Junge Männer wählen die FPÖ, junge Frauen wählen grün. Die weltanschauliche Kluft zwischen diesen beiden Gruppen ist riesig. Warum bloß?

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Wieder ist eine Wahl geschlagen, und wieder gibt es ein Detailergebnis, das viele ratlos zurücklässt. Junge Männer und junge Frauen leben, was ihre Weltanschauung betrifft, offenbar auf verschiedenen Planeten. Bei Frauen bis 29 Jahren sind die Grünen die mit riesigem Abstand stärkste Partei (bei der EU-Wahl 32 Prozent), die FPÖ ist weit abgeschlagen (16%). Exakt spiegelbildverkeht das Bild bei Männern bis 29: hier liegt die FPÖ mit großem Abstand vorn (33%), die Grünen hingegen weit hinten (17%).
Das drängt zunächst eine intime Frage auf: Worüber reden die eigentlich miteinander, junge Männer und junge Frauen, wenn sie miteinander auf dem Sofa sitzen, im Eissalon, im Freibad herumhängen, abends ausgehen? Hoffentlich nicht über Politik. Hoffentlich nicht über die Mariahilferstraße, die Flüchtlingsfrage, oder über das europäisch-amerikanische Freihandelsabkommen. Denn da müssten in den Beziehungen die Fetzen fliegen, zumindest rund um jeden Wahltag.
Interessant ist das Phänomen auch gesamtgesellschaftlich. Hier einige Erklärungsversuche, die simpelste zuerst:
1. Ob jemand blau oder grün wählt, hängt stark von der Bildung ab. Höhere Bildung korreliert mit grün, niedrigere mit blau. Was Bildung betrifft, haben junge Frauen die gleichaltrigen Männer heute klar hinter sich gelassen – nicht nur bei den Schulnoten, sondern, erstmals in der Geschichte, auch bei der Zahl der Studienabschlüsse.
2. Hier geht es nicht bloß um individuelle Biograhien. Hier spiegelt sich ein Meta-Trend. Frauen haben im vergangenen Jahrhundert ein Ausmaß an Autonomie erlangt, das ihren Großmütten noch unvorstellbar schien: Sie können ihren Beruf frei wählen, ihre Partner ebenso, sie können ihre Sexualität ausleben und über Kinder selbst bestimmen. Über die Generationen hinweg betrachtet, geht es für Frauen spürbar bergauf. Sie fühlen sich auf der Gewinnerstraße, sind zuversichtlich, dass alles noch besser wird. Genau das ist die Haltung, aus der sich Grün-Wählen speist.
3. Umgekehrt nährt sich Blau-Wählen aus dem Grundgefühl des drohenden Abstiegs. Wir kennen das Phänomen aus allen Wahlanalysen: Wer sich bedroht wähnt, von Konkurrenz bedrängt, wer Angst haben muss, Erreichtes zu verlieren, wählt rechtspopulistische Parteien. Aus historischer Perspektive haben junge Männer durchaus Recht, wenn sie genau das empfinden: Verglichen mit ihren Vätern und Großvätern haben sie, was Rollenbilder und ökonomische Möglichkeiten betrifft, einstige Privilegien und Sicherheiten verloren; was nachkommt, wissen sie nicht genau. Die Jungen sind die erste Generation, die diese Verunsicherung mit voller Wucht trifft. Die Gleichberechtigung der Geschlechter erleben sie als (relativen) Abstieg.
4. Daraus erklärt sich die Fundamentalopposition, die viele junge Männer offenbar gegenüber dem politischen System hegen: Sie fühlen sich gerringgeschätzt, vergessen, verraten, verkauft. Während junge Frauen offenbar eher an die Veränderbarkeit der Verhältnisse glauben – und daran, dass sie selbst dabei gefragt sind. Für Aggression, Frust, Verweigerung und Apathie haben sie weniger Anlass.
5. Dies schließlich spiegelt sich in den Spitzenkandidaten – und den Emotionen, die man ihnen entgegenbringt. Eva Glawischnig und Ulrike Lunacek sind, aus der Perspektive der 20jährigen betrachtet, die Generation der Mütter und Lehrerinnen. Junge Frauen sehen in ihnen Role Models: Schau, die setzt sich durch! Schau, die wird respektiert! Schau, die traut sich was! Junge Männer hingegen fühlen sich womöglich eher an ihre Pubertät erinnert. Als die allgegenwärtigen Mütter und Lehrerinnen stets alles besser wussten. Verbote aussprachen. Burschen links liegen ließen. Und womöglich insgeheim die Mädchen bevorzugten.
Da liegt es doch, 6., nahe, bei einer Partei Schutz zu suchen, die sich ebenfalls ständig ungerecht behandelt fühlt?

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