Nein, es gibt tatschlich keinen unschuldigen, unpolitischen Spiele, wie Martin Engelberg hier gestern ausführte. Das liegt in ihrer Natur. Eine Ergänzung.

Presse-Kolumne

Es kommt vor, dass sportliche Großveranstaltungen – olympische Spiele, Fußball-Weltmeisterschaften – in Demokratien über die Bühne gehen. Es ist dabei durchaus möglich, dass sie unter Beteiligung der Bürger geplant werden, rechtsstaatlich sauber ablaufen, die öffentliche Infrastruktur stärken, Menschen aus aller Welt zusammenbringen und am Ende alle glücklich machen. In Vancouver war das so, in Lillehammer, in London auch. Aber das ist eher die Ausnahme.

Demokratie und Massenspiele – das passt nämlich grundsätzlich nicht gut zusammen. In einer Demokratie gibt es vielfältige Interessen, die einander widersprechen. Stets ist da jemand, der Einwände hat, gut oder weniger gut begründete. Es gibt Realisten, Miesmacher, Pessimisten und Skeptiker – alle mit der Möglichkeit, sich öffentlich Gehör zu verschaffen. Es gibt Medien, die recherchieren, ob bei Auftragsvergaben alles mit rechten Dingen zugeht. Eine Wissenschaft, die sich über gesellschaftliche, ökologische und stadtplanerische  Auswirkungen nachdenkt. Es gibt Unternehmen mit Eigeninteressen, Anrainer mit Mitspracherechten, eine politische Opposition, NGOs, Bürgerinitiativen. Behörden und Gerichte, die Regelverstöße ahnden. Lauter potentielle Spielverderber, im wörtlichen Sinn.

Autoritäre Systeme und Massenspiele – das passt grundsätzlich viel besser. Da formuliert ein Anführer das Ziel und kann diesem alles andere unterordnen. Er befiehlt den Massen, und diese setzen sich in Marsch – reißen Stadtviertel nieder, delogieren, planieren Hindernisse, schütten Täler zu, begradigen jeden Widerstand. Die Arbeiter dafür werden notfalls mit Gewalt herangekarrt, eingeschüchtert, wie Sklaven ausgebeutet und, wenn sie sich wehren, gefoltert und misshandelt (nicht nur in Katar für die Fußball-WM, sondern, wie jüngste Recherchen von „Human Rights Watch“ belegen, derzeit auch in Sotschi).

Autoritäre Systeme wollen erzwingen, dass der Glanz von Spielen auf sie selbst abfärbt – das zeigte sich von Berlin 1936 bis Beijing 2008. Sie verstehen jeden denkwürdigen Moment, der vor ihren Augen geschieht, als Bestätigung ihrer selbst. Aus jedem Applaus hört der Gastgeber einen Applaus für sich heraus, jeden Weltrekord versteht er als Liebesbeweis, jede Medaille als Geschenk.

Vor den eigenen Untertanen soll es so ausschauen, als seien die internationalen Gäste vor allem da, um dem eigenen großen Führer zu huldigen: Alle Sportstars, alle Präsidenten kommen zu mir, essen von meinem Tisch und schütteln mir die Hand! Umgekehrt sollen die ausländischen Gäste vor Neid erblassen: Schaut her, was wir alles können! Wie perfekt, wie glamourös, wie sauber – wenn das kein Beweis für die Überlegenheit meiner Herrschaftsform/Ideologie/Partei ist! Schaut, was ich meinem Volk alles bieten kann, und wie sehr es mich dafür liebt!

So gesehen, gibt es keine „unpolitischen Spiele“. Mit dieser politischen Dimension richtig umzugehen, ist jedoch nicht Sache von Sportlern und Sportlerinnen. Sondern Sache der Politik.

Politiker und Politikerinnen haben ihr Handwerk gelernt. Ihr Werkzeug reicht von kleinen protokollarischen Gesten bis hin zur gezielten Provokation. Auch was Sotschi betrifft, steht ihnen ein ganzes Arsenal an Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung, um Position zu beziehen – in Bezug auf demokratische Standards, Diskrimierungsschutz, Meinungsfreiheit und Minderheitenrechte. Es liegt an ihnen, die passenden Delegationsmitglieder auszuwählen, wenn sie zu Zeremonien anreisen. Sich vor Ort mit den passenden Leuten zu treffen. Die passenden Worte zu finden, und den passenden Tonfall.

Zu zeigen, wofür man steht, wen man unterstützt, für welche Werte und wessen Interessen man eintritt – dieses Geschäft heißt „Politik“. Dafür werden Politiker bezahlt. Das sollen sie tun. Bloß eines gilt in dieser Arena nicht: Kneifen. Und so zu tun, als ginge einen das alles gar nichts an.

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