„Wir streben danach, uns in die Gemeinschaften einzubringen, zu denen wir gehören“, sagt Starbucks. Ein guter Plan. Steuern zahlen wäre ein prima Anfang.

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Ich bin Unternehmerin. Dafür muss man eigentlich bloß die Grundrechenarten beherrschen. Ich habe Einnahmen (für Texte, Auftritte, Lehraufträge, etc). Ich habe Ausgaben (für Büro, Fahrtkosten, Bücher, etc). Am Ende des Jahres zählt man die Einnahmen zusammen, die Ausgaben ebenso, zieht letztere von ersteren ab, dann hat man den Gewinn. Von dem zahlt man dann Einkommensssteuern. So einfach, so logisch.
Wie allen Unternehmern und Unternehmerinnen macht mir das Steuernzahlen allerdings keinen allzu großen Spaß. Deswegen habe ich eine prima Idee: Ich brauche mehr Ausgaben! Also beginne ich, meiner Schwiegermutter jeden Monat viel Geld zu überweisen. Dafür, dass sie mich bei der Arbeit berät. Vielleicht hat sie mal eine Idee für eine Kolumne. Oder Tipps, ob ich lieber die Bahn oder den Bus nehmen soll. Vielleicht kann ich einfach besser schreiben, weil ich weiß, dass es sie gibt. Außerdem kaufe ich von ihr jeden Monat viele Bleistifte. Die kosten bei ihr zwar zwanzigmal so viel wie im Geschäft, aber egal. Es bleibt ja quasi in der Familie.
Seit meine Schwiegermutter so viel Geld von mir kriegt, bin ich jedenfalls fein raus. Der Gewinn, den ich jedes Jahr dem Finanzamt melde, liegt bei Null. Steuern zahle ich gar keine mehr. Obwohl mir die gesamte staatliche Infrastruktur rundum nach wie vor uneingeschränkt zur Verfügung steht: Straßen, Schulen, Polizei – alles ohne Gegenleistung für mich da! Großartig! Theoretisch müsste jetzt zwar meine Schwiegermutter Steuern zahlen, aber auch das muss nicht unbedingt sein. Sagen wir halt, sie wohnt in Luxemburg. Sagen wir halt, sie hat eh mit dem dortigen Finanzamt geredet, und die hätten gesagt, es sei schon alles ok. Die sehen das nämlich nicht so eng.
Ich bin nicht die erste Unternehmerin, der diese geniale Idee eingefallen ist. Multinationale Konzerne wie Starbucks machen es im Prinzip genauso. In Österreich, in Deutschland, in Frankreich eröffnen sie Filiale um Filiale und schenken Hektoliterweise teuren Kaffee aus, ohne Gewinn zu machen. Weil sie nämlich viel Geld an ihre Konzernmütter überweisen. Vielleicht hat die Mutter sie bei der Inneneinrichtung beraten. Vielleicht kriegt sie Lizenzgebühren für die Verwendung des Logos. Vielleicht hat sie gar das Rezept fürs Blueberry-Muffin verraten. Außerdem verkauft die Mutter den Töchtern Kaffee. Der ist zwar um ein Vielfaches teurer, als wenn man ihn ohne ihre Hilfe besorgen würde, aber egal. Es bleibt ja in der Familie.
Auch Starbucks zahlt daher in Österreich keine Steuern. Die Konzernmutter ebenso wenig. Denn die, heißt es, wohnt in den Niederlanden, hat eh mit dem dortigen Finanzamt geredet, die sehen das nicht so eng. Und falls wider Erwarten doch noch was übrigbleiben sollte – schickt man es halt weiter an die Tante in Großbrittannien oder an die Großmutter in den USA. Die Familie ist groß genug, da behält man schwer den Überblick.
Was jedoch ist der entscheidende Unterschied zwischen mir und Starbucks? Dass das österreichische Finanzamt mir eine derartige Steuererklärung postwendend zurückschleudern würden, verbunden wahrscheinlich mit einer saftigen Nachzahlung, oder gar einer Strafe wegen Steuerbetrugs. Das Amt wird mir sagen: Ich bin dort steuerpflichtig, wo ich meinen Gewinn erwirtschafte. Ausgaben müssen „plausibel“ sein, und bei regelmäßigen überhöhten Überweisungen, speziell wenn sie an Verwandte gehen, leuchten bei jedem Prüfer normalerweise die Alarmlampen.
Die EU-Kommission hat nun erstmals etwas ähnliches zu Starbucks gesagt. Und die einzelnen EU-Länder, die solche Steuervermeidungsmodelle seit über zehn Jahren nicht nur tolerieren, sondern aktiv fördern, aufgefordert, ihre Gesetze zu ändern.
Die Länder hingegen wehren sich dagegen. Steuern von Großkonzernen brauchen sie offenbar nicht. Von uns Kleinunternehmern kriegen sie schließlich genug.

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