In der Bildungspolitik wird sich ohne Druck aus der Zivilgesellschaft nichts verändern. Deswegen gibt es jetzt „jedes KIND“.

Ein Aufruf im „Falter“

Man hat es ja als Journalistin normalerweise leicht. Man interessiert sich für ein Thema, Bildung zum Beispiel. Schaut sich Schulen an, liest Studien, interviewt Leute, bildet sich eine Meinung und formuliert die dann. Andere lesen das, freuen sich, ärgern sich. Eventuell gibt es sogar einen Leserbrief. Aber das war’s dann. Neue Woche, neues Thema, neuer Text. Oder warten, bis dasselbe Thema, nach einer gewissen Pause, wiederkommt. Es grüßt das Murmeltier. „Journalismus ist Wiederholung“: Wenn Journalisten diesen Satz aussprechen (sie tun es gern und oft), soll das lässig klingen. In Wirklichkeit jedoch offenbart sich hier tiefe Frustration. Darüber, dass es halt selten reicht, immer wieder festzustellen, was getan werden müsste. Solange niemand etwas tut, tut sich nichts.
Im österreichischen Bildungswesen kann einen dieses Muster wahnsinnig machen. Seit Jahren wissen wir, von immer neuen Studien belegt, dass an unserem System etwas Grundlegendes nicht stimmt: Es ist eines der teuersten der Welt, erzeugt aber bloß unterdurchschnittliche Ergebnisse. Es ist in der Einwanderungsgesellschaft nicht angekommen, ist sozial undurchlässig, zementiert familiäre Benachteiligungen stärker als in vergleichbaren Ländern. Jedes Jahr spuckt es 10.000 Kinder ohne Abschluss aus, ohne ihnen beigebracht zu haben, was sie fürs Leben brauchen. Ungezählten anderen raubt es dauerhaft die Freude am Lernen und an der Leistung.
Es ist paradox: Wir haben eine Schule, mit der eigentlich niemand glücklich ist. Alle jammern – Kinder, Lehrer, Eltern, Unternehmen, Politik. Dennoch klammern sich sich alle am Bestehenden fest, als würden sie sonst ertrinken.
In welche zwei Richtungen jede Reform gehen muss – darüber gibt es theoretisch einen breiten Konsens zwischen Expertinnen und Praktikern, zwischen linken und wirtschaftsnahen Kreisen: An der Basis braucht es viel mehr Freiheit, und an der Spitze viel mehr Verantwortung. Schulen sollen über Personal, Stundenpläne und interne Aufgabenverteilung frei entscheiden, der Unterricht gehört radikal individualisiert. Die Verschiedenheit der Kinder ist ein Schatz, und LehrerInnen und KindergärtnerInnen müssen alles bekommen, was sie brauchen, um diesen Schatz zu heben: Aus- und Fortbildung, Ressourcen, Raum, administrative, psychologische, sozialarbeiterische, sprachliche Unterstützung, durch Profis ebenso wie ehrenamtliche Helfer.
Staatliche Bildungspolitik hat ein einziges Ziel: Dass jedes Kind in diesem Land seine Talente entfalten und sein Potential voll ausschöpfen kann. Alles, was diesem Ziel dient, ist gut. Alles, was ihm hinderlich ist, kann weg: Vorschriften, die LehrerInnen quälen; Dienstwege, die Zeit und Ressourcen binden; die aufgeblähte Schulbürokratie, die jenes Geld verprasst, das im Klassenzimmer fehlt.
Klingt logisch? Ja. Aber durchsetzbar ist es offenbar nicht. Drinnen im System schauen wir Ministerinnen und Gewerkschaftern zu, wie sie sich am Verhandlungstisch ineinander verkeilen, sich in irgendein Detail des Dienstrechts verbeißen, oder sich im Dickicht der Kompetenzverteilung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden verheddern. Sie haben Ringe unter den Augen. Sind erschöpft. Und es beschleicht einen der Verdacht: Die finden den Ausweg nicht mehr. Vielleicht brauchen sie Hilfe, einen Schubs von außen?
Deswegen gibt es jetzt „jedesKIND“, eine NGO, gegründet von ein paar ungeduldigen Menschen. Ich bin eine von ihnen. „JedesKIND“ will die Speerspitze der Zivilgesellschaft sein – überparteilich, unabhängig, vergleichbar mit „Greenpeace“ für die Ökologiebewegung. Wir wollen Kampagnen machen, mobilisieren, Verbündete in- und außerhalb des Systems finden, aktionistisch sein, Unruhe stiften.
Aus der Geschichte der sozialen Bewegungen – und aus dem Bildungsvolksbegehren – haben wir eine taktische Lehre gezogen: Es reicht nicht, bei den Regierenden einmalig den gesammelten Unmut zu deponieren und drauf zu vertrauen, dass sie dann handeln. Die beharrenden Kräfte sind stets stärker als reformorientierten. Wirkliche Verändeungen gelingen nur, wenn es eine Organisation gibt, die dranbleibt und kontinuierlich Druck macht. Regierende sind nämlich selten sehr mutig. Sie trauen sich erst, das Richtige zu tun, wenn sie von so vielen Seiten dazu ermutigt werden – konfrontativ und konstruktiv, wütend und spielerisch, schemeichelnd und lästig -, bis sie nicht mehr auskommen.
„JedesKIND“ hat genau das vor. Immer, wenn die Entscheidungsträger wieder in ihre Parallelwelt aus parteiinternen Rücksichtnahmen, Wahlkalkül und Standesinteressen abgleiten, wollen wir sie in die wirkliche Welt zurückholen: Eine Welt, in der Kindergärtnerinnen ausbrennen, in der Eltern über Mathehausübeungen verzweifeln, in der Lehrer daran scheitern, im Klassenzimmer ein Bücherregal aufstellen zu dürfen, und in der Kinder morgens mit Magenschmerzen in die Schule trotten.
In einem halben Jahr, so haben wir uns vorgenommen, wollen wir etwas bewegt haben. Es wird nur gelingen, wenn wir viele mittun.

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