Neider mag niemand. Deswegen ist der Neid-Vorwurf die wirksamste Allzweckwaffe der Politik geworden. Leider.

Presse-Kolumne

Der Neid hat keine gute Nachrede in der europäischen Kulturgeschichte. Schon Aristoteles sah in ihm eines der Haupthindernisse für ein zufriedenes Leben. In der Bibel wird vor dem Neid als einem der sieben Hauptlaster gewarnt, die direkt ins Verderben führen. Dargestellt wurde er meist in weiblicher Gestalt: Mal trägt sie Fledermausflügel, mal kommt statt einer Zunge eine Schlange aus ihrem Mund, mal sind Skorpione mit Giftstachel an ihrem Körper zugange. In Raimunds „Bauer als Millionär“ ist der Neid der Milchbruder des Hasses und zerstört dem braven Bauer Wurzel jedes Lebensglück.

Die Farbe des Neide ist grün, sein Organ die Galle, sein Geschmack ist bitter. Im Gegensatz zu den sechs anderen Todsünden fehlt ihm jede Spur von Glamour, der die moralische Verfehlung wettmachen könnte. Hochmut geht immerhin mit Status einher; Geiz mit materiellen Vorteilen; bei Wollust und Völlerei erlebt man Ekstase, während man sündigt; ein Zornesausbruch befriedigt einen zumindest einen Moment lang; Faulheit gilt ohnehin als cool. Der Neidige hingegen ist und bleibt uncool, egal aus welcher Perspektive. Er ist kleinlich, kleingeistig, verhärmt, schwach. Man sieht ihm an, wie minderwertig er sich fühlt. Das Ressentiment  nagt an ihm, frisst in ihn hinein, verzerrt seine Züge, zerstört ihn. Keine Erlösung, keine Befriedigung, nirgends.

Attraktiv nutzbar ist der Neid ausschließlich als Vorwurf. Da wird er zur universell einsetzbaren Allzweckwaffe, unschlagbar in seiner Zerstörungskraft. „Du bist ja nur neidig!“: Dieser Satz funktioniert fast immer, und wird deswegen in der in der politischen Auseinandersetzung ausgiebig angewandt, am einfachsten in Steuerdebatten. Erbschaftssteuer, Schenkungssteuer, Vermögenssteuer? Du bist ja nur neidig auf die Erben, auf die Beschenkten, auf die Vermögenden! Gönnst ihnen ihr Glück und ihr begünstigtes Schicksal nicht, und willst es ihnen deswegen mutwillig kaputtmachen! Die Taktik geht auch in anderen Politikfeldern auf. Wer die Verwaltung reformieren will – den treibt nur der Neid auf die Beamten. Wer das Pensionssystem für ungerecht hält – der missgönnt den alten Leuten ihren Ruhestand. Wer die gemeinsame Schule für alle Kinder will, ist bloß jenen Eltern neidig, deren Kinder gescheit genug fürs Gymnasium sind. Bei den eigenen Kindern hats halt nicht dafür gereicht, gell?

Besonders raffiniert wird es, wenn man „Neid!“ schreit, um sich gegen Kritik zu immunisieren. Man genießt zufällig Privilegien, die sachlich nicht zu rechtfertigen sind? „Neidgesellschaft!“ kontert man, und schon verstummen die Kritiker, denn neidig (kleinlich, kleingeistig, verhärmt, schwach, siehe oben) – das will niemand sein.  Neue Maßstäbe in dieser Disziplin hat Karlheinz Grasser gesetzt, der sich selbst für „zu schön, zu jung, zu fesch, zu erfolgreich“ für diese Welt hielt – und darin die einzige Quelle für Kritik an ihm erkennen konnte. Die Rumpolds, Meischbergers, Strassers und Lindners empfinden das wahrscheinlich ähnlich: Ich hab, ich hab, was du nicht hast, sagen sie. Und nur weil ich habe, was du gern hättest, flickst du mir am Zeug.

Folgt man dieser Logik, man könnte alle sozialen Bewegungen der vergangenen Jahrunderte als „Neid“ denunzieren; jede Kritik an bestehenden Verhältnissen, jeden Ruf nach Gerechtigkeit; jeden Wunsch nach Veränderung. Die Arbeiterbewegung: War bloß neidig auf die Villen der Bürgerfamilien, ihre schönen Kleider, ihre Bibliotheken, und wollte für sich dasselbe haben. Die Frauen: Fühlten sich im Vergleich zu den Männern zu kurz gekommen, und waren ihnen ihr Geld, ihre Macht und ihr Wahlrecht neidig. Und Martin Luther King? Spitzte bloß auf die privilegierten Plätze der Weißen im Autobus. Weil es die besseren Plätze waren, und er selbst dort sitzen wollte.

Spätestens an dieser Stelle wird offenbar, wie perfide der „Neid“-Vorwurf ist – und wie sehr er in die Irre führt.

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