Einst kämpfte die Arbeiterbewegung um den Achtstundentag. Heute wünschen wir jemanden herbei, der uns endlich den Computer abdreht. Über Arbeitszeiten.

Ein Essay für den Falter

Es ging um den Achtstundentag, und es endete in einem Blutbad. Am 1. Mai 1886 zogen Männer, Frauen und Kinder mit Fahnen vor die Erntemaschenenfabrik McCormick in Chicago. Die Sonne schien. Sie sprachen deutsch, tschechisch, polnisch – die meisten waren europäische Einwanderer der ersten Generation. Ihr Anführer August Spies, den die Armut aus Hessen nach Amerika getrieben hatte, gehörte zum sozialrevolutionären Flügel der Arbeiterbewegung. „Man kann nicht ewig wie ein Stück Vieh leben“, schrie er auf deutsch, oben auf der Tribüne.
Die Streiks und Demonstrationen dauerten mehrere Tage. Bis ein Unbekannter eine Bombe in die Menge warf. Die Polizei schoss in Panik wild um sich, Dutzende Tote blieben auf dem Haymarket liegen. August Spies wurde verhafetet und zum Tod verurteilt, obwohl er mit der Bombe nichts zu tun hatte. Im November 1887 wurde er am Galgen hingerichtet.
So wurde der Erste Mai zum Feiertag der internationalen Arbeiterbewegung, mit Maiaufmärschen von Havanna bis Hütteldorf. Und der Acht-Stunden-Tag wurde zum Symbol.
Die Kampf um ihn sollte Jahrzehnte dauern. Er war erbittert, er war zäh, er forderte Menschenleben, doch die Arbeiterbewegung trotzte den ausbeuterischen Fabriksherren Stunde um Stunde ab. Im 19. Jahrhundert waren 12-Stunden-Schichten normal, sogar für Kinder, sogar nachts. 1918 war man in Östereich bei der Acht-Stunden Schicht angelangt. Die Zauberformel 8-8-8 stand für ein erfülltes, ausgeglichenes Arbeiterleben: 8 Stunden Schlaf, 8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Zeit für Familie, Bildung, Bewegung, Kultur, Vereine und Freundschaften.
Doch heute, 130 Jahre nach dem Haymarket-Massaker? Da können wir oft kaum noch sagen, wann unser Arbeitstag eigentlich begonnen hat. Der Statistik nach arbeiten wir kürzer denn je, doch es fühlt sich oft ganz anders an. Wir nehmen Arbeit nach Hause mit, checken auf der Spielplatzbank die Emails, bearbeiten eine Kundenanfrage und machen vor dem Schlafengehen noch schnell das Expose für morgen. Weil wir uns für unverzichtbar halten. Weil irgendwer halt alles erledigen muss. Weil der Chef sonst böse ist. Oder weil wir Angst haben, den Job zu verlieren.
Ist August Spies also umsonst gestorben? Geht eben eine der wichtigsten Errungenschaften der Arbeiterbewegung über Bord? Oder ist die Idee, die Arbeitszeit in Studen und Minuten zu messen, schlicht überholt?
Historisch gesehen, ist es normal, dass Arbeit und Leben ineinanderfließen. Die Bäuerin arbeitete, wann immer es in Stall oder Garten notwendig war. Der Handwerker machte den bestellten Stiefel oder den Tisch – wie lang er daran arbeitete, fragte niemand. Die Arbeitzeit war begrenzt durch die Natur: Tageslicht, Temperatur, Jahreszeiten. Durch die knappen Ressourcen. Und durch gesellschaftliche Rituale, Markttage, Feiertage. Rund um die Uhr arbeitete niemand, man brauchte nicht einmal eine Uhr. Wenn es Zeit für die Messe war, läuteten die Glocken.
