Einwandererkinder mehrerer Generationen waren in diesen Wochen gefragt wie nie. Weil sie Erfahrungen haben, die anderen fehlen.

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Sechs Wochen ist es jetzt her, dass sich Flüchtlinge massiv in den österreichischen Alltag hineingedrängt haben. In diesen sechs Wochen wurden den Österreichern Entscheidungen abverlangt: Geht es mich etwas an oder nicht? Wende ich mich ab oder zu? Kann ich mich innerlich ausklinken, oder will ich mich an der kollektiven Aufgabe beteiligen?
Viele tausend Menschen haben sich in diesen sechs Wochen entschieden, etwas zu tun. Haben Kleider gesammelt, Linsensuppe gekocht, an Bahnhöfen oder Grenzbergängen Decken verteilt, haben Menschen zum Duschen und Schlafen in ihre Wohnungen geholt, waren mit ihnen Fußball spielen, haben Bekanntschaften geschlossen und dabei etwas gelernt. Junge, alte, Schulklassen, Familien, Nachbarn, Arbeitskollegen, Pfarrgruppen, Vereine. Für viele war es ein gutes Gefühl, zu helfen – und insofern durchaus (auch) eigennützig. Viele haben über ihre Erfahrungen öffentlich gesprochen.
Für bestimmte Bevölkerungsgruppen waren diese sechs Wochen jedoch noch intensiver als für andere. Ohne dass die Öffentlichkeit bis jetzt viel davon erfahren hätte.
F. zum Beispiel ist in Österreich geboren. Seine Eltern stammen aus Tunesien. Oja, sie sprachen mit den Kindern manchmal auch arabisch, großen Druck machten sie dabei allerdings nicht. Die Schriftzeichen lernte F. nie so richtig. Aber er schnappte einiges im Vorübergehen auf. Wenn im Satellitenfernsehen zum Beispiel die Herzschmerz-Serien liefen, die seine Mutter so gern schaut, wandte er sich demonstrativ ab – und hörte doch mit einem Ohr zu. Synchronisiert werden diese Serien oft in Syrien. Als F. jetzt für syrische Flüchtlingen dolmetschte, als er ihnen den Weg in die Notschlafstelle oder zum Zug wies, erkannte er die Sprachfarbe aus dem Fernsehen wieder. Die Verständigung fiel ihm leicht.
Junge Leute wie F. gibt es tausende in Österreich. Jugendliche der zweiten oder dritten Einwanderergeneration, die wegen dieser Herkunft besondere Kenntnisse haben – die jedoch in ihrem Leben bisher kaum je eine Rolle spielten. F. ging in ein Wiener Gymnasium, ohne dass sich irgendwer all die Jahre dafür interessierte, dass er arabisch kann. Nun hat sich das schlagartig geändert: Ständig läutet sein Handy, ständig wird er dringend gesucht, dringend gebraucht. Anwältinnen und Ärzte können ohne ihn nicht richtig arbeiten, Hilfsorganisationen sind hilflos ohne ihn. F.s neue Erfahrung lautet: Ich kann etwas, das andere nicht können. In einer Krisensituation kann ich ganz besonders nützlich sein.
Ähnliches erleben dieser Tage Menschen persischer Abstammung: Nanu, die Afghanen verstehen mein Farsi! Sogar türkischstämmige Österreicher fanden sich manchmal unvermittelt in der Position, dolmetschen zu können: Türkisch wird von vielen Kurden aus dem irakisch-syrischen Grenzgebiet verstanden; von Syrern, die in türkischen Lagern lebten, ebenfalls, überdies von Usbeken und Turkmenen aus dem vielsprachigen Afghanistan.
Doch es ist nicht nur die Sprache, die bei der Verständigung hilft. Es sind auch kulturelle Umgangsformen, religiöse Codes. Das konnte bemerken, wer jungen Muslimen in diesen Wochen bei ihrer emsigen Arbeit zusah – in Traiskirchen, bei „Train of Hope“ am Wiener Hauptbahnhof und an vielen anderen Schauplätzen. Ob in der „Muslimischen Jugend Österreichs“ organisiert oder privat unterwegs – hier konnte man selbstbewusste, eloquente, effiziente junge Menschen sehen, in der Rolle ihres Lebens. Sie haben Know-How aus mehreren Welten. Sie wissen, wie man einem arabischen Großvater höflich begegnet und welche Speisen man zum Fastenbrechen reicht. Gleichzeitig können sie das Wort „Asylantrag“ erklären und kennen sich mit den ÖBB-Ticketautomaten aus. Sie verstehen Ängste und Unsicherheiten aus verschiedensten Perspektiven.
Es ist für Österreich gut zu wissen, dass es diese Menschen gibt. Es wird noch viele Situationen kommn, wo wir sie brauchen.

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