Freiwillige LesepatInnen bringen Kindern das Lesen bei. Sollte das die Schule nicht allein schaffen?

Für den Falter

Es gibt Kinder, die brauchen Zeit und Zuwendung. Kinder wie Vladimir. Vladimir ist in Wien geboren, seine Muttersprache ist Romanes, seine Mutter ist Analphabetin, Alleinerzieherin von drei Kindern, arbeitslos. Vladimir wird streng erzogen, er darf das Haus kaum verlassen, weil er viel lernen soll. Doch die Mutter weiß nicht genau, wie das eigentlich geht. Vladimir hatte zu Hause jahrelang kein einziges Buch.
Andererseits gibt es Menschen, die haben Zeit und sind bereit, Zuwendung zu schenken. Menschen wie Christa Lettner. Christa Lettner ist 75 Jahre alt, pensionierte Versicherungsangestellte, alleinstehend, gebildet, eine Frau mit wachem Intellekt und sozialem Gewissen.
Das, was Vladimir braucht, passt mit dem, was Christa Lettner geben kann, perfekt zusammen. Genau deswegen gibt es in Wien seit 2009 die sogenannten „LesepatInnen“. (siehe Falter Nr..) Die Idee: Menschen mit Tagesfreizeit verbringen ein oder zwei Stunden pro Woche an einer Volksschule und lesen dort mit Kindern, die sich besonders schwer tun; einzeln, zu zweit oder zu dritt. Die Kinder bekommen so jene individuelle Förderung, die ihnen die Lehrerin im Alltag kaum geben kann. Die PatInnen bekommen das schöne Gefühl, gebraucht zu werden. Einen Unterschied zu machen.
Es ist eine ehrenamtliche Tätigkeit, der Zulauf ist beachtlich: Laut Stadtschulrat sind derzeit in Wien etwa 1300 LesepatInnen im Einsatz, die meisten Frauen, die meisten pensioniert, doch es kommen immer mehr Studierende und Selbstständige hinzu. Gezielt werden auch LesepatInnen mit anderen Muttersprachen gesucht, um das Programm auf andere Sprachen als Deutsch auszudehnen.
Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten also? Ein Idealbeispiel dafür, wie Staat und zivilgesellschaftliches Engagement zusammenwirken können?
Genau das dachte Christa Lettner. Sie ist von Anfang an dabei, mit Begeisterung. Sie hat Vladimir erfolgreich von der Volksschule in die Mittelschule begleitet; gerade beobachtet sie, wie seine Stimme kratzig wird und die Pubertät bei ihm anklopft. Außerdem betreut sie ein ägyptisches Mädchen, „hoch begabt“, sagt sie mit leuchtenden Augen, „es ist eine große Freude zu sehen, wie schnell die sich die Sprache aneignet und wie viel Spaß sie dabei hat!“
Doch in all diesen Jahren, inmitten vieler schöner Momente, drängte sich ein Gedanke immer stärker in den Vordergrund: Nehmen die PatInnen hier der Schule nicht ihre ureigensten Pflichten ab? Allen Kindern lesen beizubringen – wie schlecht muss es um ein System bestellt sein, das sich schon bei dieser Kernaufgabe von Amateuren helfen lassen muss?
Dieser Eindruck verfestigte sich, je länger Lettner der Klassenlehrerin bei ihrer Arbeit zuschaute. Es ist eine großartige, engagierte Lehrerin, und ihr Arbeitsplatz, die Volksschule Pfeilgasse im achten Bezirk, ist nicht eben das, was man einen „sozialen Brennpunkt“ nennen könnte. Dennoch stößt sie an ihre Grenzen. Immer mehr organisatorische Aufgaben werden Volksschullehrerinnen übertragen, immer mehr Dokumentation ihrer Tätigkeit. Während die gleichzeitig die Vielfalt der Kinder zunimmt, und Individualisierung immer notwendiger wird. Es gibt mehrsprachige Kinder, eben zugezogene Quereinsteiger, Flüchtlingskinder, die ihre Traumata mitbringen; dazu kommt die Inklusion von Kindern mit verschiedensten Behinderungen. Ihnen allen gerecht zu werden, würde viele zusätzliche Planposten brauchen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Praktisch alle Wiener Volksschulen klagen über Stundenkürzungen.
Lagert der Staat hier einfach seine Pflichten an Freiwillige aus? Oder, noch schlimmer: Helfen die Freiwilligen gar bei Budgetkürzungen? „Das könnte so erscheinen“, gibt Brigitte Fuchs vom Stadtschulrat zu. Speziell bei der Sprachförderung gebe es, in einer wachsenden Stadt wie Wien, „steigenden Bedarf bei gleich bleibenden Mitteln“. Doch die Schuld dafür reicht sie an den Bund weiter, der den Ländern ja die Stunden zuteilt. Außerdem, gibt Fuchs zu bedenken, seien es ja weniger Aufgaben der Schule, die die PatInnen übernähmen. Sie sprängen eher für die Familien ein. Vorlesen, zuhören, Aufgaben machen – „viele Eltern schaffen das einfach nicht mehr, ich sage das ohne jede Schuldzuweisung. Und Omis gibt es, mit steigendem Pensionsalter, ja auch immer weniger.“
Christa Lettner diagnostiziert das ganz ähnlich. Auch sie sieht Ängste und Überforderung am Werk. Doch sie will nicht zulassen, dass sich der Staat aus der Verantwortung davonstiehlt. Als die LesepatInnen im Juni zu einer Feierstunde ins Rathaus geladen wurden – das erste Mal, dass ihnen offiziell gedankt wurde – platzte ihr der Kragen. „Wir sind für die Kinder da, und nicht, um bildungspolitische Fehlentscheidungen zu decken“, stand auf Flugblättern, die sie dort verteilte. Sie fordert ein professionelles Freiwilligenmanagement. Mehr Respekt. Und dass sich die Politik endlich ehrlich anschaut, was sich im Schulalltag alles konkret abspielt.
„Ich bin gern das Schlagobers auf dem Kaffee“, sagt sie. „Aber ich bin nicht der Kaffee.“

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