Die öffentliche Uhr wurde erst mit der industriellen Revolution notwendig. Da reihten sich die Arbeiter in die Schlange am Fabrikstor ein, um zu Beginn ihrer Schicht einzustempeln. Der Taylorismus, die industrielle Produktionsweise, trennte Arbeit und Freizeit sowohl räumlich als auch zeitlich: Am Fließband stellte man genormte Produkte her, und nach Schichtende ging man nach Hause, um sie zu konsumieren. Zwischen den Fünfziger-und Siebzigerjahren stand dieses Idealbild der Arbeitswelt in voller Blüte.
Diese Ära ist jedch vorbei. „Die tayloristische Annahme, dass Zeit sich direkt in Leistung übersetzt, gilt immer weniger“, sagt Rolf Gleißner, Arbeitszeitexperte bei der Wirtschaftskammer. „Es interessiert die Firma nicht mehr, wie lang Sie für etwas brauchen. Das Ergebnis muss stimmen.“
Das Mantra heißt heute „Flexibilisierung“ und „Just in time“. Es geht nicht mehr darum, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel zu produzieren, sondern sondern darum, möglichst rasch genau das richtige herzustellen und zu liefern. Der idealtypische Arbeitnehmer dafür steht allzeit bereit, arbeitet, sobald er gebraucht wird, und hört auf, sobald die Aufgabe erledigt ist. Dann hat er auch ein Eigeninteresse, schnell fertig zu sein.
Das klingt cool. Und entspricht der Lebensrealität in vielen kreativen Branchen. Der Werbeslogan etwa fällt einem in drei Sekunden ein, in drei Monaten – oder auch nie. In Stunden und Minuten abrechnen kann man das kaum.
Doch gilt das für alle arbeitenden Menschen? Sicher nicht, meint Christoph Klein, Arbeitszeitexperte bei der Arbeiterkammer. In vielen Branchen, speziell bei Dienstleistungen, kommt es mehr denn je auf die Anwesenheit an. Die Supermarktkassa muss besetzt sein, das Callcenter, die Behörde, die Spitalsambulanz, der IT-Support, der Reparaturdienst. Körperliches Training, Bildung, Pflege, Kinderbetreuung: All das braucht seine Zeit, und diese Zeit bleibt in Stunden messbar.
Klein sieht keine Abkehr von der Zeiterfassung in Betrieben, im Gegenteil; per Laptop oder Chipkarte ist sie sogar noch detaillierter geworden. Und er hält es für extrem wichtig, den Acht-Stunden-Tag als „Normalfall“ zu verteidigen. Wenn Unternehmer „Flexibilisierung“ sagen, hört er nämlich stets etwas anderes durch: den schlichten Versuch, sich die derzeit fälligen 50prozentigen Überstundenzuschläge zu sparen. „Das ist der Hauptstreitpunkt seit 20 Jahren.“
Die zweite wichtige Konfliktlinie verläuft an der Teilzeitfront. Teilzeit boomt. Schon ein Viertel der arbeitenden Menschen in Österreich arbeitet heute in Teilzeit – mehr als überall sonst auf der Welt.
Auf den ersten Blick könnte man hier eine alte Sozialutopie verwirklicht sehen: Dass Produktivitätszuwächse dazu genützt werden können, die Arbeit auf mehr Köpfe zu verteilen, und den Stress zu vermindern. Die Idee gibt es seit den Dreißigerjahren, der Zeit der Massenarbeitslosigkeit. Der Cornflakes-Hersteller und Humanist W.K. Kellog stellte damals die Schichten in seinen Fabriken von 3×8 auf 4×6 Stunden um.
Die hohe Teilzeitquote in Österreich löst dieses humanistische Versprechen jedoch nicht ein. Bei näherer Betrachtung offenbart sich hier eine ganz spezielle Nische des Arbeitsmarkts. Es sind fast ausschließlich Frauen, sie arbeiten vor allem im Handel, oft unter ihrer Qualifikation, haben kaum Aufstiegsperspektiven und wenig Zeit und Seltbstbewusstsein, ihre Interessen durchzusetzen. Teilzeit arbeiten sie vor allem deswegen, weil sie Kinderbetreuungspflichten haben und sich etwas anderes nicht ausgeht. Weil der Kindergarten am Land nicht länger offen hat, und der Mann Überstunden macht.
