Teil 1 meiner Interview-Serie fürs „Datum“

Dort wo Simmering zum Zentralfriedhof hin ausfranst, zwischen Autowerkstätten und Nagelstudios, steht ein Einkaufszentrum. Vorne drin ist das übliche: Billigmode, Handyshops, Schlüsselservice. Das Wunder tut sich an einer unscheinbaren Tür am Hintereingang auf. Hier gehen Kids ein und aus. Es sind Kinder von Arbeitern, Arbeitslosen, Asylwerbern, kleinen Gewerbetreibenden, mit 33 verschiedenen Muttersprachen und einer Gemeinsamkeit: Ihre Eltern können sich keine teure Nachhilfe leisten. Hier in der „Lerntafel“ bekommen sie Lernbegleitung und Hilfe bei den Hausaufgaben, zwischen 350 und 400 Einzelstunden pro Woche, gratis. Von Pensionisten, Studentinnen und anderen Menschen mit Tagesfreizeit, die Bildung haben und Bildung weitergeben wollen.
Stefan Unterberger, Unternehmensberater, Kommunikationstrainer und Wirtschaftscoach, hat die Lerntafel vor vier Jahren gegründet. Er sitzt an einer Schulbank, der Spende einer Möbelfirma. Das meiste in diesem Raum sind Spenden.
Herr Unterberger, ein Geständnis. Ich war gern in der Schule, hatte immer gute Noten. Warum ist mir das bis heute immer ein bisschen peinlich?
U: Mir nicht. Ich war in der amerikanischen Schule hier in Wien, da war das ganz anders. Leistung war etwas wünschenswertes, ich hab nur zwei Tage gefehlt, ich war ein glücklicher Schüler.
Aber Sie kennen das Phänomen, dass es beinahe zum guten Ton gehört zu betonen, wie schlecht man in der Schule war.
U: Ja, das ist sehr österreichisch. Man ist ja auch stolz drauf, wie gut man geschwindelt hat.
„Streber“ ist ein Schimpfwort. Lieber hat man Talent, ohne sich anzustrengen.
U: Besonders beharrlich und diszipliniert sein – auch das kann ein Talent sein. Der beste Geiger der Welt ist vielleicht gar kein Genie, sondern hat doppelt so viel geübt wie der zweitbeste Geiger.
Leistung aufs Genie zurückzuführen, ist aber einfacher. Das hat man entweder, oder halt nicht, aber man kanns nicht ändern.
U: Ein Leitsatz meines Lebens lautet: Wenn dich etwas kompetenter macht, dann tus. Wenn es zusätzlich noch Spaß macht, umso besser. Dieser Leitsatz wäre ganz wichtig für Kinder. Aber was hören sie stattdessen? Eltern, die heimkommen und sagen: „Puh, wie schrecklich ist die Arbeit.“
Man zählt ja auch derzeit die Feiertage durch und sagt: „Schrecklich, wie die heuer fallen, so viele Schultage!“
U: Wenn die Schule es schafft, die Kinder zu begeistern, wollen sie gar nicht zu Hause bleiben.
Aber wie macht man das?
U: Wir wissen, was man tun muss, damit Kinder innerhalb von zwei Jahren messbar lernfreudiger werden. Ein einfaches Beispiel: Man streicht nicht an, was falsch ist, sondern das, was richtig ist. Oder man könnte themenzentriert arbeiten. Man nimmt sich zum Beispiel das 17. oder 18. Jahrhundert her und beschäftigt sich mit allem, was in dieser Zeit passiert ist – Religion, Malerei, Politik, Musik, Essen…
Kostet besserer Unterricht mehr?
U: Immer heißt es, das Geld fehlt. Und im nächsten Satz: Wir haben eh schon das teuerste Bildungssystem der Welt. Das sind Ausreden. Vieles, was den Unterricht besser machen würde, kostet gar nichts.
Wir wollten über Bildung reden, jetzt reden wir über Schule. Ist das das gleiche?
U: Bildung ist nicht das, was wir in der Schule bekommen. Bildung akkumulieren wir über das ganze Leben. Schule und Bildung sind kein Widerspruch. Aber deckungsgleich sind sie nicht.
Was fehlt der Schule denn?
