Egal ob sie Tore schießen oder nicht: Dafür, dass sie sich gegen Schmuddeljournalismus zur Wehr setzen, gebührt den österreichischen Kickern ein Pokal

Presse-Kolumne

Es gibt mehrere Gründe, auf eine Fußball-Nationalmannschaft stolz zu sein. Die meisten Gründe haben mit Fußball zu tun. Man freut sich, wenn das Team beherzt spielt, heroisch verteidigt, entschlossen in den gegnerischen Strafraum stürmt, Tore schießt. Wenn es verloren geglaubte Länderspiele im letzten Moment umdreht, Punkte macht, Turniere gewinnt, Pokale heimbringt.

So mag das in anderen Ländern sein. In Österreich hingegen gibt es seit vergangener Woche einen anderen Grund. Die österreichischen Kicker haben sich getraut, was sich noch kaum jemand anderer getraut hat: Sie haben „für Wahrheit, Wahrung der Würde und Fairness in Medienberichten“ ihre Stimme erhoben. „Wir fragen uns, ob sich Journalisten wirklich ALLES erlauben können und ob wir uns wirklich ALLES gefallen lassen müssen?“ schrieben sie in ihrem offenen Brief an die Fast-Gratis-Zeitung „Österreich“. „Wir meinen: NEIN!“

Nein, es ist tatsächlich nicht egal, ob die Wahrheit oder dreist erfundene Lügen in der Zeitung stehen. Und nein, man muss sich tatsächlich nicht dran gewöhnen, wenn  am Boulevard routinemäßig manipuliert, beleidigt, gedroht und erpresst wird. Die Methoden, die hier Einzug gehalten haben, erinnern bisweilen an Mobbing am Schulhof: Wenn du nicht mitmachst, erzählen wir böse Gerüchte über dich. Glaub nur ja nicht, dass du es dir leisten kannst, uns zum Feind zu haben. Wenn du uns nicht gibst, was wir von dir wollen, machen wir dich fertig. Übrigens: Wir haben noch viele peinliche Fotos von dir.

Schulkindern, die gemobbt werden, sagt man, dass sie in solchen Momenten „Nein“ sagen sollen. Dass sie eine Grenze ziehen sollen, klar und deutlich. Doch genau das hat in Österreich bisher noch kaum jemand gewagt. Natascha Kampusch hat sich  gegen „Heute“ gestellt. Außenministerin Ursula Plassnik behauptete sich trotzig gegen eine Kampagne der „Kronen Zeitung“. Einige Normalbürger haben es ebenfalls versucht – die tapfere oberösterreichische Familie Panholzer etwa, die die  Recherchemethoden von „Österreich“ anprangerte, nachdem haarsträubender Unsinn über ihren verunglückten Sohn in der Zeitung stand. Oder der Bruder der toten Julia Kührer, der öffentlich ein Mindestmaß an Respekt und Pietät einforderte.

Und nun die Fußballer. Es muss ein Zucken des Erstaunens durch die Hinterzimmer der Macht gegangen sein, in diesem Moment. Bei Politikern aller Hierarchieebenen, Sportlern verschiedenster Disziplinen, Fernsehstars, Promis der A-, B- und C- Kategorie, samt ihren Pressesprechern, Imageberatern und Agenten: Na servas, die trauen sich was, die Kicker. Darf man das denn, den so forsch auftretenden Boulevardkaisern auf die Zehen steigen? Werden die Kaiser da nicht sehr, sehr zornig sein? Ob die Nationalmannschaft, ohnehin angeschlagen durch die verpasste WM, das aushält, wenn jetzt auch noch eine Schmuddelkampagne folgt?

Es wurde schon vieles getan und unterlassen, nur aus dieser lähmenden Angst heraus. Es hat dem Land nicht gut getan.

Umso interessanter ist es, zu beobachten, was in diesem Fall tatsächlich passierte. Es war dasselbe wie meistens am Schulhof: Der Mobber kennt sich nicht aus. Eine Schrecksekunde lang hält er inne, es verschlägt es ihm die Sprache. Er fühlt sich plötzlich bloß noch halb so stark wie vorher, die eben noch provokant geschwungenen Fäuste schlenkern unbeholfen, er schaut sich nach möglichen Verbündeten um – aber alle rundum sind mucksmäuschenstill. Ein letztes Mal hebt der Mobber zu einer Beleidigung an. „Mimoserln“, mault er den Mutigen beleidigt hinterher. Aber dann tut er, was beinahe alle Mobber tun, wenn man sich ihnen erhobenen Hauptes entgegenstellt. Er zieht den Kopf zwischen die Schultern und trollt sich.

Und die Umstehenden habens endlich kapiert: Da schau her, man muss sich tatsächlich nicht alles gefallen lassen. Man kann auch „Nein“ sagen. Und was dann passiert, ist womöglich gar nicht so schlimm.

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