Die erste Erkenntnis aus der Zentralmatura lautet: Ein gemeinsamer Gegner schweißt zusammen und spornt mitunter zu Hochleistungen an.

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Das Schuljahr ist geschlagen. Für 45.000 Maturantinnen und Maturanten ist damit die Schulzeit vorbei. Sie haben es sich redlich verdient: die Parties und den Maturaball, die langen, faulen Tage im Freibad, WG-Besichtigungen und das bange Hin- und Her-Überlegen, wie es im Leben weitergehen wird: Weltreise? Zivildienst? Sommerjob? Der heurige Jahrgang verlässt die Schule noch dazu mit einer speziellen Auszeichnung: Sie waren Versuchskaninchen. Die erste Schülergeneration, die gemeinsam mit ihren Lehrern und Lehrerinnen auserkoren war, am Real-Life-Experiment „Zentralmatura“ teilzunehmen. Was hat das mit ihnen gemacht? Und was mit ihrem Verhältnis zueinander? Einige Gedanken dazu.
1. Wer in den vergangenen Jahren mit Gymnasiasten zu tun hatte, konnte über die Leidenschaft staunen, mit der diese die Zentralmatura bekämpften. Fast schienen die Kids überrascht, außerhalb der Schule mitunter Menschen zu treffen, die der Idee tatsächlich Positives abgewinnen konnten. Das lässt ahnen, wie sehr in den Gymnasien Stimmung gemacht wurde. Wie sehr sich die meisten Lehrer und Lehrerinnen im Widerstand einmauerten, statt sich mit konstruktiven Ideen einzubringen. In der Hoffnung, die Reform noch verhindern zu können, indem man sie so lang wie möglich boykottierte.
2. Überraschend ist, wie viel dennoch gelang, sobald man sich ins Unvermeidliche fügte. Nein, einfach war es sicher nicht, Pioniere zu sein. Nicht zu wissen, was auf einen zukommt, keine Vergleichs- und Erfahrungswerte zu haben. Von einem Tag auf den anderen wurden Regeln, Beurteilungskriterien, Testfragen verändert – und jede neue, unklare Direktive musste gleich volley übernommen werden. Man ärgerte sich gemeinsam übers Ministerium, verzweifelte gemeinsam, regte sich gemeinsam auf, und bangte gemeinsam, ob man es trotz aller Schikanen schaffen würde.
3. Genau das machte wahrscheinlich den entscheidenden Unterschied aus. Erzeugte eine Dynamik, die es bisher in österreichischen Schulen nicht gab. Die selbstverständliche Rollenverteilung wurde aufgebrochen: Bislang hatten stets die Lehrenden die Hürden aufgstellt und gleichzeitig beurteilt, wie gut die Prüflinge sie meisterten. Nun jedoch, da sich ein dritter Akteur dazwischendrängte, verschoben sich die Rollen. Aus dem Lehrer wurde ein Coach. Aus der Lehrerin eine Trainerin. Und aus der Matura ein Match, das man nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander austrug – gegen einen externen Gegner. Das hat LehrerInnen und SchülerInnen zusammengeschweißt. Das gab ihnen, stärker denn je, das Gefühl: Dein Erfolg ist mein Erfolg. Wir hängen da gemeinsam drin.
4. Die Leistungen der LehrerInnen werden damit künftig messbar und vergleichbar. Es wird zwar noch ein paar Jahre dauern, bis es belastbare Daten gibt. Doch dann wird man erkennen, dass ein Lehrer am selben Standort konstant bessere Maturanoten zustande bringt als ein anderer. Dass dieselbe Klasse bei einer Lehrerin versagt, während sie bei einer anderen gute Leistungen bringt. Dann ist klar, was ohnehin jeder weiß: Dass es nicht nur in den Klassenzimmern, sondern auch in den Lehrerzimmern talentiertere und weniger talentierte, engagierte und weniger engagierte Menschen gibt.
5. Gut möglich, dass es genau diese Erkenntnis war, vor der sich viele Lehrer und Lehrerinnen all die Jahre so sehr gefürchtet haben. Doch von ihren Klassen könnten sie da viel lernen: Dass Feedback nützlich ist. Dass der regelmäßige Leistungsvergleich mit anderen dazu führt, dass man sich realistisch einschätzen lernt. Dass es gut tut, seine Stärken bestätigt zu kriegen. Und dass man sich in Bereichen, wo man sich schwer tut, helfen lassen kann.
Wahrscheinlich merken sie dann auch: Dass der ganze leidenschaftliche Widerstand gar nicht dafürgestanden hat. Weil die Angst vor der Prüfung meistens schlimmer ist als die Prüfung. Und man eh besser ist, als man selbst glaubt.

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