Wir könnten lernen, ganz anders über Schule zu reden. Mit weniger Ressentiment, weniger Rechthaberei, weniger Häme  – und dafür mit mehr Möglichkeitssinn

Presse-Kolumne

Was könnte anders sein, wenn wir lernten, anders über Schule zu reden? „Man könnte immer zwei Fächer zusammen lernen“, sagt meine Tochter, „Musik und Mathematik zum Beispiel“. Musik und Mathematik? „Die gehören zusammen, wegen den Vierteln und den Achteln und so“, sagt sie. An diese Möglichkeit, an diesen Zusammenhang hätte ich gar nicht gedacht. So wie uns dutzende Möglichkeiten und Zusammenhänge gar nicht erst einfallen, solange wir im Korsett unserer absurden Lehrerdebatten gefangen sind, statt darüber nachzudenken, was in Schulen alles möglich wäre.

Was also wäre alles möglich?

Wir könnten, zum Beispiel, aufhören zu diskutieren, ob Lehrende 19 oder 22 Stunden „in der Klasse stehen müssen“, indem wir aufhören, überhaupt im Stundentakt zu denken. Die von der Computersoftware wahllos aneinandergereihte Unterrichtsstunde, exakt 50 Minuten lang, braucht kein Mensch.  Kein Kindergarten, keine Elite-Universität, kein Kreativbüro käme auf die Idee, so zu arbeiten. Die Glocke schrillt, alle Gebäudeinsassen lassen im selben Moment die Bleistifte fallen, fünf Minuten Pause, Tür auf, neuer Lehrer, neue Klasse, Glocke, Tür zu, Themenwechsel, wieder 50 Minuten: So funktionieren vielleicht Fabriken mit Akkordarbeit. Oder Kasernen. Aber moderne Schulen?

Wir könnten, zum Beispiel, das Wort „Lehrverpflichtung“ vergessen und anfangen, Lehrerarbeitstage als normale Arbeitstage zu begreifen. Ein Lehrer, eine Lehrerin hat eine 40-Stunden-Dienstzeit, und steht in dieser Dienstzeit zur Verfügung. Wie? Das ist eine Organisationsfrage, die die Schule intern löst – und jede Schule anders lösen kann. „Arbeit“ heißt dann nicht mehr nur „in der Klasse stehen“ plus „Hefte korrigieren“. Es kann heißen: Großgruppen- oder Kleingruppenunterricht, Ausflüge begleiten, Praxisprojekte planen, recherchieren, Lehrmittel gestalten, Konferenzen, Nachhilfe, Einzelcoaching, persönliche Gespräche, Freizeitbetreuung, Essen, Organisatorisches, Fortbildung. Nicht jeder Lehrer kann alles gleich gut, nicht jeder muss alles in gleichem Umfang tun. Wie in jedem Beruf wird es drauf ankommen, das Personal dort einzusetzen, wo es am besten ist. Meistens ist man am besten bei dem, was man am liebsten tut.

Selbstverständlich wird sich ein Direktor, eine Direktorin diese Leute dann selbst aussuchen können. Selbstverständlich werden manche Lehrer dann begehrter sein als andere – und mehr bezahlt bekommen. Einige wird keine Schule haben wollen – die werden sich einen anderen Job suchen. Gleichzeitig wird man sich für manche Aufgaben gar keine Lehrer, sondern lieber Angehörige anderer Berufe an die Schule holen – Freizeitpädagogen, Psychologinnen, Künstler, Sekretärinnen, Sportler, Sozialarbeiterinnen, Buchhalter, Wissenschaftlerinnen. Und all das wird den Schulen gut tun.

Selbstverständlich werden diese Schulen den ganzen Tag in Betrieb sein. Selbstverständlich werden sie für alle Kinder der jeweiligen Altersgruppe offen sein; Möglichkeiten zur inneren Differenzierung und individuellen Förderung gibt es ohne starres Stundenkorsett dann ja genügend. Und selbstverständlich werden wir dann auch noch über die Schulgebäude nachdenken müssen, die für diese Art Lernen und Lehren kaum geeignet sind. Weil sie einst eben nicht für einen gemeinsamen Musik-und Mathematikunterricht, sondern als Kasernen gebaut wurden.

Aber wenn wir erst einmal gelernt haben, unseren Möglichkeitssinn zu benützen, kriegen wir auch das noch hin. Es ist ja schließlich nicht in Stein gemeißelt, dass eine Klasse den ganzen Tag in ihrem Klassenzimmer sitzen muss. Dass Lehrer in ein Lehrerzimmer gehören, und eine Gangaufsicht auf einen Gang. Dass Schule überhaupt in einem Schulgebäude stattfinden muss.

Die paar Mauern, die dann immer noch im Weg stehen, wird man recht einfach abreißen können, wenn die Mauern im Denken erst einmal weg sind.

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