Die Flüchtlingskrise beweist ein altbekanntes menschliches Phänomen: Je größer das Unwissen, desto stärker die Abwehr. Wer Erfahrungen zulässt, lernt Empathie.

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Ein menschliches Naturgesetz besagt, dass der Mensch dem, was er nicht kennt, grundsätzlich erst einmal Misstrauen entgegenbringt. Dass mit Nähe, Gewöhnung und persönlichen Erfahrungen das Misstrauen jedoch schwindet, und das Mitgefühl an Boden gewinnt.
Diesen Mechanismus kann man sich als Auslandsreporterin gezielt zunutze machen. Von einer Kollegin bekam ich vor langer Zeit einen wertvollen Ratschlag, den ich jahrelang brav befolgte. Er ging so: Wenn du irgendwo in eine mulmige Situation kommst – etwa zu einem Unbekannten ins Auto steigen musst, oder mit Leuten in einem Raum bist, von denen du nicht weißt, ob sie dir wohlgesonnen sind – rede mit ihnen. Stell dich vor. Erzähl von dir. Frag sie nach ihrer Familie. Sag ihnen, dass du grade ein bisschen unsicher bist, und bitte sie, dir zu helfen. Die Strategie hat stets funktioniert, auf allen Kontinenten. Sobald das Gegenüber einen Namen hat, sobald man weiß, dass auch der jeweils andere Beziehungen, Gefühle und eine Geschichte hat, unterstellt man einander weniger schnell böse Absichten. Das mulmige Gefühl ist wie weggeblasen.
Auf politischer Ebene lässt sich dieses Naturgesetz anhand der Erfolge rechtspopulistischer Bewegungen nachzeichnen. Dass Antisemitismus am besten gedeiht, wo es keine Juden gibt, ist bekannt. Die Pegida („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“) entstand nicht etwa in Berlin-Neukölln, sondern im beschaulichen Umland Dresdens, wo kaum ein Demonstrant je einem leibhaftigen Muslim begegnet ist. Die „Alternative für Deutschland“, unter ihrer neuen Chefin Frauke Petry stramm ausländerfeindlich, ist dort am stärksten, wo die wenigsten Ausländer sind. Ähnlich die FPÖ. In Wien etwa feiert sie ihre größten Erfolge nicht etwa im 15. Bezirk (der am stärksten migrantisch geprägt ist) – sondern in Gegenden mit vielen Gemeinde- und Genossenschaftsbauten, wo wenige Migranten wohnen.
In diesen Wochen bestätigt sich das Naturgesetz anhand der Flüchtlingsfrage. Solange – abstrakt und anonym – von „Welle“, „Ansturm“ oder „Massen“ die Rede ist; von „Millionen und Abermillionen“, die angeblich darauf warten, unseren Kontinent zu „stürmen“ – solang ist es leicht, abwehrend die Arme zu heben, oder aus der Distanz gar hasserfüllte Kommentare loszulassen. Aber sobald ein konkreter Mensch vor einem steht? Mit einer ganz speziellen Geschichte, einem Beruf, mit Fotos von Eltern und Kindern, mit Erlebnissen, die man sich in allen schrecklichen Details kaum vorzustellen vermag? Da fällt es einem schlagartig schwerer, Abwehr und Hass aufrechtzuerhalten.
Genau das lässt sich in Österreich derzeit beobachten. Viele Gemeinden wehren sich noch mit Händen und Füßen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen – obwohl in zwei Dritteln der Gemeinden kein einziger da ist. Im Brustton der Überzeugung malen jene, die noch nie einem Flüchtling begegnet sind, finsterste Szenarien von Kriminalität und Gefahren an die Wand. Während in jenen Orten, die schon seit vielen Jahren Flüchtlinge beherbergen, niemand diese Panik nachvollziehen kann.
Caritas, Diakonie und die vielen privaten Hilfsinitiativen berichten übereinstimmend, dass sie häufig ein ähnliches Muster erleben: Sobald das Problem ein Gesicht bekommt, sobald zwanzig Menschen im Ort stehen, die Karim, Abdul oder Amina heißen, erwachen beinahe überall ungeahnte Energien. Da wird man nicht mehr abstrakt „überschwemmt“ – sondern bekommt eine ganz konkrete Aufgabe: ein paar Dutzend Matratzen, Zahnpasta oder Telefonwertkarten besorgen, Deutschkurse organisieren, Sonntags mit den Burschen Fußball spielen. Das ist, mit professioneller Begleitung, bewältigbar.
Es kann sogar Freude machen. Und hat zwei unerwarteten Folgen: Je mehr sich darauf einlässt, desto mehr erfährt man über die Welt. Desto mehr erfährt man auch über sich selbst.

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