Über einen ganz normalen Zuhälterprozess

eine reportage für „Falter“ und „emma“

Landesgericht Wien, Saal 106, kurz vor Weihnachten. Die Luft ist trocken. Fünf Männer und eine Frau sitzen auf der Anklagebank. Vier von ihnen sind Brüder. Cornel M. versucht sich klein zu machen, zieht den Kopf zwischen die Schultern, wischt Fussel von seiner Jacke. Radu fällt das Stillsitzen schwerer. Der wetzt in seiner schwarzen Adidas-Trainigsjacke auf der Holzbank hin und her, bekreuzigt sich, ballt die Faust und starrt auf die weißen Fingerknöchel, als wolle er sich gleich selber ins Gesicht schlagen. Hier sitzen sehnige, kräftige Männer, doch die monatelange Untersuchungshaft hat ihnen sichtlich zugesetzt. Blass sind sie, haben eingefallene Wangen, manchmal seufzt und schnieft es auf der Bank. Weint da einer?

Die M.s sind rumänische Staatsbürger. Sie kommen aus einem Dorf in der Nähe von Timosoara. Nach Wien kamen sie, um Ehefrauen, Freundinnen, Schwägerinnen und Bekannte auf den Strich zu schicken. Die Anklage lautet auf grenzüberschreitenden Prostitutionshandel, Zuhälterei, Nötigung, Freiheitsberaubung. In den fünf Prozesstagen ist viel von Geld die Rede – „Ficken 30, Blasen 20 Euro“. Von Autos – BMW, Mercedes, Audi. Von Straßennamen – Felber, Linzer, Hütteldorfer, Goldschlag, Auhof. Und von Gewalt. Es ist eine Geschichte vom Wiener Straßenstrich.

Zuerst setzt sich aus den Zeugenaussagen das Leben von Roxana D. zusammen. Roxana ist 22, eine wunderschöne Frau mit Katzenaugen, schwarzen Haaren und einem wachen Blick, auf der Felberstraße nannte sie sich „Roxy“. In der Bezirkszeitung von Rudolfsheim-Fünfhaus, die über die Bürgerinitiative gegen den dortigen Straßenstrich berichtete, war sogar ein Bild von ihr: Da trägt sie knallrote Lippen, eine pinke Kunstlederjacke, Minirock, Handschuhe gegen die Kälte und eine glitzernde Strumpfhose über den langen Beinen.

Als die Amtsärztin von der MA 15 sie untersucht, sind Roxanas Beine voll blauer Flecken. So vielen, dass die Ärztin erst denkt, „die Jeans hätten abgefärbt.“ Auch ein Dutzend Narben findet man, „Folge scharfer und halbscharfer Gewalt“, wie es in einem medizinischen Gutachten heißt. Manchen Freiern fallen die Verletzungen ebenfalls auf. Einer wundert sich, als sie sich im Auto auszieht: „Es tropfte Milch aus ihrer Brust, daraus hab ich geschlossen, dass sie kurz zuvor entbunden haben muss“.

Andreas H., ist einer jener Kunden, die nicht nur bumsen, sondern auch reden wollen. Zu ihm fasst Roxy Vertrauen. Sie erzählt von Cornel M., ihrem Freund, und wie er sie prügelte, mit den Fäusten, mit einem Gürtel. Sie erzählt von der vierjährigen gemeinsamen Tochter Isabella, die Cornel daheim in Rumänien bei seinem Bruder verstecke und als Druckmittel benütze, um Roxana immer wieder zum Anschaffen zu überreden. Von dem Baby, ein Bub, den sie, zwei Wochen alt, in Rumänien zurücklassen musste, um gleich wieder arbeiten zu gehen. Sie erzählt, wie sie einmal aus einem Fenster im zweiten Stock sprang, um zu sterben. Aber sie starb nicht.

Andreas bucht Roxy täglich. Sie verlieben sich. Roxana will Cornel und die Felberstraße verlassen. Sie holt mit Hilfe der Polizei Isabella aus Rumänien zu sich – die ist mittlerweile verwahrlost, verlaust, unterernährt und hat kaputte Zähne. Roxana zieht bei Andreas ein, zeigt Cornel an. Es werde „einen Toten geben“, droht Cornel daraufhin. Um sie „zur Vernunft zu bringen“, fahren die Brüder im April im BMW bei Andreas in Herzogenburg vor, zerren Roxana samt Tochter ins Auto, bringen sie in ein Wiener Stundenhotel und sperren sie dort in ein Zimmer. Man will sie „überreden“, die Anzeige zurückzuziehen. Bis die Polizei die Tür aufbricht und sie befreit.

Oder die Geschichte von Daniela. Zeugen und Zeuginnen beschreiben Daniela als „selbstbewusste, gestandene Frau“. Seit 21 Jahren ist sie mit ihrem Mann Aurel  zusammen, sie waren eine „ganz normale Familie“ in Timisoara, er Bauarbeiter, sie Kellnerin. Dann kann die Krise, alle verlieren ihre Jobs, and man beschließt, zu Cornel und Roxana nach Wien zu gehen, um Geld zu verdienen. Das heißt: Daniela soll Geld verdienen. Roxana nennt ihr die Preise, nach einer Woche hat auch sie ihre Kontrollkarte, 100 bis 150 Euro macht sie pro Nacht.