Das muss nicht so sein. In der Schweiz ist es üblich, nicht nur um das Gehalt zu verhandeln, sondern auch darum, ob 70 oder 80 Prozent gerabeitet wird. In Holland gibt es einen Rechtsanspruch auf Teilzeit für alle, die jederzeit in Vollzeit umgewandelt werden kann; auch in qualifizierten Berufen, und auf allen Hierarchieebenen. Zwar ist auch hier den Frauenanteil höher als der Männeranteil, denoch hat sich das Bild gewandelt: Teilzeit ist eine ernstzunehmende, vorübergehende Option für jeden Menschen in jeder Lebensphase, ob jung oder alt; man landet man nicht zwangsläufig am Abstellgleis, sondern bleibt im Unternehmen verankert und kann jederzeit mit voller Power zurückkehren.
In diese Richtungen werden wir auch Österreich weiterdenken müssen, wenn es darum geht, die Arbeitszeit übers Leben neu und besser zu verteilen. Von den Überstunden ins Burnout, und von dort direkt in die Pension – das ist kein Weg, der individuell viel Spaß macht. Ineffizient ist er auch. Und ungesund sowieso.
Rolf Gleißner von der Wirtschaftskammer hat eine interessante Beobachtung gemacht: Aus der Diskussion um die Sonntagsarbeit, die noch vor zehn Jahren erbittert geführt wurde, „ist völlig die Luft draußen“. Angestellte, die sonntags arbeiten, sind heute dieselben wie vor 50 Jahren: im Verkehr, Krankenhäusern, Gastronomie, Freizeiteinrichtungen. „Da kommen keine neuen Branchen dazu, auch die heimischen Unternehmer drängen nicht mehr wirklich danach.“
Offenbar gibt es, ausgesprochen oder nicht, das kollektive Bedürfnis nach Zeitnischen, in denen man nicht funktionieren muss, nicht auf Abruf bereitsteht, nicht erreichbar ist, und darob auch kein schlechtes Gewissen haben muss. Um länger leistungsfähig zu bleiben als die Arbeiter im 19. Jahrhundert – und um uns in der Wissensgesellschaft auch die Freude an der Arbeit zu erhalten – werden wir uns solche Zeitinseln schaffen müssen. Eine Art Leo.
In einigen deutschen Großbetrieben wurde dieses Bedürfnis bereits in Betriebsvereinbarungen gegossen. Bei BMW etwa müssen Angestellte die Zeit, in der sie zu Hause Berufliches erledigen, in ihre Arbeitszeitkonten eintragen; zu vereinbarten Zeiten haben sie ein „Recht auf Unerreichbarkeit“. Bei VW werden die Dienst-Emails 30 Minuten nach Feierabend abgeschaltet, und die Telekom ersucht ihre Angestellten, dienstliche Telefonate in der Freizeit zu unterlassen. Detlef Wetzel, seit wenigen Monaten kämpferischer Chef der deutschen IG-Metall, hat sich zum Wortführer dieser neuen Bewegung gemacht. Es sei „unzumutbar, dass Beschäftigte am Wochende SMS vom Chef bekommen“, es brauche „strengere Regeln gegen Stress“. Notfalls auch per Gesetz.
Diese Leos zu erobern und zu verteidigen, wird ein zäher Kampf, Stunde um Stunde. Denn anders als die Arbeiterführer des 19. Jahrhunderts kämpfen wir dabei nicht nur gegen die bösen ausbeuterischen Arbeitgeber. Sondern auch gegen uns selber.

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One Response to 8 Stunden sind nie genug

  1. edith grünwald sagt:

    Auch die selbstausbeutung ist – meiner meinung nach – fremdausgelöst – aus der nicht eingestandenen angst, sonst zurückzubleiben, und weils von den meisten chefs dann doch honoriert wird – leider.

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