U: Die Lehrpläne sind auf Wiedergabe angelegt. Man überprüft, ob das, was man hineingetan hat, drin ist. Aber es geht darum, dass die Kinder mit dem, was sie lernen, selber etwas tun. Dann kämen wir dem Kern von Bildung näher: Dass Kinder befähigt werden, diese Welt zu gestalten, und zwar anders und besser als wir.
Wie bringt man das zustande, die Welt gestalten?
U: Dazu braucht man eine spezifische Intelligenz. Die Fähigkeit, Information aus verschiedensten Bereichen herbeizuschaffen, Routine bei ihrer Verarbeitung entwickeln, Besonderheiten erkennen und neue Querverbindungen herstellen.
Sind denn die Kinder heute anders als wir damals?
U: Ich glaube schon. Wenn Kinder heute lernen, wollen sie wissen, wofür. Fakten sind für sie nichts besonderes, die kann man jederzeit im Internet nachschauen. Die Kinder wollen wissen: Welchen Bezug hat das zu mir? Wie mache ich aus den vielen Informationen, die ich jederzeit haben kann, Wissen? Das lernt man viel zu wenig. Vor hundert Jahren war das Ziel der Schule, Kinder so rasch wie möglich arbeitsfähig und, je nach Stand, einsetzbar zu machen – als Bauern oder Handwerker oder Arbeiter oder Beamte.
Hat sich das tatsächlich geändert?
U: Naja. Ich unterrichte an einer FH, da muss ich sagen: Es gibt immer noch ein starkes Maschinendenken. Nach wie vor werden Menschen gesucht, die ins System gut hineinpassen und aus dem Input möglichst viel Output machen. Da verrät schon die Sprache, was schiefläuft.
Wenn ich Journalismus unterrichte, sitze ich manchmal vor jungen Erwachsenen, die fragen: Wie gehört das, wie ist es richtig? Ich kann nur antworten: Das weiß ich nicht, das musst du herausfinden, deswegen bist du hier!
U: Richtig. Diese Unsicherheit zuzugeben, ist aber für Lehrer nicht einfach. Nicht alle sind dazu in der Lage. Man traut sich nicht. Man hat es nicht gelernt. Und wer Angst hat, macht im Zweifelsfall weiter mit den seit hundert Jahren eingeübten und abgesicherten Verhaltensweisen.
Aber die werden ja explizit eingefordert. Eine Lehrerin darf sich vom Lehrplan nicht allzu weit wegbewegen.
U: Es gibt großartige Lehrer. Eine, die ich kenne, arbeitet in einer sehr heterogenen Klasse und verwendet nur eigene Unterlagen, je nach Interessen der Kinder. Sie ist mal schneller, mal langsamer als der Lehrplan, aber sicher punktgenauer. Diese Freiheit kann sie sich nur nehmen, weil sie einen Klassenvorstand, eine Direktorin, eine Schulinspektorin hat, die sie decken. Das ist unendlich mühsam.
Innovativen Lehrern scheint das System mehr Probleme zu machen als schlechten.
U: Jeder weiß ganz genau, wo die schlechten Lehrer sind. Doch das bleibt geheim, aus Angst, dass sie an den Pranger gestellt werden. Aber an den Pranger stellen ist ja nicht das einzige, was man tun kann!
Sondern?
U: Helfen! Ein Direktor, eine Direktorin muss sagen: Wenn du weiter unterrichten willst, musst du dir helfen lassen. Nichts tun ist keine Option. Sie hätten auch jetzt schon die Handhabe dazu. Aber sie fürchten, sich unbeliebt zu machen, wollen niemanden verärgern, dem sie ihren Posten verdanken. Stattdessen werden die sogenannten Problemlehrer reihum weitergereicht, jede Schule muss zwei, drei nehmen, das Netzwerk hilft, sich über das Problem hinwegzuschummeln. Das ist unverantwortlich.
Wie wird man ein schlecher Lehrer?