Aurel habe sie immer zu ihrem Standplatz geführt, dann fuhr er mit dem Auto herum, „er sah ab und zu nach mir, ich hab ihn angerufen, wenn ein Kunde länger brauchte“, und sie lieferte die Einnahmen ab. Ganz normal klingt das. Fürsorglich beinahe. „Er war eifersüchtig auf die Freier, aber hat sich damit abgefunden, weil ihm das Geld sehr recht war.“

Dann aber wird der Straßenstrich hinter dem Westbahnhof verboten, in Auhof gibt es nichts zu verdienen, sie können die Miete nicht mehr zahlen, und Daniela will mit einem Freier ein neues Leben beginnen. Da bekommt Aurel Angst, seine Geldquelle könnte versiegen und beginnt, sie zu terrorisieren. „Ich habe mich von ihm freigekauft“, sagt Daniela aus. 5000 Euro sollte sie Aurel bezahlen – dafür, dass sie nicht mehr für ihn auf den Strich geht. Man einigt sich auf 3000, im Gegenzug verspricht er, sie in Ruhe zu lassen. Ein Wiener  Notar setzt den bizarren Vertrag auf, beide unterschreiben, 86 Euro kassiert der Notar.

Kürzer ist die Geschichte von Mirella. Der versprachen die Brüder M. einen Job in einem Wiener Animierlokal. Weil sie schwanger war, zahlten sie in Timisoara rasch die Abtreibung (250.-), fuhren sie in einem silbernen BMW nach Wien, stellten ihr das Benzingeld in Rechnung, schlugen sie mit der Faust in den noch von der Operation schmerzenden Unterleib und stellten sie auf die Hütteldorferstraße, um die Schulden zurückzuverdienen. „Ficken 30, blasen 20“, sollte sie sagen und die Autofahrer anlächeln. „50 Euro“ deutete sie mit den Händen, in der Hoffnung, das sei zu teuer. In der ersten Nacht funktionierte das noch.

Ihr war schwindlig, ihr war schlecht, der Bauch tat ihr weh. Radu hatte Mitleid, gab ihr ein Glas Zuckerwasser. Wenn sie brav arbeite, werde sie nicht mehr geschlagen, versprach er. Schon in der nächsten Nacht stieg Mirella zu einem Kunden ins Auto, ließ sich weit weg fahren, stieg aus und rannte weg. Seither ist Mirella in Obhut des Frauenschutzvereins LEFÖ. Deren Rechtsvertreterin steht jetzt im Gerichtssaal und fordert Schadenersatz im Namen der Opfer.

Die Angeklagten stieren ins Leere, während der Richter die Aussageprotokolle vorliest, die Anwälte ihre Plädoyers halten. Nicht alles wird übersetzt, nicht alles scheinen sie zu verstehen. Von gigantischen Geldbeträgen ist die Rede, 186.000 Euro, von „Schandlohn“ und „Zuhälterei“. Manchmal wirken die Männer, als wüssten sie gar nicht recht, warum sie hier sind. Man habe das Geld, das die Frauen verdienten, an die Verwandtschaft verteilt, „ein Grundstück, das Haus, die Autos, manchmal sind wir auch essen gegangen“, sagt Aurel. „Eine Ohrfeige ab und zu“, die gibt er zu – aber sonst? Dass man zusammenarbeitet, dass ein Mann auf seine Frau aufpasst, dass ein Paar sein Geld teilt – das sei doch „ganz normal.“

„Sie wussten nicht, dass sie etwas unrechtes tun“, sagt ein Verteidiger. „Diese Leute kommen aus tristen Verhätnissen und haben einen Weg gesucht, herauszukommen.“

Tatschlich lernt man einiges über Europa in diesem Prozess. Denn lässt man die Gewalt kurz außer Acht, die Drohungen – das Geschäftsmodell, das sich die Familie M. ausdachte, ist im Prinzip rechtens. Prostitution ist legal. Arbeitnehmerfreizügigkeit heißt für EU-Bürger, dass sie sich niederlassen können, wo sie wollen, sofern sie dort ihren Lebensunterhalt verdienen. Einen Job am Bau oder in einer Fabrik hätten sie bisher allerdings nicht annehmen dürfen. Nur „freie Gewerbe“ wie die Prostitution standen Rumänen und Bulgaren vor Jahresbeginn 2014 offen. „Wir können nur in Österreich bleiben, wenn ich den Geschlechtsverkehr vollziehe“, soll Cornel zu einer der Frauen gesagt haben. Es war als Drohung gemeint. Zynisch formuliert: Ganz unrecht hatte er damit nicht.

