Komplizierte Strategien gegen den Wählerschwund werden SPÖ und ÖVP nicht mehr hinkriegen. Bleiben nur die ganz einfachen. Einen letzten Versuch wäre es wert.

presse-kolumne

1. Die Wahrheit sagen, auch wenn sie im Moment unangenehm ist. Sie kommt nämlich ohnehin irgendwann raus, wahrscheinlich in einem noch ungünstigeren Moment als derzeit, und dann schaut es so aus, als hätte man etwas zu verbergen gehabt.
2. Probleme identifizieren, die man lösen kann – auch wenn es vorerst nur kleine sind. Sich von Widerstand, Kritik, Lobbies, Propaganda, Empörung nicht von der zügigen Lösung abbringen lassen. So gewinnt man Routine, Kompetenz, Zuversicht fürs nächstgrößere Problem.
3. Zugeben, dass es Probleme gibt, die man nicht lösen kann. Oder zumindest: nicht allein oder sofort lösen kann. Ihre Existenz zu leugnen (oder vorzugeben, man habe sie im Griff), wirkt wie ein Schuldeingeständnis. „Es ist alles sehr kompliziert“ war einer der wahrsten Sätze der Politikgeschichte, und es täte gut, ihn öfter zu hören. Wer zugibt, etwas nicht zu wissen, kann sich Expertise und Hilfe holen. Nur Idioten wissen immer alles.
4. Normal sprechen. Nur sagen, was man selbst glaubt – nur dann spricht man gut und überzeugend. Nichts sagen, wenn man nichts zu sagen hat. (Inkludiert auch die Bitte an Medienleute, das stehen zu lassen. Nicht jeder Politiker, nicht jede Politikerin muss zu allem eine Meinung haben, und niemand sollte permanant gedrängt werden, alles mögliche „definitiv auszuschließen“.)
5. Aber etwas sollte jeder zu sagen haben. Ein Thema, für das man brennt. Ein Anliegen, von dem man aus tiefster Seele überzeugt ist. Mit Politikern, die ihre Ämter bloß Loyalität oder taktischem Kalkül verdanken, gewinnt man keine Herzen.
6. Ziele formulieren. Den Bürgern muss klar werden: Wo genau wollen wir hin, und was ist dort besser als da, wo wir jetzt sind? Wer weiß, dass er auf dem richtigen Weg ist, geht schneller, sicherer und mit besserer Laune, als jemand, der blind im Nebel herumtappt und argwöhnt, man habe ihn in die Irre geführt. Das weiß jeder Mensch vom Bergsteigen.
7. Was man noch vom Bergsteigen weiß: Wer das Ziel kennt – und sich aufs Ziel freut – nimmt dafür sogar Anstrengung in Kauf. Wer weiß, wie das neue Bad nach der Renovierung ausschauen wird, findet es ok, drei Wochen lang auf einer Baustelle zu leben. Wer weiß, dass nach einer Fortbildung ein spannenderer Job wartet, ist bereit, dafür abends zu lernen, statt ins Wirtshaus zu gehen. Genauso sind meisten Bürger bereit, Opfer zu bringen, wenn sie wissen, dass es sich lohnt.
8. Noch nachhaltiger wirken Problembewältigungen, wenn sie den Bürgern nicht aufs Aug gedrückt, sondern von ihnen selbst gefunden werden. Am Beispiel der überstrapazierten Asyl-Frage: Jedes 4000-Einwohner-Dorf im reichen Österreich ist in der Lage, mit 40 Asylwerbern zurechtzukommen, eine menschenwürdige Unterbringung für sie zu finden, und ihnen in ihrer akuten Notlage zu helfen. Es muss nur wissen, dass es sich vor der Verantwortung nicht drücken und nichts auf andere abwälzen kann. Am Ende wird jedes Dorf viel gelernt haben, und Grund haben, stolz auf sich zu sein.
9. Die Angst ablegen. Angst ist heute die bestimmende Triebfeder jeder Poltik. Angst vor Fehlern. Vor Machtverlust. Vor lauten Lobbies, vor manipulativen Medien, vor Bünden, Lokalhelden, Landesfürsten, Konkurrenten. Vor Erpressung. Davor, jemand anderer, dem man das nicht gönnt, könnte mehr gelobt werden als man selber, oder von einer Veränderung profitieren. Angst bestimmt auch die Kommunikation: Nur ja keinen Shitstorm lostreten. Sich nur ja keine Blöße geben. Nur ja nicht ehrlich sein, es könnte seinem als Schwäche auselegt werden. Angst, was in der Sonntags-Krone steht. Angst, was einen jemand fragen könnte. Angst vor Meinungsumfragen. Angst vor Wahltagen. Angst vor den eigenen Wählern.
10. Den eigenen Wählern nicht nach dem Mund reden, sondern ihnen widersprechen, wenn es wegen 1.-9. sein muss. Was am Ende bedeutet: Sie wirklich ernst zu nehmen.

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