U: Niemand wird das mit Absicht. Jemand unterrichtet 20, 30 Jahre lang das Gleiche, weil er nie Feedback bekommt. Lehrer werden zu wenig ermuntert nachzudenken – wo stehe ich, was kann ich, was kann ich weniger, welche Unterstützung brauche ist? Und was will ich noch lernen? In sich hininzuschauen ist eine Fähigkeit, die unabdingbar ist, wenn man anderen Menschen etwas beibringen will. Lehren ist Beziehungsarbeit. Immer kommt eine neue Klasse, und man fängt wieder von vorn an. Kinder verselbständigen sich, am Ende verlassen sie einen, es passieren viele kritische Momente. Da darf man Lehrer nicht allein lassen.
Es ist kurz nach ein Uhr Mittag. Die ersten Kinder kommen mit ihren Schulranzen herein. Die Hälfte von ihnen kommt aus der Volksschule, ein Drittel aus Mittelschulen, 12% Gymnasiasten sind auch dabei. Zwischen den Paravants an den Tischen warten schon ein Physiker und eine pensionierte Mittelschuldirektorin auf sie. Zuhause haben viele dieser Kinder oft keine Ansprechperson, keine Ruhe, keinen Raum, keinen Tisch zum Aufgabenschreiben. Gleichzeitig jedoch bekommen sie keinen Hortplatz. Weil der zu teuer ist. Oder weil sie keinen Anspruch darauf haben. Beide Elternteile müssen dafür Berufstätigkeit nachweisen; sind Mutter oder Vater arbeitslos oder mit einem Baby in Karenz, gibt es offiziell keinen „Betreuungsbedarf“.
Ist das nicht eigentlich ein Skandal, Kinder mittags aus der Schule wegzuschicken, hungrig noch dazu?
U: Ja. Es gibt seit zwei Jahren einen Verein, der mit Kindern mittags kocht. Es war mühsam, das durchzusetzen, weil es offiziell ja keine hungrigen Kinder gibt in Wien. Aber schließlich wollten viele mitessen, die daheim eh etwas bekommen hätten. Allein das Herrichten, Zusammensitzen, gemeinsam Wegräumen ist wichtig.
Man muss einem Kind zeigen: Komm her, wer bist du, ich interessiere mich für dich?
U: Kinder brauchen ein Umfeld, das an sie glaubt. Kennen Sie den Rosenthal-Effekt? Einem Lehrer sagt man: Du kriegst die beste Klasse der Schule. Dem anderen sagt man: Du kriegst die schlechteste. In Wirklichkeit ist es umgekehrt. Aber am Ende des Jahres überholt die schlechte Klasse die bessere, weil der Lehrer ihr etwas zutraut. Den Kindern hier fehlt diese Erfahrung. Viele werden irgendwie durch die Schulpflicht geschleust, bekommen am Ende irgendwelche Noten, und werden am Ende der 4. Klasse rausgeschickt, obwohl ihnen grundlegende Kenntnisse fehlen. Manche würden vielleicht ein, zwei Jahre länger brauchen, aber die gibt man ihnen nicht.
Das System versucht sie loszuwerden?
U: Das ist evident. In manchen Schulen dürfen nur zwei Kinder pro Klasse durchfallen.
Die Botschaft lautet: Es ist egal, was du kannst. Du bist egal.
U: Es entwertet auch jene, die sich bemühen. Die sehen: Du kommst ohnehin durch, auch wenn du dich nicht anstrengst. So entstehen Orte, wo frustrierte Lehrer und frustrierte Schüler sich gegenseitig runterziehen. Solche Orte gibt es. Aber es wird nicht darüber geredet.
Eine Standardklage lautet: Die Eltern kümmern sich zu wenig und überlassen alles der Schule.
U: Lehrer fordern zu Recht ein, dass man zumindest Grüßen beibringen könnte, Bitte und Danke. Manchen Eltern fehlt aber das Verständnis oder Wille dazu, manchen fehlt einfach die Kraft.
Was tut man dann?
U: Wir müssen uns als Gesellschaft fragen: Brauchen wir diese Kinder? Wenn ja, dann müssen wir uns zuständig machen, für ein einzelnes Kind, für eine Klasse, für eine ganze sogenannte Problemschule. Mit dem gemeinsamen Wissen, das wir haben, Eltern, Psychologinnen, Sozialarbeiter, Lehrer, Direktorinnen, Schulinspektoren, Nachbarn, ehrenamtliche und professionelle Helfer.
Kommen die Eltern denn hierher, in die Lerntafel?
