Was Persönlichkeitsstörungen politisch anrichten können: Silvio Berlusconi führte es uns nicht nur bei seinem Aufstieg vor, sondern tut es auch heute, im Niedergang

Presse-Kolumne

Vergangenen Sonntag ist Silvio Berlusconi 77 Jahre alt geworden. Er habe zuvor wochenlang „kein Auge zugemacht“, sagt er. Zu tief sitzt die Kränkung, die sein Land ihm zugefügt hat: Italien will ihn nicht mehr, zumindest nicht so sehr, wie er es gern hätte. Die Justiz hat ihn zurechtgestutzt. Von den vielen Anklagen (wegen Meineids, Richterbestechung, illegaler Parteienfinanzierung, Amtsmissbrauchs, Förderung der Prostitution mit Minderjährigen, Korruption etc) endete eine (wegen Steuerbetrugs) mit einem rechtskräftigen Gerichtsurteil: vier Jahre Haft. In den kommenden zwei Wochen  muss Berlusconi nun erklären, ob er willens ist, Sozialdienst abzuleisten, andernfalls wird Hausarrest verhängt. Und schon in den nächsten Tagen will ihm der Senat sein Abgeordnetenmandat entziehen. Denn das Gericht sprach auch ein Politikverbot auf Lebenszeit aus.

„Wie ist das möglich?“, fragte Berlusconi da entgeistert seinen Anwalt. Es klingt so ähnlich wie Kaiser Franz Josephs legendäres „Ja, dürfen’s denn des?“, angesichts des revolutionären Ansturms im März 1848. Die Fassungslosigkeit war wohl echt. Denn darf das wahr sein – dass ganz normale Bürger, ganz normale Richter einen wie ihn, der sich selbst für übermenschlich hält, wie einen Normalsterblichen behandeln? Ihn in die Schranken weisen, als gälten für ihn dieselben Regeln wie für alle anderen auch?

Eine derartige Irritation kann einen Narziss tatsächlich des Nachts wach halten. Bis, an Berlusconis Geburtstag, endlich die einzige Lösung am Horizont auftauchte, die einem wie ihm offen steht: Nach mir die Sintflut. Wenn ich darin untergehe, reiß ich alle anderen einfach mit. Es soll nur ja keiner auf Idee kommen, es ginge auch ohne mich.

Wir kennen dieses Verhaltensmuster aus verschiedenen sozialen Zusammenhängen. Es gibt Kinder, die anderen mutwillig das Spielzeug kaputtmachen – egal, was ich spielen will, Hauptsache ist, das andere Kind hat keine Freude mehr. Es gibt Erwachsene, die ihren Ex-Partner öffentlich diskreditieren, sobald sie verlassen werden – egal wie es mir geht, Hauptsache, ich mache dem anderen das Leben zur Hölle. (Berlusconi hat genau das übrigens ebenfalls praktiziert: Seine zweite Ehefrau, Veronica Lario, verließ ihn, nach einer Affäre mit einer Minderjährigen, mit den Worten „Mein Mann ist krank“. Wenige Wochen später waren in einer Zeitung, die Berlusconi nahe steht, Nacktfotos von Frau Lario zu sehen.)

Du bist nichts ohne mich. Ohne mich darfst du nicht sein. Und wenn ich dich nicht haben kann, darf dich auch niemand anderer haben: Im Extremfall führt dieses übersteigerte Besitzdenken sogar zu Gewaltverbrechen. Solche Sätze sprechen Menschen aus, ehe sie Eifersuchtsmorde begehen.

Ins Politische übersetzt, führt uns Berlusconi dieser Tage Ähnliches vor. Schon längst hat er Italien mit seiner Person gleichgesetzt; zwischen dem Land und sich selbst kann er nicht mehr unterscheiden. Nur „aus Liebe“ müsse er „das Land retten“; „ich opfere mich dabei für jeden von euch“. Folgerichtig interpretiert er jede Attacke auf seine Person als Kriegserklärung feindlicher Heerscharen, und das Gerichtsurteil gegen ihn als „Staatsstreich“.

Italien kann, soll, darf nicht existieren ohne ihn. In dem Moment, in dem er die Bühne verlässt, soll die ganze Kulisse der italienischen Politik mit großem Getöse zusammenbrechen. Deswegen hat er, gerade noch rechtzeitig vor seiner Mandatsenthebung, am Abend seines Geburtstags den fünf Ministern seiner Partei befohlen, sofort die Regierung zu verlassen. Damit sind in Italien, das sich eben zaghaft aufzurappeln versuchte, wieder alle Brücken gesprengt.

Seit er diesen Schritt getan, kann Berlusconi wieder schlafen – „zum ersten mal seit 59 Nächten, zehn Stunden am Stück“, verkündete er befriedigt. Der Preis dafür scheint angemessen. Zumindest einem wie ihm.

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