Deswegen dürfen die einen irrational und ängstlich sein, die anderen aber nicht. Ein Nachtrag zur vorwöchigen Kolumne, aus aktuellem Anlass des Lehrerstreiks.

Presse-Kolumne

Morgen wird also gestreikt an den Schulen. Nunja, nicht richtig gestreikt. Und, nunja, auch nicht an allen Schulen. Vor allem AHS-Professorinnen und -Professoren halten in der Unterrichtszeit Versammlungen ab und schicken die Schüler und Schülerinnen um 11 Uhr nach Hause. Sie ersuchen die Eltern um Verständnis. Sie bekommen es aber nicht. Immer weniger.

Wie kommt das? Das ist eine tragische Geschichte.

Sie beginnt in der Psychologie. Kinder zu haben, macht Menschen verwundbar. Das weiß jeder Mensch, der welche hat. Im Job mag man souverän sein, ein Profi am Computer oder an der Fräsmaschine, alles im Griff, jedes Risiko kalkulierbar, und für jedes Problem fällt einem eine Lösung ein. Doch ein Kind bringt jede Coolness, die man im Beruf oder im übrigen Sozialleben haben mag, rasch zu Fall. Geht den Kindern gut, geht es uns gut. Leiden sie, geht es uns schlecht. So einfach ist das.

Ganz konkret heißt das: Ein Kind, das in der Schule Probleme hat, kann Eltern fertigmachen, emotional und körperlich. Morgens, beim Aufstehen, gibt es Nervosität und Reibereien. Tagsüber, bei der Arbeit, hat man ein schlechtes Gewissen und grübelt, was man tun könnte, damit sich etwas ändert: Rat einholen. Streiten. Ultimaten setzen. Alles hinschmeißen. Resignieren. Sich mit den Lehrern anlegen. Verbündete suchen. Therapie. Kämpfen. Alternativen auf die Beine stellen. Nachts schläft man nicht, hofft, zweifelt. Am Kind, an sich selbst, an der eigenen Urteilsfähigkeit. Das alles kostet unendlich viel Kraft. Es bringt Familien außer Tritt, kann das berufliche Fortkommen lahm legen. Und Beziehungen auch.

Aus dieser Verletzbarkeit heraus lässt sich, zumindest zum Teil, jener furchtbare Stress erklären, den sich viele Eltern bei jeder Bildungsentscheidung machen. Das beginnt, wenn es noch Windeln trägt, bei der Wahl der „richtigen“ Krabbelgruppe, und hört nicht auf, bis es volljährig ist. Man will alles richtig machen. Traut den eigenen Instinkten nicht. Will nur das Beste. Aber man weiß nicht genau, was das eigentlich ist. Selbstverständlich hält man das eigene Kind stets für  ein ganz besonderes Kind – sensibler, interessanter, spezieller in seinen Bedürfnissen als all die anderen „normalen“ Kinder rundherum (was, nüchtern betrachtet, natürlich Unsinn ist). Wird es bestehen können? Gern lernen? Freunde finden? Wird in der Schule jemand sein, der es unterstützt, seine Begabungen erkennt, mit seinen Eigenheiten zurechtkommt, es zum Lachen bringt? Oder wird es untergehen, leiden, und die ganze Familie mit ihm?

Eltern sind nicht rational, was die eigenen Kinder betrifft – wie könnten sie auch. Umso dringender brauchen sie die den rationalen, professionellen Blick von außen. Eine Instanz, die kompetent ist und Zuversicht ausstrahlt, eine ruhige Hand hat, einem in die Augen schaut und sagt: Vertrauen Sie uns. Ihr Kind ist, was seine Bildung betrifft, bei uns gut aufgehoben. Wir kennen uns aus, wir haben das gelernt, wir wissen, was wir tun. Wir lassen kein Kind fallen.

Dieser Jemand sollte die Schule sein. Aber genau das ist sie heute nicht.

Was aus dem System Schule herausschallt, ist stattdessen ein vielstimmiger Chor der Klage: Wir wollen nicht, wir können nicht, wir haben keinen Einfluss auf die Dinge, fühlen uns ungerecht behandelt und missverstanden, von den Kindern, der Politik, den unfähigen Eltern, den Medien. Wir sind ratlos und frustiert. Was wir auch tun, es fühlt sich falsch an. Wir wissen nicht, was ihr von uns wollt, aber es ist auf jeden Fall zuviel.

So viel Ängstlichkeit, so viel Ohnmacht, so viel Getriebensein, so viel bockige Emotionalität: Für Eltern mag das alles vertraut klingen. Es wird jedoch Zeit, dass die Lehrer sich dran erinnern, dass sie in der Schule keine Eltern sind. Sondern Profis.

 

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