Silvio Berlusconi büßt mit Sozialarbeit für seine Steuervergehen. Dem Publikum gefällt das. Aber gefällt es auch professionellen Sozialarbeitern?

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Silvio Berlusconi arbeitet nun also im Altersheim Sacra Famiglia die Cesano Boscone, außerhalb von Mailand. Einmal die Woche, vier Stunden lang, der Sozialdienst ersetzt die vierjährige Haftstrafe, zu der er wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde. An seinem ersten Arbeitstag fuhr er mit einer schwaren Limousine vor, er trug einen dunkelblauben Anzug, dem Fernsehen winkte er nur knapp zu.
Bersluconi hilft bei der Betreuung von Alzheimerpatienten. Er habe eine zehntägige Einführung bekommen, sagt der Heimleiter. Waschen und Körperpflege sei schwierig, da brauche man physisch viel Kraft, enfacher sei daher vorerst, beim Essen helfen. Bei Alzheimer heißt das: Dem Patienten den Löffel hinhalten, ihn überreden, den Mund aufzumachen, ihn dran erinnern, dass er kauen und schlucken muss, und Sabber und Speisereste vom Kinn wischen.
Er nehme die Aufgabe sehr ernst, ließ Berlusconi wissen. Die Konfrontation mit dem wirklichen Leben hat noch keinem Machtmenschen geschadet. Die Erfahrung wird ihm persönlich wohl gut tun; vielleicht macht sie ihn nachdenklicher, reifer, interessanter.
Auch der Öffentlichkeit gefällt die Vorstellung. Alte pflegen – das klingt wie die ultimative Demütigung für einen 77jährigen, der sich krampfhaft gegen das eigene Altern auflehnte, Lifting und Haartransplantationen inklusive. Von faltigen, inkontinenten Körpern umgeben zu sein – das gönnt man einem, der sich jahrzehntelang ausschließlich an frischem, knackigem Mädchenfleisch ergötzte. Eben noch schaute er Teenagern beim Poledancing zu, jetzt schiebt er Greisinnen auf Rollstühlen herum – ha, wenn das keine Strafe ist!
Speziell wenn es um Promis geht, sind die Phantasien verlockend: Man stellt sich vor, wie die feinen Pinkel ihr teures Designergewand anpatzen. Wie ihnen die Stiletto-Absätze umknicken. Wie sie fahlriechende Eintöpfe löffeln statt Kaviar. Wie sie sich die feine Maniküre ruinieren. Und wer weiß, vielleicht müssen sie einmal sogar den Fetzen in die Hand nehmen und Erbrochenes aufwischen. Da stellt sich, wie beim Bäckerschupfen im Mittelalter, unmittelbare Genugtuung ein.
So weit, so verständlich. Wie aber fühlt sich das Ganze aus anderer Perspektive an? Für Menschen etwa, die täglich zur Arbeit in einer sozialen Hilfseinrichtung gehen, als Krankenpflegerin, als Behindertenbetreuer, als Sozialarbeiterin, oder als Koch in einer Alzheimer-WG?
Menschen in Sozialberufen sind Profis. Leichtes Leben haben sie keines, aber sie haben ihre Berufe aus Interesse an der Sache gewählt. Sie haben mehrjährige Ausbildungen hinter sich, erledigen ihre Arbeit tagein, tagaus gewissenhaft und erfüllen damit gesellschaftlich immens wichtige Aufgaben. Ihre Qualifikation, Erfahrung und Expertise hat nicht jeder. Wahrscheinlich gibt es einzelne Pfleger, die besonders gut darin sind, Alzheimer-Patienten zum Essen zu bewegen. Das ist ein guter Grund, stolz zu sein.
Wie muss sich das jedoch anfühlen, wenn der eigene Beruf in der öffentlichen Wahrnehmung als erniedrigende, schlimmstmögliche Strafe gilt? Wenn man jemanden, der bei dieser Arbeit vorübergehend ein paar Stunden aushilft, mit Häme und Schadenfreude überschüttet, angesichts der Grauslichkeiten, die er sich damit aufgeladen hat?
Schließlich gibt es noch die Perspektive alter Menschen selbst. Berlusconis Alzheimerpatienten sind zwar wahrscheinlich in einem Stadium, in dem es ihnen gleichgültig ist, wer das Lätzchen bindet. Aber wie geht es alerten Menschen, die ihren eigenen körperlichen Verfall beobachten und ahnen, dass sie ihre täglichen Verrichtungen nicht mehr lang ohne fremde Hilfe schaffen werden?
Die Botschaft an sie lautet: Deine Existenz ist eine Zumutung. Deine Nähe auszuhalten ist eine Demütigung. Sich um dich zu kümmern ist eine Strafe – wirkungsvoller als in einer Gefängniszelle eingesperrt zu sein. Eine schreckliche Botschaft, eigentlich.

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