Käthe Leichter erforschte schon vor 100 Jahren, wie es selbstständigen, aber abhängigen Heimarbeitern geht. Die Konfliktlinien sind seit damals dieselben.

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Was tun Betriebe in der Krise? Wenn die Auftragslage unsicher ist, und man versucht, die Fixkosten vorsorglich auf ein Minimum herunterzufahren? Käthe Leichter kann das genau sagen. „Es ist das Bestreben der Unternehmer, ihr Risiko auf die Arbeiter abzuwälzen“, schreibt sie. Sie wollten der „Verteuerung des Fabriksystems durch die Sozialgesetzgebung entrinnen“ und lagern stattdessen die Produktion aus – an das „unerschöpfliche Reservoir billiger, gefügiger Arbeitskräfte in der Heimarbeit“.
So richtig diese Analyse ist, so bemerkenswert ist gleichzeitig, von wann sie stammt: Aus dem Jahr 1923. Aus einer Zeit ohne Internet und Computer, ohne Achtstundentag und ASVG.
Käthe Leichter war eine Pionierin der Frauenforschung und eine Vorkämpferin der österreichischen Gewerkschaftsbewegung. Sie gründete und leitete das Frauenreferat der Arbeiterkammer, bis ihre Arbeit nach den Februarkämpfen 1934 von den Austrofaschisten jäh beendet wurde. Von den Nazis wurde Leichter ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert und 1942 ermordet.
„Wie leben die Heimarbeiter?“ lautete der Titel ihres Büchleins von 1923. Und obwohl seither riesige welthistorische und technologische Umwälzungen stattfgefunden haben, ist Leichters Fragestellung heute, in der Krise, wieder genauso drängend aktuell wie in der Krise damals. Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen heißen inzwischen „neue Selbstständige“ oder „Ich-AGs“. Damals saßen sie daheim am Küchentisch vor ihren Nähmaschinen oder Stickrahmen, befestigten Federschmuck an Hüten, nähten Knöpfe an, klebten Gummimäntel und Galoschen zusammen, falteten Papiersäckchen und Schachteln, montierten Schnallen an Ledertaschen. Heute sitzen sie daheim am Küchentisch vor ihren Laptops und basteln Grafiken, Tabellen, Texte. Doch die entscheidenden Fragen – wie geht man um mit dem Druck? Wie geht sich das alles aus? – sind dieselben geblieben.
Käthe Leichter wollte alles ganz genau wissen. „Von staatlicher Seite fehlt es an jeder Initiative und jeder statistischen Vorarbeit“, schrieb sie. Deswegen verschickte sie mehrere tausend Fragebögen, auf der Suche nach detallierten Antworten aus dem Alltag. Wie genau berechnen sich Stücklohn und Arbeitszeit? Ist da die Zeit zwischendurch, in der man das Geschirr wegräumt oder den Boden kehrt, schon eingerechnet? Wieviel Wegzeit für Abholung und Lieferung der Ware kommen noch dazu, wie lange lassen einen die Firmen warten, wie hoch ist das Fahrgeld, und wie schnell nützen sich die Schuhe dabei ab?
Bei ihrer Arbeitsorganisation stießen die Näherinnen von 1923 an dieselben Sollbruchstellen wie die Grafiker, Steuerberater und Journalistinnen von heute. Sie benützen ihr eigenes Arbeitsgerät und tragen das volle Risiko, wenn etwas kaputt geht. Sie meinen, es würde sich mit Familie und Kindern alles irgendwie leichter ausgehen, wenn man zum Arbeiten das Haus nicht verlässt – und stellen irgendwann fest, dass sich die Arbeit bis in die letzten Winkel der Wohnung und der Beziehungen hineingefressen hat. Nie traut man sich, unerreichbar zu sein und Aufträge abzulehnen. Kaum je macht man richtig Urlaub, kaum je ist man krank. „Die Arbeitszeit wird bis in die Nacht hinein ausgedehnt, wenn der Lohn in einem Verhältnis zur Arbeit stehen soll“: Alles schon dagewesen.
Auch einer der folgendreichsten Grundkonflikte ist nicht neu: Dass viele Freie nicht richtig frei sind, sondern abhängig von einem einzigen Auftraggeber. Dass diese Abhängigkeit ausgenützt wird, um die Honorare zu drücken. Und dass die Isolation in den eigenen vier Wänden die Freien daran hindert, sich miteinander abzusprechen und gegen die Lohndrückerei zu wehren. „Die Furcht, Arbeit zu verlieren, macht die Heimarbeiterschaft gefügig und lässt sie vor der Beanspruchung ihrer gesetzlichen Rechte zurückschrecken.“
„Wie geht es den Heimarbeitern“? Eine neue Ausgabe dieses Büchleins wäre schön.

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