Wie politisch ist der Song Contest? Sehr. Auch wenn er meistens nicht so ausschaut.

Eine Rückschau für den Falter

Der Song Contest ist ein grundsätzlich unpolitischer Gesangswettbewerb. So steht das in den Regeln, die von der European Broadcasting Union (EBU) jüngst erst wieder bekräftigt wurden. Regel Nr 1.2.2.g: „Liedtexte, Gesten, Ansprachen politischer oder ähnlicher Natur sind nicht erlaubt“.
Die Geschichte über die politische Dimension des Song Contest könnte also an dieser Stelle zu Ende sein.
Ist sie aber nicht.
Weil staatliche Fernsehstationen immer etwas mit Staaten zu tun haben. Weil sich der Song Contest ideal als Forum eignet, um kulturelle oder gesellschaftliche Positionen zu verhandeln. Weil beim ESC wie in der UNO abgestimmt wird, und große Länder gleich viel zählen wie kleine. Weil dabei Menschen wie Conchita Wurst gewinnen können. Und weil hunderte MiIlionen Menschen zuschauen.
Der grüne Bundesratsabgeordnete Marco Schreuder hat diese politische Kraft schon im Alter von sieben Jahren gespürt. „Wir waren eben von Holland nach Österreich übersiedelt, und ich schaute in Bad Ischl den Song Contest. Aus Den Haag, wo meine Großeltern lebten. Da hab ich begriffen: Das schauen ja in diesem Moment alle. Alle! So ein Event kann gar nicht unpolitisch sein.“ 1976 war das. Seit damals hat Schreuder keinen einzigen ESC ausgelassen.
Tatsächlich kann der der Song Contest Städte verändern – in manchen Gastgeberländern werden für den Großevent ganze Häuserzeilen weggerissen und neue Stadien gebaut. Er kann verraten, welche Völker einander nahestehen (die Menschen der Balkanstaaten etwa ließen sich von den Kriegen, die sie gegeneinander führten, nie davon abhalten, einander viele Punkte zu geben). Die Entscheidung für eine Sprache (Sami? Katalanisch? Englisch?) kann ein Statement sein. Ebenso die Frage, wer singt (Mann? Frau? etwas dazwischen?), und die Frage, was er/sie dabei anhat (Tracht? Lederjacke? Nationalfarben? Schleier? fast nichts?). Man kann dem ESC aus Protest fernbleiben. Mit jedem neu geschaffenen Staat in Europa ändert sich seine Teilnehmerzahl. Und nach einem Konflikt markiert ein Song-Contest-Lied manchmal einen Neubeginn.
Es gibt einen eigenen Forschungszweig, der diese politischen Dimensionen des ESC vermisst. Der australische Historiker Dean Vuletic ist einer der gefragtesten Vertreter dieser Zunft. An der Uni Wien hat eine reguläre Vorlesung dazu etabliert, dieser Tage düst er von einer Veranstaltung zur nächsten. Vuletic erforscht, wie autoritäre Regime die Song-Contest-Bühne für propagandistische Zwecke nützen: In Baku etwa leitete die First Lady das Organisationskomitee, ihr Schwiegersohn, der Milliardär Emin Agalarov, trat persönlich als Showact auf. Das ist die machtstabilisierende Seite des Bewerbs.
Doch gleichzeitig gibt es eine andere, gegenläufige Kraft. „Der Song Contest kann auch ein Treibstoff für politische Veränderungen sein“, sagt Vuletic.
Das beste Beispiel dafür war die Ukraine. Noch vor zwölf Jahren hatte Europa dieses Land nicht auf dem Radar. Viel mehr, als dass es „irgendwo neben Russland“ liegt, wusste kaum jemand. Dann trat 2004, beim Song Contest in Istanbul, Ruslana Lyschytschko auf. Sie trug ein Outfit aus Fell und Leder (ähnlich den Wildlingen in der Serie „Game Of Thrones“) und sang das Lied „Wild Dances“. Ein bisschen karpatische Folklore war dabei, Holztrompeten der Huzulen-Minderheit, seltsame spitze Kopfbedeckungen. Das Lied gefiel, gewann, und Ruslana wurde zur Heldin der orangenen Revolution, an der Seite von Julya Timoschenko. Beim Song Contest in Kiew, ein Jahr später, war die Regierung bereits gestürzt; der ukrainische Beitrag „Razom nas bahato“ („Gemeinsam sind wir stark“) war die inoffizielle Hymne der Bürgerbewegung; der Sänger trug ein Che-Guevara-T-Shirt, die Backgroundsänger sprengten ihre Handschellen, und Ruslana wurde bei der folgenden Wahl als Abgeordnete ins neue Parlament gewählt.
