifelsfrei, aber wird sie sich am Ende als symbiotische erweisen oder als parasitäre? Vergangene Woche startete in München die deutsche Ausgabe des amerikanischen Online-Portals, in Kooperation mit dem Burda-Konzern. Nicht ausgeschlossen, dass es ähnlich erfolgreich wird wie in den USA.  Sicher ist derweil bloß: Gratisjournalismus bekommt mit dem Eindringen der  „HuffPost“ auf der deutschsprachigen Markt eine ganz neue Dimension. Und lustig wird das für Journalisten nicht.

Die  amerikanische „Huffington Post“ ist eines der großen Eroberungsepen auf dem Medienmarkt der letzten Jahre. Gegründet wurde sie von Adrianna Huffington, einer gebürtigen Griechin. Sie ist Buchautorin, TV-Talkerin und Politikerin mit wechselnden weltanschaulichen Missionen: Erst zog sie an der Seite des Erzreaktionärs Newt Gingrich gegen Bill Clinton ins Feld, dann an der Seite John Kerrys gegen die Familie Bush. Sie legte sich mit Feministinnen an und kandidierte gegen Arnold Schwarzenegger in Kalifornien. Sie ist gegen amerikanische Auslandskriege und für Hybrid-Autos. Außerdem ist sie reich.

Als sie im Mai 2005 mit ihrem Online-Portal startete, wurde sie von den journalistischen Profis noch als Amateurin belächelt. Das Geschäftskonzept ist beeindruckend simpel. Es steht auf zwei Beinen: Einerseits durchforsten (wenige) Redakteure das Netz nach interessanten Geschichten, die andere Medien gratis online gestellt haben; diese werden mit neuen, fetzigen Überschriften versehen, verlinkt und über die sozialen Netzwerke, Facebook und Twitter, offensiv weiterverbreitet. Andererseits warb Huffington anfangs all ihre glamourösen Bekannten als Blogger an – Politiker und Schauspieler, Wissenschaftlerinnen und Adabeis durften bei ihr schreiben, was sie wollten. Und weil diese allesamt nicht vom Schreiben lebten und gleichzeitig ein bisschen PR von Nutzen war, taten sie das gern ohne Bezahlung.

Den Journalistenprofis in den USA ist inzwischen das überhebliche Lächeln vergangen: Bei den Nachrichtenportalen ist die „HuffPost“ heute die Nummer eins, beschäftigt 500 angestellte Redakteure, hat sogar schon einen Pulitzer-Preis gewonnen und verzeichnet jeden Monat über eine Million Leserkommentare. Viele Zugriffe heißt: viel Erlös durch Online-Werbung. Arianna Huffington verkaufte das Unternehmen im Februar 2011 an AOL und bekam dafür satte 315 Millionen Dollar. Chefredakteurin auf Expansionskurs ist sie immer noch. Erst in Frankreich, jetzt in Deutschland, demnächst in Indien.

Sebastian Matthes, der die deutsche Ausgabe mit vorerst 15 Redakteuren leiten wird, verriet, dass man auf das gleiche zweibeinige Konzept setzt wie in den USA. Hemmungsloses Verlinken auf andere Medien dürfte auch hierzulande kein Problem sein. Die Liste der Blogger hingegen ist noch ausbaufähig. Boris Becker scheint auf („Ich hab gehörig auf die Ohren bekommen“), Tanja Prinzessin zu Waldeck („Mütter, holt die Friedenspfeife raus!“), der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Vorstandsvorsitzende der Telekom, Bundeministerin Ursula von der Leyen oder die „Designerin, Bloggerin, Mutter, Schauspielerin“ Rebecca Lina. Sie empfiehlt „Birnen-Kürbissuppe mit einem Hauch Zimtsahne“.

Österreicher sucht man auf der Bloggerliste noch vergeblich. In einem Interview mit der „Presse“ stellte Matthes vergangenen Donnerstag jedoch ein konkretes Jobangebot in den Raum: „Ich fände es großartig, wenn wir sehr schnell Blogger aus Österreich und der Schweiz hätten. Wer Interesse hat, kann mir jederzeit schreiben.“ Der Haken an der Sache: Geld gibt es selbstverständlich keines.