Man lernt auch einiges über die traurige Realität des Straßenstrichs. Manche Aktivistinnen vertreten ja die Ansicht, der Straßenstrich sei die selbstbestimmteste Form der Prostitution: Hier hätten die Frauen keine laufenden Kosten für die Miete eines Zimmers, müssten keinen Alkohol konsumieren, könnten ihre Zeit selbst einteilen und freier arbeiten als irgendwo sonst. Hört man bei diesem Prozess zu, entpuppt sich das als reines Wunschdenken. „Es geht sehr hart zu am Straßenstrich“, sagt eine Mitarbeiterin der MA 15, „jede Frau hat einen Zuhälter“; auch die Stammkunden können genau sagen, wer zu wem gehört. Und die Zuhälter sind nicht die einzigen, die drohen und kassieren. „Wer nicht bezahlt, darf nicht stehen“, sagt Aurel. 1200 Euro wöchentlich verlangten an der Hütteldorferstraße die jugoslawischen oder albanischen Standplatzvermieter von jeder Frau. Sie nannten es „Provision“.

Aufschlussreich ist auch, was man über die zahlenden Kunden erfährt. Einerseits überrascht ihr Anspruchsdenken – die Selbstverständlichkeit, mit der sie davon ausgehen, dass stets jemand öffentlich verfügbar sein muss, wenn sie Triebabfuhr brauchen. Seine Freundin habe ihn betrogen, sagt etwa Manuel T., deswegen holte er sich Roxy ins Auto, „aus psychohygienischen Kompensationsgründen.“ Gleichzeitig jedoch sind die Freier die einzigen, die mit den oft streng überwachten Frauen unbeobachtete Momente verbringen. Sie werden am ehesten auf Ausbeutung und Misshandlungen aufmerksam, können den Kontakt zur Polizei herstellen. Manchmal helfen sie – wie bei Roxana oder Daniela – gar beim Ausstieg aus dem Milieu. Vor diesem Hintergrund erscheint die feministische Idee, Prostitutionskunden zu bestrafen, in einem problematischen Licht: Wie soll man Freier ermuntern, Zuhälterei oder Gewalt anzuzeigen, wenn sie sich selbst strafbar machen?

Schließlich erfährt man bei diesem Prozess auch noch viel über Familienbande. Familie M. sind Roma. Im Zuschauerraum des Gerichtssaals sitzt eine kleine dicke Frau. Sie trägt ein Fransentuch um den Hals und abgetretene Schuhe an den Füßen. An ihrer Seite ein massiger Mann mit schläfrigem Blick und schlechten Zähnen. Sie sind die Eltern der vier Brüder M. An jedem der fünf Prozesstage sind sie eigens aus Timisoara angereist, samt einer ganzen Delegation von Verwandten. Das kostet jedes Mal viel Geld. Sie haben sogar einen befreundeten Geschäftsmann („Export-Import“, sagt er) zum Übersetzen dabei.

Familie M. versucht, in einer misstrauischen Umgebung zusammenzuhalten, auch um den Preis der totalen Selbstaufgabe. Manche Zeugenaussagen lassen erahnen, welche Brutalität dieser Zusammenhalt entwickeln kann. Man hört von einem „Familienrat“, der  einberufen wurde, als Roxana Cornel anzeigte; gemeinsam schmiedeten die Brüder den Entführungsplan. Man hört von der Mutter einer der Frauen, die aus Rumänien anrief und ihre Tochter anherrschte, sich den Instruktionen der Männer zu fügen. Zum Erstaunen des Richters tauchen sogar Zeuginnen auf, die trotz aller behördlichen Bemühungen nicht auffindbar waren – von der Familie gerufen, kommen sie gar aus Italien angereist, um die Angeklagten mit ihren Aussagen zu entlasten.

Doch es nützt das alles nichts. Frau M. starrt ratlos auf ihre Söhne vorn auf der Holzbank. Hinter ihnen sitzt eine junge, wortgewaltige Staatsanwältin, gegenüber eine kräftige Polizisten in Uniform, in dieser Umgebung wirken die Angeklagten ausgeliefert, umzingelt, viel schwächer als sonst. Noch versuchen sie, das Geschehen in ihr Koordinatensystem einzuordnen: Der Polizist, der ihn festgenommen habe, sei mit einem Zeugen befreundet, gemeinsam wollten sie ihm eins auswischen, erklärt Cornel. Der neue Mann seiner Ex-Frau sei das Problem – der gebe ihr Drogen und habe ihr das Lügen beigebracht, sagt Aurel. Auch die Verwandten samt ihrem Import-Export-Berater  haben nur eine mögliche Erklärung: Die neuen Partner wollen die Frauen und das Geld ganz für sich allein. Deswegen wollen sie unsere Familie vernichten.

Das Gericht macht Mittagspause. Etwas verloren stehen Eltern, Schwager, Schwägerinnen, Freunde in der Kantine des Landesgerichts. Das Menü ist aus, es gibt nur noch Würstel und Diet Coke, Rauchen ist verboten. Sogar von der Kellnerin fühlen sie sich unverstanden. Sie rühren im Kaffee, seufzen. Es gibt nicht mehr viel zu sagen.

Dann werden die Urteile gesprochen: Fünf Jahre unbedingt für Cornel M., mehrmonatige Haftstrafen für die anderen. Die Urteile sind nicht rechtskräftig. Drei der Männer weinen.

 

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