Die orangene Revolution verlief zwar im Sand. Dennoch war die Geschichte nicht zu Ende. Lyschytschko kämpfte weiter, für Menschenrechte und gegen Justizwillkür. Die Visaerleichterungen für den Kiewer Song Contest blieben in Kraft und ermöglichten in den folgenden Jahren intensiveren Kontakt zwischen ukrainischen Studierenden und der EU. Als pro-westliche junge Leute im Winter 2013 den Maidan besetzten, war Ruslana an vorderster Front wieder dabei, stimmte in der eisigen Kälte zu jeder vollen Stunde die Nationalhymne an. Und besänftigte die Massen, als es die ersten blutigen Zusammenstöße gab.
Der Song Contest als Verstärker für Emotionen: Das war auch in Estland (2001) und Lettland (2002) schon so gewesen, die den Bewerb gewannen und sich dabei als junge, europäische, von der sowjetischen Vergangenheit befreite Länder zeigten, noch ehe sie NATO und EU betraten. „Nation branding“ würden Werbeleute das nennen, doch die Martekingsprache greift zu kurz, geht es doch um tief empfundene Sehnsüchte. Vuletic erinnert an Kroatien, das nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens ebenfalls möglichst schnell Teil des Westens werden wollte. Der Song Contest erlaubte ihnen genau das. In den Neunzigern wurde Kroatien eines der erfolgreichesten ESC-Länder überhaupt.
„Es ist eben viel einfacher, der EBU beizutreten als den politischen Institutionen“, sagt Vuletic. Je näher in Kroatien die EU-Mitgliedschaft rückte, desto mehr verlor der Song Contest denn auch an Zauber. Heuer ist Kroatien überhaupt nicht mehr dabei.
Der EBU beizutreten ist tatsächlich eine rein technische Angelegenheit. Länder, die sich verständigen wollen, brauchen gemeinsame Normen und technische Standards – so lautete der Grundgedanke der 1951 gegründeten Union. Als 1953 die britische Königin Elizabeth II gekrönt wurde, sendete die BBC elf Stunden lang live, erstmals übertrugen auch französische und deutsche Sender, man ahnte man das grenzüberschreitende Potential des Fernsehens, und suchte dafür ein Format. Zunächt war eine Zirkusshow geplant, ehe man sich 1956 für einen Chansonwettbewerb entschied. Im aufblühenden TV-Zeitalter wurde er zum Fixpunkt, an dem Westeuropa technische Neuerungen gemeinsam erproben und bestaunen konnte: Korrespondentenschaltungen, Televoting, Internetübertragung. Heute ist der ESC, neben Sportevents, die letzte große Bastion der öfentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im Abwehrkampf gegen Streamingdienste, Youtube und Web-TV. Eines von wenigen synchron erlebbaren Lagerfeuerereignissen.
Man könnte die Geschichte des Wettbewerbs geografisch erzählen. Dann stellt sich die Frage: Wer gehört dazu? Wo sind die Grenzen des Kontinents?
Die – im Licht der aktuellen Flüchtlingsdramen hochpolitische – Antwort: Zur EBU gehören alle Anrainerstaaten des Mittelmeers, das arabische Nordafrika inklusive. Von diesen Ländern hat allerdings nur Marroko 1980 ein einziges Mal am Song Contest teilgenommen. Ale anderen boykottieren den Bewerb wegen der Teilnahme Israels – und versuchten auch israelische Erfolge zu vertuschen. Während die israelische Gruppe 1978 ihr Lied „A-Ba-Ni-Bi“ sang, blendete das jordanische Fernsehen Blumenbilder ein. Als sich gar ein überraschender Sieg Israels abzeichnete, wurde die Übertragung abgebrochen – und das zweitplatzierte Belgien zum Sieger erklärt. Die Teilnahme des Libanon scheiterte 2004 im letzten Moment daran, dass man der EBU nicht garantieren wollte, den israelischen Beitrag zu senden.
Die geografischen Grenzen, an die der Song Contest heute stößt, sind dieselben wie für die EU-Politik: Russland und die Türkei. Beide Regionalmächte haben ein gespaltenes Verhältnis zu Europa. Gehören wir dazu? Sind wir Rivalen, sind wir besser? Diese Frage wird stets aufs Neue ausgetestet. Anziehung kippt dabei rasch in Abstoßung, Euphorie in Empörung, und genährt wird die Irritation beim ESC durch die Demütigung, dass die beiden bevölkerungsreichen Länder nicht zu den „Big Five“ (Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien) gehören, die automatisch am Finale teilnehmen dürfen.