U: Aber ja! Wir hatten vor ein paar Tagen ein Elterntreffen, da waren so viele, die haben kaum in den Raum gepasst. Man muss es halt anders machen als früher. Die Eltern in die Schule bestellen, um sich über das Kind beschweren – das ist denkbar ungeeignet. Interessanter wäre: Was könnte ich im Gespräch denn erfahren, um das Kind besser zu verstehen? Manche Eltern sind erleichtert, wenn ich sage: Ihr Sohn sollte zu einer Psycholologin gehen. Andere gestehen sich schwer ein, dass das Kind Hilfe braucht. Weil das ja heißt, dass man womöglich selbst etwas übersehen hat.
Zumal Eltern dazu neigen, immer in den anderen Kindern das Problem zu sehen, und selten im eigenen….
U: Eltern sind sehr verwundbar über ihre Kinder. Eltern haben Angst vor dem Scheitern. Jeder Vater, jede Mutter, hatte einmal einen Traum vom Leben, viele dieser Träume haben sich nicht erfüllt. Kinder signalisieren, was vielleicht doch noch alles möglich wäre. Aber dass man auch enttäuscht werden könnte.
Trifft das auf Einwandererfamilien besonders zu?
U: Für die kann es besonders hart sein. Wir haben hier immer wieder mit Müttern zu tun, die waren in ihrer Heimat Akademikerinnen und gehen heute in Simmering putzen. Die haben das Gefühl, mit allem, was sie sind und können, hier nicht zugehörig zu sein. Und schicken die Kinder dann in die Schule, in der Hoffnung, dass sich damit auch für sie selbst etwas ändert.
Das erzeugt gewaltigen Druck?
U: In unterprivilegierten Familien sehen die Kinder häufig, wie ihre Eltern mit Dingen nicht zurechtkommen. Sie übernehmen dann selbst Verantwortung, weil sie etwa besser deutsch können oder sich besser auf Ämtern auskennen. Wenn Kinder in die Position geschoben werden, wo sie die Wächter der Familie werden, kann das sehr belastend sein. Es bringt die Autoritätsverhältnisse durcheinander. Daheim werden diese Kinder zu kleinen Erwachsenen. Und dann kommen sie in die Schule, und sollen dort wieder in die Kinderrolle zurückfinden, auf Alltagsprobleme gelassen reagieren? Erwachsene würden so etwas auch nicht schaffen. Bei denen nennt man es dann Burnout oder Depression. Aber Kinder stoßen da auf wenig Verständnis.
Was würden diese Kinder brauchen?
U: Kinder müssen sich sicher fühlen. Nur dann können sie ein Selbstwertgefühl entwickeln, das ist die Grundlage für Bildung. Kinder wollen auch, dass ihre Eltern glücklich sind. Denn nur dann können diese die Elternrolle ausfüllen – und die Kinder können Kinder sein. Deswegen bieten wir in der Lerntafel jetzt auch Kurse für Eltern an.
Müsste man nicht die Lebenserfahrungen dieser Menschen noch viel ernster nehmen? Ihre Sprache, ihr kulturelles Wissen, die Entwurzelung? Häufig wird man ja einzig daran gemessen, wie schnell man deutsch lernt.
U: All diese Schätze zu heben, käme dem humanistischen Bildungsideal recht nahe. Einige Kinder waren ja schon in anderen Ländern in der Schule. Wie spannend wäre es, zu erfahren, was und wie sie dort gelernt haben! Der Vergleich wäre eine Quelle echter Bildung. Womit wir wieder am Anfang unseres Gesprächs wären.
Stefan Unterberger hat einen erwachsenen Sohn und eine 13jährige Tochter. Die besucht das Gymnasium Rahlgasse. Ein paar Gassen weiter befindet sich die Neue Mittelschule Gassergasse. Die Jugendlichen der beiden Schulen kommen aus verschiedenen Milieus. Behütet, bildungsbürgerlich in der Rahlgasse; in der Gassergasse sind existenzielle Nöte, Zukunftsängste und dramatische Familiengeschichten präsenter. Abgesehen davon, dass sich ihre Schulwege täglich kreuzen, hatten die Jugendlichen fast nichts miteinander zu tun.