Robert Misik, Falter-Autor und einer der wichtigsten politischen Blogger des Landes, hat von Matthes jedenfalls noch nichts gehört. Und hätte, falls der doch noch anfragt, definitiv kein Interesse. Für Misik ist klar, dass es sich um ein unmoralisches Angebot handelt: „Selbstverständlich kommt es manchmal vor, dass ich ohne Geld arbeite. Aber dann solls wenigstens Spaß machen. Oder einer guten Sache dienen. Was ja hier wohl beides nicht der Fall ist.“

Soviel Prinzipientreue kann man jedoch nicht bei allen Bloggern voraussetzen. Wird doch hier ein Lockstoff eingesetzt, dem sich freie Journalisten oft nur schwer entziehen können: Man will gelesen werden, von möglichst vielen Menschen, und die HuffPost verspricht, genau dabei zu helfen. Die professionelle Verbreitung der Texte auf vielen Kanälen bringt Verkehr auf die eigene Website, erzeugt Aufmerksamkeit, Reichweite, vielleicht sogar Prominenz. Die sich, so lautet der Deal, eines Tages vielleicht tatsächlich bezahlt macht – mit lukrativen Aufträgen. Mit Geld.

In anderen Berufsfeldern würde die freundliche Aufforderung, eine Arbeitsleistung doch bitte gratis zu erbringen, wohl meistens als Unverschämtheit aufgefasst – zu Recht. Kaum ein Friseur, kaum eine Anwältin, kaum ein Installateur wird dieses Ansinnen je hören. Auch in der Medienbranche wird ganz selbstverständlich die Büromiete, die Stromrechnung, die Putzfrau oder die Brötchenlieferung vom Catering-Service bezahlt. Bloß für jene, die die Medieninhalte herstellen, gehört es zum Alltag, dass die Honorarfrage oft geflissentlich übergangen wird. Weil gar keines vorgesehen ist – für Artikel, Buchbeiträge, Vorträge, Fernsehauftritte, Diskussionen, Moderationen.

Für manche Teilnehmer  am Medienmarkt mag dieser Deal okay sein. Entweder weil sie reich geerbt haben und kein Einkommen brauchen. Weil sie einen anderen Brotberuf haben und Journalismus bloß als Hobby betreiben. Weil sie eher Wissenschaftler sind, die ihre Ergebnisse publik machen; Autoren, die ein konkretes Buch verkaufen; oder Politiker, die ihr Profil schärfen wollen. Weil sie Marketingleute oder Lobbyisten sind, die bei einer Firma oder einem Interessenverband auf der Payroll stehen.

Für „richtige“ freie Journalisten hingegen lautet die erste Grundregel, die man lernen muss: kühl Kosten, Nutzen und Zeit zu kalkulieren. Sonst kann es passieren, dass man zwar auf allen Medienkanälen präsent ist und rund um die Uhr arbeitet  – und dennoch nicht weiß, womit man am Monatsende die Rechnungen bezahlen soll. Denn das Kalkül, dass sich Online-Prominenz mittelfristig stets in lukrativen Aufträgen niederschlägt, ist trügerisch. Selten geht es auf. Meistens nicht.

Arianna Huffington scheint zu hoffen, dass sich diese ernüchternde Erkenntnis im deutschen Sprachraum noch nicht durchgesetzt hat. In ihrem Willkommensbrief aus München schreibt sie in aufmunterndem Tonfall: „Bloggen ist hier noch relativ wenig verbreitet. Das bedeutet riesige Chancen auf Wachstum für die HuffPost. Tausende Stimmen, die sonst nicht gehört werden würden, können so an einem globalen Austausch teilnehmen. Unser Ziel ist es nicht nur die großen Geschichten zu erzählen, sondern auch den Menschen in Deutschland zu helfen, ihre Geschichten selbst zu erzählen. In Wort, Bild und Video.“

Klingt verlockend? Vielleicht. Die Erfahrungen der amerikanische Bloggerkollegen sollten allen deutschsprachigen Interessenten jedoch Warnung sein. Nachdem Huffington die 315 Millionen von AOL kassiert hatte, sahen sich tausende Mitarbeiter, die jahrelang gratis Blogbeiträge geliefert hatten, um die Früchte ihrer Arbeit geprellt.

Die „National Writers Union“ und die „Newspaper Guild“ riefen Autoren zum Boykott des Portals auf, und bei einem New Yorker Gericht wurde eine Sammelklage eingebracht. Der Sprecher der Kläger, Wirtschaftsblogger Jonathan Tasini, nannte Huffington  eine „Heuchlerin “ und die „HuffPost“ eine Sklavenplantage: Jahrelang habe sie die Blogger diese Plantage bewirtschaften lassen – bloß um ihre eigene Marke aufzubauen, ihr eigenes Vermögen zu mehren und selbst die Ernte einzufahren.

Das New Yorker Gericht wies die Klage ab. Die Blogger, so lautete das richterliche Argument, hätten die jahrelange Gratisarbeit ja freiwillig gegeleistet. Versprochen hatte ihnen die HuffPost bloß Publizität und Aufmerksamkeit – und die hätten die Blogger schließlich auch bekommen. Richtig.

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