2004 noch war die Türkei stolzes Gastgeberland des Contest, feierte seinen Wirtschaftsaufschwung und den Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen. Inzwischen schaut Präsident Erdogan in die andere Richtung und hat die türkischen Ambitionen auf Zentralasien verlagert. Passend dazu gibt es einen eigenen Türkvizyon Contest, wo Kasachstan, Kirgisien, Karbadino-Balkarien, Tatarstan und Gagausien (eine autonome Region in Moldawien) gegeneinander antreten.
Ähnlich schwierig ist es mit Russland. Mal will Wladimir Putin Europa beeindrucken: 2009, beim Moskauer Song Contest im Vorfeld der olympischen Spiele von Sotschi, versuchte er Russland als Großmacht in Szene zu setzen. Inzwischen jedoch dient ihm der ESC immer stärker als Gegenbild, zur Abgrenzung: Dort der moralisch ausgehöhlte, von Genderwahn, Homosexualität, Diversity und sonstigen Verwirrungen geschwächte Westen; hier ein starkes Russland mit einem intakten familiären und religiösen Fundament. Ein weltanschaulicher Konflikt, der vergangenes Jahr eskalierte und von Conchita Wurst klar zugunsten des Westens entschieden wurde. Doch der Stachel bleibt. Auch die russische Führung denkt immer wieder laut darüber nach, einen eigenen Ost-Contest auszurufen, wie es einst in der Sowjetunion einen gab.
Soweit die geografische Dimension. Erzählt man die ESC-Geschichte wirtschaftlich, findet man eine andere Storyline. Diese beginnt mit der hart arbeitenden Nachkriegsgeneration Nordeuropas, die in den Sechzigerjahren bescheidenen Wohlstand erwirbt und das Reisen entdeckt.
Die Mittelmeerländer nützen da den Song Contest, um sich als Tourismusziele anzubieten. Ihre Videos zeigen Sonne, Fischer und Meer, sie singen von Urlaub und Liebe. Der damals noch unbekannte Latin Lover Julio Iglesias weint, im spanischen Beitrag von 1970, einer gewissen „Gwendolyne“ nach („Obwohl du weit weg bist, und von anderen geküsst wirst, vielleicht erinnerst du dich noch an mich“). Der Austausch von Gefühlen und Geld funktioniert über alle politischen Grenzen hinweg, denn die Sehnsuchtsländer waren damals noch längst keine Demokratien: Portugal, Spanien und Greiehchenland waren rechte Diktaturen, Jugoslawien ein kommunistischer Einparteienstaat. Denoch schafften sie es, touristisch, emotional und ökonomisch an Westeuropa anzudocken.
Gleichzeitig besang Conny Froboess 1962 das Hemweh italienischer Gastarbeiter in Deutschland. „Zwei kleine Italiener“ („Eine Reise in den Süden ist für and’re schick und fein /Doch die beiden Italiener wollen gern zu Hause sein“) benennt die zweite wichtige Kraft, die Europa ökonomisch zusammenhält: die Migration.
Auch die von Migranten erzeugten Beziehungsachsen zwischen einzelnen Ländern sind beim Song Contest spürbar. Eine eigene Sub-Disziplin der ESC-Forschung beschäftigt sich speziell damit, aus den Punktetabellen Botschaften herauszulesen. Marco Schreuder erinnert an Serbien und die Türkei, die sich in der österreichischen Wertung jahrelang ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Spitzenplätze lieferten. Oder an Litauen, das aus Irland stets 12 Punkte bekam – wegen der vielen litauischen Gastarbeiter in Irland. Seit in der Wertung professionelle Juries mitstimmen, hat sich dieser Effekt abgeschwächt. „Auch, weil sich Europa zueinander entwickelt hat“, wie Schreuder glaubt.
In Wien wird nächste Woche mindestens ein Lied gesungen, das an diese Tradition explizit anknüpft. „Face the Shadow“, der armenische Beitrag, wird von der Castingband „Genealogy“ gesungen, deren fünf Mitglieder aus allen fünf Kontinenten kommen. Sie leben in Frankreich, New York, Japan, Australien und Äthiopien, machen in ihrem jeweiligen Land erfolreich Musik verschiedenster Stilrichtungen, und haben allesamt armenische Vorfahren. Bei der Punkteverteilung hofft Armenien daher sowohl auf Frankreich und Australien, als auch auf die armenische Diaspora in aller Welt.
In „Face the Shadow“ geht es um den Völkermord an der Armeniern vor 100 Jahren. „Don’t deny“ („Leugne nicht“), heißt eine Liedzeile. Selbstverständlich ist auch das eine sehr politische Botschaft. Doch etwas anderes hat beim Song Contest ja kaum jemand erwartet.

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