Jeder hat den Körper den er oder sie verdient: Nach diesem Grundsatz handelt nun bald auch die Versicherungswirtschaft. Ein Blick in die nahe Zukunft.

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Wir haben doch alle unser Leben selbst in der Hand. Ob es uns gut geht oder schlecht – alles eine Frage des persönlichen Einsatzes. Das gilt auch für die Gesundheit. Wer sich gut ernährt, regelmäßig zum Arzt geht und auf sich schaut, hat es verdient, gesund zu bleiben. Wer raucht, trinkt, täglich Schweinsbraten isst und den Hintern vom Sofa nicht hochkriegt, ist selber Schuld, wenn er oder sie krank wird. Erstere Menschen sind gut für die Allgemeinheit, denn sie leisten viel und kosten wenig. Zweitere Sorte sind ein Risiko. Vor allem sind sie: ein Minusgeschäft für die Versicherungswirtschaft.
Logisch, dass die Versicherungswirtschaft auf diesem Risiko nicht sitzen bleiben mag, sondern ihre Profite lieber berechenbar kalkuliert. Deswegen werden wir Versicherte also demnächst sortiert. In die Gruppe der gewinnbringenden und jene der verlustbringenden Versicherten. Sie können ja selbst entscheiden, wohin sie gehören wollen! Gesundheit ist machbar!
Beginnen wir beim Lebensstil. Da sollten Sie eigentlich schon Bescheid wissen. Rauchen schlecht, Alkohol schlecht, Sport gut. Aber nicht zuviel Sport! Und bloß nicht den falschen! Sonst gibt es Meniskusoperatonen, Tennisärme, Ermüdungsbrüche, Unfälle ohne Ende. Schifahren, Fußball, Paragliding lassen Sie besser bleiben. Schwimmen, Walking, Laufen ok – aber bitte nicht übertreiben. Und nur dort, wo die Luft gut ist.
Was die tägliche ideale Schrittzahl betrifft, bieten wir Ihnen gern unsere App an. Die misst Puls, Blutdruck, Kalorienaufnahme und Stuhlgang, rechnet Ihre tägliche Prognose hoch und speist die Daten direkt in unser System ein. Wenn Sie einmalig über die Stränge schlagen, schicken wir Ihnen einen diskreten Warnton direkt aufs Handy. Sollte das mehrmals vorkommen, werden Sie in nächsthöhere Risikoklasse hochgestuft. Ganz automatisch, ist das nicht praktisch?
Wichtig, um gesund zu bleiben, ist: Stress vermeiden! Sie haben ja hoffentlich den richtigen Beruf? Selbstständig solllten Sie besser nicht sein. Auch allzu anstrengende oder verantwortungsvolle Tätigkeiten sehen wir nicht so gern, insbesondere von Jobs in der Gesndheitsbranche raten wir ab. Kinder okay – aber bitte nicht zu viele. Wenn schon, dann unbedingt von der pflegeleichten, allzeit fröhlichen Sorte. Bedürftige Angehörige unbedingt auf Distanz halten. Schwierige Familienverhältnisse, Trennungen, Liebeskummer sind Gift fürs Immunsystem, das wissen Sie eh?
Ein gefährlicher Stressfaktor ist auch Armut. Und Angst. Angst, gefeuert zu werden. Angst vor der Zukunft. Der Druck, nicht zu wissen, wie man am Monatsende die offenen Rechungen bezahlen soll. Ganz schlecht ist das alles, für Kreislauf und Hormonhaushalt. Erhöht die Krebswahrscheinlichkeit massiv! Und weil Sie für Ihre Armut und Ihre Sorgen selbst verantwortlich sind, werden Sie verstehen, dass wir Ihr persönliches Risikoverhalten nicht der Allgemeinheit aufbürden können?
Bleibt noch das Problem mit der Biologie. Genetische Vorbelastungen, vererbte Risikofaktoren. Uns ist klar, dass man manchmal einfach biologisches Pech haben kann. Aber wir arbeiten dran. In der nächsten Generation, mit verpflichtendem Genscreening vor jedem Versicherungsabschluss, sind wir soweit, versprochen. Dann gibt es die maßgeschneiderte Prämie für jeden, von Anfang an.
Ein Grundprinzip der solidarischen Versicherungsgesellschaft lautet nämlich: Wir sind in erster Linie für jene da, die sorgenfrei mit bester Prognose in gediegenem Wohlstand leben. Wenn Sie zu denen gehören, werden Sie sich der vielen günstigen Vertragsangebote kaum erwehren können, gern schicken wir Ihnen auch unsere Broschüren über Kuraufenthalte zu. Die Kranken, Schwachen, Beladenen hingegen werden übrig bleiben. Mit teuren Raten. Teuren Selbstbehalten. Mit der täglichen Angst, aus der Versicherung geworfen zu werden. Oder ganz ohne Vertrag.
Ist doch nur fair, oder?

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