Gefährdete junge Burschen können zur Gefahr für andere werden. Sie brauchen Respekt und Vorbilder. Bei emanzipatorischer Burschenarbeit zu sparen, ist ein schwerer Fehler.

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Was das Zusammenleben in diesem Land betrifft, gibt es drei Problemfelder, die wir dringend angehen müssen. Beide haben mit Migration, Religion und dem Geschlechterverhältnis zu tun.

Das erste Problemfeld gibt es seit Jahrzehnten. Es ist die Existenz eines Milieus, das sich von den Chancen, die Österreich bietet, auf Dauer ausgeschlossen fühlt. Junge Menschen, deren Perspektive derart verengt ist, dass sie kaum je die Grenzen ihres Grätzels verlassen. Die sich in ihrer eigenen Welt einbunkern und dort ihre eigenen Statusrituale pflegen, weil sie außerhalb keine Chance sehen, jemals respektiert zu werden. Burschen sind für diese fatale Dynamik besonders anfällig, und Mädchen häufig die Leidtragenden. Die älteren Brüder spielen sich zu Verteidigern der Familienehre auf, beschimpfen Mädchen als Schlampen, hindern sie daran, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und aus dem engen Milieu hinauszuwachsen.

Das zweite Problemfeld speist sich aus den Kriegen der letzten Jahre, insbesondere aus dem Tschetschenienkonflikt. Wir haben traumatisierte Menschen im Land. Männer, die gekämpft, geschossen, andere getötet haben. Wir haben Kinder mit schrecklichen Erinnerungen. Kinder, deren Väter tot, psychisch beschädigt oder verschwunden sind. So etwas ist nicht einfach zu verarbeiten – das wissen wir aus der eigenen Geschichte. Und Burschen neigen besonders dazu, solche Erlebnisse auf zerstörerische Art zu kompensieren. Indem sie kämpfen, gewalttätig werden, andere besiegen wollen, sich und anderen weh tun.

Das dritte Problemfeld ist neu: Seit vergangenem Jahr haben wir mehrere tausend Burschen im Land, die ganz allein auf der Welt sind. Sie haben, oft zu Fuß, mehrere Länder durchquert, die jüngsten sind zehn Jahre alt. Man kann sich kaum vorstellen, was das emotional bedeuten muss – nicht nur die Trennung von der Familie, sondern auch die Last, die ihnen aufgebürdet wurde. Veranwortlich zu sein. Es schaffen zu müssen. In einer Umgebung, wo alles fremd, verstörend und verlockend gleichzeitig ist, und keine Regel, die man daheim gelernt hat, mehr etwas gilt. Das Potential, das hier schlummert, ist riesig – gleichzeitig jedoch die Gefahr.

Für professionelle Burschenarbeit, mit speziellem Fokus auf muslimische, traditionell-autoritäre Milieus, gibt es in Österreich also richtig viel zu tun. Wie gut, dass es Leute gibt, die hier seit Jahren schon Pionierarbeit leisten: die „Heroes“ aus Berlin-Neukölln. Die „Heroes“ gehen in Parks, Jugendzentren, Sportclubs, Schulen, und bauen dort Beziehungen zu den Kids auf. Es geht um Status, Selbstbewusstsein, um Sexualität, Beziehungen. Vor allem geht es auch um die Erwartungen der Familie, verschiedene Frauenbilder, und darum, was „Männlichkeit“ eigentlich bedeutet.

Die Heroes entstammen selbst dem Milieu, in dem sie tätig sind. Deswegen beherrschen sie nicht nur die Sprache und die religiösen Grundbegriffe, sondern auch die Körpersprache, die Codes, mit denen die Kids untereinander kommunizieren. Sie haben ähnliche Erfahrungen gemacht, dieselbe Ausgrenzung, dieselben Kränkungen erlebt. Deswegen sind sie in den Augen der Kids glaubwürdig. Doch sie zeigen Alternativen auf, mit diesen Erfahrungen umzugehen. Sie zeigen, wie man sich Respekt verschaffen kann, ohne Gewalt; wie man cool sein kann, ohne andere zu erniedrigen. Sie führen vor, wie respektvoller Umgang mit Mädchen funktioniert. Und was es für Männer zu gewinnen gibt, wenn sie sich aus dem engen Korsett der brutalen patriarchalen Rollenverständnisses lösen.

In Salzburg werden „Heroes“ noch heuer mit ihrer Arbeit starten. Auch in Wien waren die Verhandlungen schon weit gediehen. Bis, im letzten Moment, das Frauen- und Bildungsministerium absprang und seine Finanzierungszusage wieder zurückzog.

„Zu teuer“, heißt es. Hoffentlich werden wir das nicht teuer bezahlen, in ein paar Jahren.

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