Die Gratis-Zeitung „Österreich“ bringt mit ihrer Berichterstattung die sogenannten „Dschihad-Mädchen“ in akute Gefahr. Und viele andere Medien tun dabei mit.

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Die Zeitung „Österreich“ wird nun an alle Wiener Haushalte verteilt, gratis in jedes Postkastl. An alle, die Werbung verweigern und dies ausdrücklich mit einem Pickerl kennzeichnen. An alle, die Zeitungen grundsätzlich verweigern. An alle, die Zeitungen grundsätzlich lieben, aber speziell „Österreich“ und deren Art der Berichterstattung ablehnen. Alles egal. Niemand, der in der Hauptstadt wohnt, kommt davon. Diese Zeitung will beachtet werden, koste es was es wolle, der Preis ist egal: Es ist eine ultimative Machtphantasie.
Ihren ganzen Schrecken entfalt diese Machtphantasie jedoch erst, wenn man den Vertriebsweg in Zusammenhang mit dem Inhalt bringt. Dann kann es richtig gefährlich werden. Am Beispiel der Berichterstattung über die so genannten „Dschihad-Mädchen“ kann man das exemplarisch zeigen. Es ist ein Lehrstück darüber, wie unverantwortlicher Journalismus funktioniert.
Sie erinnern sich sicher (niemand konnte der Geschichte entgehen): Die beiden Wienerinnen Samra (17) und Sabina (15) reisten zu Ostern ins syrische Kriegsgebiet. „Österreich“ nannte sie mit vollständigem Namen und bringt immer wieder große Fotos, verschleiert und unverschleiert (damit sie, hier wie dort, jeder zweifelsfrei wiedererkennt). Berichtete von ihrer angeblichen Verheiratung mit tschetschenischen IS-Kämpfern sowie ihren angeblichen Schwangerschaften. Und schrieb vor drei Wochen dann etwas, das sie in Lebensgefahr brachte. Den beiden Mädchen, so „Österreich“, sei das Leben im Dschihad zu viel geworden. Sie wollten nach Hause zurück. Die Quelle? „Berichtet ein Insider“, hieß es lapidar.
Egal, ob die Geschichte stimmt, oder ob sie von A bis Z erfunden ist – in beiden Fällen kann sie ein Todesurteil sein. Die Schlagzeile ging um die Welt, Boulevardmedien, seriöse Medien, alle, alle verbreiteten sie weiter. Das amerikanische Außenministerium benützt Samra und Sabina mittlerweile als Kronzeuginnen für ihre Internetkampagne „Think again, turn away“. Rote glitzernde Mädchenpantoffeln sind da abgebildet, samt der abschreckenden Botschaft der angeblich Heimkehrwilligen an gleichgesinnte Jugendliche: „There is no place like home“.
Es wird wenige Stunden gedauert haben, bis all die Artikel auch dort gelesen wurden, wo sich die beiden Mädchen derzeit aufhalten – in Rakka oder anderswo im IS-kontrollieten Gebiet. Was bedeutet das konkret für Samra und Sabina? Man kann das nüchtern durchdenken.
In den Augen ihrer Bewacher, Mitkämpfer, Nachbarn macht es die Mädchen über Nacht zur potentiellen Gefahrenquelle. Weil sie offenbar heimlich mit der Außenwelt kommunizieren (sie seien „mit Familie und Freunden in Österreich in Kontakt“ schrieb „Österreich“), wird man ihnen nun wohl die Handys wegnehmen, ihre Überwachung verstärken, sie einsperren. Die IS wird die für Abtrünnige halten („offenbar sind sie vom Terrorismus desillusioniert“, schreibt Österreich). Wird ihre Augenzeugenberichte fürchten, weil sie zu viel gesehen haben („täglich werden sie mit öffentlichen Auspeitschungen und Enthauptungen konfrontiert“, stand in „Österreich“). Je größer die weltweite Medienprominenz der Mädchen, desto verheerender ist der negative Propagandaeffekt auf mögliche IS-Sympathisanten, falls sie tatsächlich heimkommen. Die IS wird somit alles tun, damit sie nicht lebend entwischen.
Man kann das Drama ein bisschen ahnen, angesichts eines neuen SMS-Interviews, das Sabina nun angeblich dem französischen Magazin „Paris Match“ gab, in Anwesenheit ihres Ehemanns. Sie fühle sich frei, sagt sie da, sei nicht schwanger, und wolle nicht heim. Vielleicht reicht das, um die akute Gefahr vorübergehend zu bannen. Vielleicht nicht.
Was machen Terroristen mit Spionen, Verrätern, Augenzeugen, Abtrünnigen? Niemand bei „Österreich“ hat darauf offenbar je einen Gedanken verschwendet. Hauptsache, die Auflage stimmt. Hauptsache, man wird beachtet. Der Preis ist egal.

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