Der Song Contest ist vorbei. Und weder Österreich noch die EU kamen dabei in die Verlegenheit, wirklich Brücken bauen zu müssen.

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Der Event ist also geschlagen. Den drei Moderatorinnen ist kein arger Schnitzer passiert, ihr englisch war prima, die Kleider waren halbwegs okay. Technisch lief alles perfekt – die Live-Schaltungen um den Globus, die Lichtshow, die tolle Bühnenkonstruktion. Party, Stimmung, Essen, Logistik waren im grünen Bereich. Musikalisch haben wir alle Punkte großzügig den anderen überlassen, wie es sich für gute Gastgeber gehört. Für das Wetter können wir ja nichts.
„Building Bridges“: Den Slogan des Events haben wir x-fach gehört, mal mit, mal ohne Töne. Am Logo sind wir x-fach vorbeigegangen, es prangt immer noch auf Plakatwänden, Autos, Straßenbahnen. X-fach hat Österreich in die Welt hinausgerufen, wie wichtig uns das ist, wie dringend wir das wollen, und wie gut wir darin sind: Brücken bauen. Nur ganz insgeheim wird sich der eine oder die andere vielleicht gedacht haben: Hoffentlich spricht uns niemand drauf an. Fragt nach, was wir mit dem Brückenbauen konkret meinen.
Es hätte ja nur jemand auf die Landkarte schauen müssen, welchen Raum die European Broadcasting Union (EBU) samt Eurovision eigentlich umfasst. Die Antwort wäre gewesen: Ganz Nordafrika und der Nahe Osten gehören dazu. All jene Länder, die wir täglich im Politikteil der Nachrichten sehen, bis hin zur Grenze Syriens, wo die IS-Terroristen eben Palmyra erobert und ein Massaker verübt haben. Jordanien, das eineinhalb Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen hat; der Libanon (eine Million Flüchtlinge, das ist ein Viertel der Bevölkerung); Ägypten, Libyen und Tunesien, wo die Schlepperboote liegen; Marokko, wo sich Menschen gegen Stacheldrahtzäune werfen oder an die Unterseite von LKWs klammern, um von einer Hälfte der Eurovisionszone in die andere Hälfte zu kommen. All das war Gottseidank kein Thema (weil alle genannten Länder die Teilnahme am Song Contest wegen Israel boykottieren, und weil sie im Moment andere Sorgen haben). Glück für uns.
Es hätte, apropos Brücken, jemand nach den sicheren, legalen Korridoren fragen können, die Europa Flüchtlingen eigentlich anbietet, damit sie nicht ihr gesamtes Hab und Gut in die Hände von Schleppern legen und mehrmals ihr Leben riskieren müssen; in wochenlangen Wüstenmärschen, bedroht von Entführern und Plünderern, und auf wackeligen Schlauchbooten durchs Mittelmeer. „Building bridges“: Warum, zum Beispiel, lässt Österreich nicht zu, dass man auf Botschaften und Konsulaten in Krisenregionen um Asyl ansuchen kann?
Oder: Warum gibt es eine EU-Richtlinie, die Fluglinien verbietet, Passagiere ohne Visum an Bord zu lassen? „Building bridges“: Wenn Flüchtlinge mit dem ganz normalen Linienflug reisen könnten statt mit dem Schlauchboot, gäbe es Tausende Ertrunkene weniger. Die Flüchtlinge könnten Würde bewahren und Geld sparen, den Schleppern könnte man auf einen Schlag das Geschäft zerstören (ohne Fischerboote zu bombardieren). Und für Europa hätte es den Vorteil, dass Asylanträge nicht massenhaft in Griechenland, Italien oder Malta gestellt würden, sondern, gut verteilt, in allen Ländern.
„Building bridges“: Das könnte man auch historisch tun, und sich an die 90.000 Kriegsflüchtlinge aus Bosnien erinnern, die Österreich in den Neunzigerjahren unbürokratisch aufnahm („de-facto-Flüchtlinge“ hieß das damals, und ersparte ihnen sowie den Behörden langwierige Verfahren). Man könnte sich daran erinnern, dass zwei Drittel von ihnen hier blieben, sich neue Existenzen aufgebaut und inzwischen ein ganz normaler, unverzichtbarer Teil dieses Landes geworden sind.
Aber über all das muss man nicht nachdenken, wenn niemand fragt. Gut ist es gegangen, nichts ist geschehen, niemand hat uns beim Wort genommen. „Building bridges“: Wir können alles einfach wieder abreißen, die Bühnenkonstruktion, die Plakatwände, die Brücken. Es war ja bloß ein Werbeslogan. Wer nimmt so etwas schon ernst?

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