Die Arbeiterkammer berät jetzt auch Menschen, die illegal hier arbeiten. Das ist mutig – und ein radikaler Bruch mit der bisherigen Gewerkschaftspolitik.

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Wer ist der junge Mann, der im Garten das Laub recht? Wer wäscht da in der Imbissbude die Teller? Wer ist die Frau, die mit der gehbehinderten Nachbarin täglich geduldig eine langsame Runde im Park dreht, und wer sitzt da mit den Kindern neben der Sandkiste? Wer schaufelt im Winter den Schnee, brockt im Frühsommer mit gekrümmtem Rücken auf dem Erdbeerfeld die Erdbeeren, schuftet im Herbst bei der Weinlese und hilft anschließend beim Heurigen im Service aus?
Die Arbeit, die all diese Menschen tun, ist dringend notwendig und wird in Österreich rege nachgefragt. Aber nicht alle, die diese Arbeit leisten, dürfen das auch tun – weil sie, aus irgendeinem Grund, keine Beschäftigungsbewilligung haben. Die amerikanische Studentin etwa, die mit einem Studentenvisum hier lebt. Der Künstler aus Kamerun, der von seiner Kunst allein (noch) nicht leben kann. Der afghanische Asylwerber, der mit den wenigen hundert Euro Grundversorgung nicht auskommt. Die Kubanerin, die von ihrem österreichischen Ehemann ins Land geholt wurde und nach der Trennung ohne Einkommen dasteht. Die moldawische Putzfrau, die keine Chance auf ein Arbeitsvisum hat.
All diese Menschen sind leichte Beute für skrupellose Arbeitgeber – weil sie verwundbar sind. Sie haben ein schlechtes Gewissen wegen der Gesetzesverletzung, die sie begehen. Sie haben Angst, dass man ihnen draufkommt; dass sie eventuell sogar ausgewiesen werden könnten, und dass damit ihr ganzes Leben zusammenbricht. Sie meiden daher, was ihre Arbeit betrifft, den Kontakt mit allen Behörden. Wehren sich nicht, wenn ihre Arbeitsbedingungen oder Arbeitszeiten unzumutbar sind, wenn sie um ihren Lohn geprellt, ausgebeutet, betrogen, vielleicht sogar misshandelt werden.
Wenn ein Häuslbauer einem Tagelöhner, den er frühmorgens am Arbeitsstrich an der Triesterstraße aufgelesen hat, am Ende eines langen Tages die versprochenen 70 Euro schuldig bleibt, kann er ziemlich sicher sein, dass niemand ihm einen Anwalt auf den Hals hetzen wird. Der Familienvater wird umso selbstbewusster gegenüber der Babysitterin zudringlich, wenn er weiß, dass ihr Au-Pair-Visum seit Monaten abgelaufen ist. Sie wird lange zögern, bevor sie die Polizei oder auch nur eine Beratungsstelle kontaktiert – wahrscheinlich tut sie es nie. Wer illegal arbeitet, lässt vieles über sich ergehen, zieht die Schultern ein, schweigt. Und ist erpressbar.
Wer illegal arbeitet, fand bisher auch kaum Schutz bei den Institutionen der österreichischen Arbeiterbewegung. Gewerkschaften und Arbeiterkammer fühlten sich für solche Menschen nicht zuständig, im Gegenteil: Eher nahm man sie als als gefährliche Konkurrenz wahr, als Lohndrücker, als Bedrohung für die hart erkämpften sozialen Standards im Land. Grenzen dicht, aussperren, und, falls die Leute schon da sind, so lange wie möglich ignorieren: So lautete das Motto.
Bis jetzt. Heute, Mittwoch, eröffnet die Arbeiterkammer in Wien ihre erste Beratungsstelle für illegal arbeitende Menschen. UNDOK heißt sie. Hier kann man sich anonym über die Rechtslage informieren, gemeinsam mit Experten abwägen, welche Optionen einem offenstehen, und mit juristischer Unterstützung Ansprüche gegen Arbeitgeber einklagen. Notfalls auch vor Gericht.
Dabei eröffnen sich Erkenntnisse, die viele – Arbeitgeber ebenso wie Arbeitende – überraschen werden. Das Arbeitsrecht etwa gilt in Österreich für alle Menschen – unabhängig von den Stempeln in ihrem Pass. Kollektivvertragliche Mindestlöhne gelten für alle – egal ob sie mit oder ohne Bewilligung arbeiten. Arbeitsverträge sind einzuhalten – auch wenn sie nicht auf Papier geschrieben stehen, sondern bloß mündlich abgeschlossen wurden. Sogar eine „stillschweigende“ Abmachung ist bindend.
Nein, so rechtlos, wie sie selbst glauben, sind illegal arbeitende Menschen gar nicht. Es war bloß für viele in diesem Land lange opportun und profitabel, sie in diesem Glauben zu lassen.

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