Vor drei Jahren initiiete Unterberger das Projekt, die SchülerInnen beider Schulen zusammenzubringen – was schließlich in die „Thema“-Serie „Schule fürs Leben“ mündete. Die TV-Produktion war in beiden Schulen umstritten; für die Zuschauer war es dennoch lehrreich, bei der Begegnung zweier fremder Welten zuzuschauen. Das Projekt geht auch weiter, nachdem die ORF-Kameras weg sind. Zweimal die Woche gehen Siebtklässler aus der Rahlgasse in die Gassergasse hinüber, man redet, macht Sport, zeigt einander Dinge, die man aus dem eigenen Lebensumfeld nicht kennt. In der AHS ist das Projekt Teil des Lehrplans.
Ist es nicht ein bisschen eigenartig, Kinder, die man nach Ende der Volksschule mit viel Aufwand auseinanderdividiert, dann mit viel Aufwand wieder wieder zusammenzuführen? Einfacher wäre es, man ließe sie gleich miteinander in die Schule gehen.
U: Ja. Aber von heute auf morgen die Gesamtschule einzuführen, wird nicht funktionieren. Wenn wirs bloß schaffen würden, in Wien 10 oder 15 Gymnasien dazu zu zu bringen, sich eine Hauptschule in der Nähe zu suchen und ähnliche Erfahrungen zu machen, ließe sich die Debatte wesentlich leichter führen. Man kann nicht einfach einen Schalter umlegen und glauben, dann ist automatisch alles anders. Jede Bildungsreform muss ein Wir-Projekt sein. Gesamtschule, Teamteaching, Projektunterricht – das geht alles nur, wenn alle wissen, was sie tun, wie, und warum. Man muss die Beteiligten einladen: Welches Ziel setzen wir uns, willst du dorthin? Und wenn ja – dann wirst du dich einbringen müssen und Verantwortung tragen!
Man kann nicht ablegen, ehe alle an Bord sind?
U: Genau. Sonst fährt man im leeren Schiff. In den Coachings, die ich mache – in Unternehmen, im Gesundheitsbereich – ist das genauso. Man kann nur gemeinsam reisen. Und das Ziel kennen.
In der Bildungsdebatte könnte aber genau das der Moment der Wahrheit sein. Wollen denn wirklich alle ein gerechtes Schulsystem? Womöglich kommt manchen ein ungerechtes sehr gelegen? Sie fürchten die Konkurrenz, haben den Aufstieg geschafft und wollen sich nach unten abschotten…
U: Ja, ein bisschen von dieser Angst steckt sicher im Widerstand gegen die Gesamtschule. Aber die kann man ablegen. Wenn wir begreifen, dass wir Wissen immer nur auf den Schultern unserer Vorfahren aufbauen, wird uns auch klar, dass Bildung nur ein Miteinander sein kann. Bildung ist nichts, was man auf Kosten anderer erwirbt.
Das verlangt dem Einzelnen aber einiges ab.
U: Ja. Aber das entspricht meinem Menschenbild. Gib dem Menschen Verantwortung, nicht Regeln: Das ist ein Satz, der mir gut gefällt. Es geht nicht darum, ob du eine Regel einhältst, sondern darum, achtsam zu sein.
Das klingt wie die Idee vom „Shared Space“ im Verkehr.
U: Ja, genau! Irgendwie ist die Gesellschaft ja auch ein gemeinsamer Raum, in dem wir miteinander klarkommen müssen.
Was heißt das für die Bildungsreform?
U: Dass wir herauskommen müsen aus der Konfrontation, wer im Recht ist, und wer die Schuld an Misständen trägt. Wenn alle immer nur Recht behalten wollen, geht nichts weiter. Meine Tochter hat mir einmal einen Test gezeigt, in dem die Lehrerin etwas korrigiert hatte, was eigentlich richtig war. Ich wollte das zur Sprache bringen, aber meine Tochter sagte: Mach das nicht! Ich hab die Lehrerin lieb! Das hat mir etwas Wichtiges gezeigt: Recht zu behalten ist nicht immer die beste Grundlage für Zusammenarbeit. Meine Tochter und ihre Lehrerin, die hatten eine andere Grundlage, die Wertschätzung. Am Ende ist das wahrscheinlich die bessere.

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