Die misshandelte Ehefrau des Amok-Fahrers von Graz war sein erstes Opfer. Aber das unbarmherzige Publikum wird ihr das übelnehmen.

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Wenn etwas passiert, zieht es Journalisten (zumindest jene, die ihren Beruf nicht verfehlt haben), magisch in die Nähe. Man will den Stimmungen nachspüren, die in der Luft liegen. Suchen, ob man irgendwo Spuren der Ereignisse findet, die andere übersehen haben. Sogar dem Bösen nähert man sich – so weit es halt geht, ohne sich weh zu tun. Außerdem spielt selbstverständlich Eitelkeit mit. Journalisten wollen gesehen, gelesen, wahrgenommen werden. Die Quote muss stimmen.
Beide Triebe gemeinsam – berufsbedingte Neugier und die berufsbedingte Eitelkeit – befriedigt man am besten, indem man bei Gewaltverbrechen die Opfer zu Wort kommen lässt. Opfer haben den Vorteil, dass sie dem Täter so nah gekommen sind wie niemand anderer, außerdem stehen sie moralisch auf der richtigen Seite. Elena R., die Ehefrau des Amok-Mörders von Graz, ist deswegen das idealtypische Zielobjekt journalistischer Begehrlichkeiten. Am Montag kam sie in der Sendung „Thema“ ausführlich zu Wort; zum ersten und zum letzten Mal, wie der Moderator betonte.
Und dann sitzt da eine Frau, schmal, mit dünner Stimme, eingesunkenen Schultern – und man weiß nicht recht, ob man hinschauen oder wegschauen soll. Ob man, was hier passiert, als aufklärerisch einordnen soll, oder als schauerliche Entblößung. Selbstverständlich ist es purer Voyeurismus, der bedient wird, wenn man alle Details erfährt: Welche Verletzungen der Mann ihr genau zugefügt hat, mit welchen Worten genau er sie beschimpft, mit welchen Methoden genau er sie erniedrigt, eingesperrt, bedroht und erpresst hat. Elena R. hat einiges zu erzählen, das einen das Gruseln lehren kann.
Gleichzeitig versteht man ihr Bedürfnis, sich das alles einmal von der Seele zu reden. Man weiß ja: Christoph Feuerstein, der Interviewer, meint es gut. Er ist ein toller Jornalist. Er macht ein Boulevardmagazin, das sich, anders als andere Boulevardmedien, meistens auf die Seite der Schwachen stellt. Seine Sendungsphilosophie heißt: Den Opfern eine Stimme geben, und damit anderen Opfern in ähnlichen Situationen Mut machen. Und tatsächlich kann man nachfühlen, warum sich Elena R. in diesem Moment, in diesem Setting, gut aufgehoben fühlt. Beschützt von einem Interviewer, der ihr zwar höchst intime Fragen stellt, doch dies mit empathischen Blick tut, mit sanftem Tonfall. So etwas hat sie zu Hause wahrscheinlich noch nie erlebt. Wahrscheinlich ist sie überhaupt noch nie einem derat sanften, netten, gut aussehenden Mann gegenübergessen. Jemandem, der ihr zuhört; der sie und ihre Geschichte wichtig nimmt.
Doch genau in dem Moment, wo man sich hat einlullen lassen, begreift man schlagartig: Diese Frau sitzt in der Falle. An genau derselben Stelle saß schon Natascha Kampusch, saßen so viele andere Gewaltopfer, die ebenso dringend gehört und verstanden werden wollten. Doch so funktioniert das nicht. Massenmedien eigenen sich nicht als Therapieräume, und ein Massenpublikum ist ein schlechter Psycho-Berater.
Der Fall Kampusch hat uns die unbarmherzigen Mechanismen der Boulevard-Öffentlichkeit eindringlich vor Augen geführt, und Feurstein, die Sendungsverantwortlichen und alle anderen kennen sie längst: Das Publikum lässt sich nicht besänftigen, indem man ihr ein bisschen erzählt. Wenn es einen kleinen Teil einer Geschichte zu fassen kriegt, verlangt es alles, mit Haut und Haar. Sein Mitleid mit einem Opfer, das für sich selbst spricht, währt nur kurz. Es wird nicht lang dauern, bis dem Opfer Eitelkeit, Geltungsbedürfnis, Geldgier oder gar Kollaboration unterstellt werden. Das Publikum wird keine Ruhe geben, bis das Opfer nicht mehr Opfer ist. Bis man irgendein Zipfelchen Mitschuld findet, das man ihr anhängen kann.
„Es tut mir leid“, sagte Elena R. im Fernsehen, unter Tränen. Man wollte ihr zurufen: Sie sind nicht die Tätern! Sie sind das Opfer! Aber da war es schon zu spät.

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