Die meisten Wiener Flüchtlingskinder kommen in jene Schulen, wo es auch die anderen Kinder nicht leicht haben. Ein Mittelschullehrer erzählt aus dem Alltag.

Ein Gesprächsprotokoll 01für den Falter

Kinder zu unterrichten, ist das Großartigste, das es gibt. Ich bin sehr gern Lehrer. Auch unsere Schule ist fein. Gutes Klima, liebe Kinder. Aber es sind halt Kinder aus armen Verhältnissen, aus dem unteren Fünftel der Einkommensstatistik. Die Eltern sind Putzkräfte, Taxler, Rosenverkäufer, Küchengehilfen, haben einen Kebabstand. Viele arbeiten wie die Wahnsinnigen, auch am Abend. Andere sind arbeitslos. Die meisten kommen aus Serbien, Bosnien, der Türkei; einige aus Afrika, neuerdings sind viele Afghanen und Araber dazugekommen. Drei in meiner Klasse sind ethnische Österreicher.

Ich mag meine Kinder. Manche wachsen mit zehn Geschwistern auf, sind sehr sozial, müssen teilen. Jedes einzelne hat Potential, aber jedes einzelne trägt gleichzeitig einen ziemlich schweren Rucksack mit sich herum. Man müsste sich um jedes einzelne intensiv kümmern. Aber da stößt man leider an Grenzen. Weil du gar nicht weiß, wo du anfangen sollst.

Ich hab zum Beispiel ein Mädchen, da kämpfen die Eltern ums Sorgerecht. Da weißt du, der Vater hat schon einmal versucht, es ins Ausland zu entführen, zu Hause wurde schon einmal die Tür aufgebrochen, und in der Schule muss der Hausmeister aufpassen, dass der Vater nicht beim Gebäude hereinkommt.

Da ist ein Bub, der oft unentschuldigt fehlt. Du rufst die Eltern an, die sagen: Er ist halt Musiker. Was nichts anderes heißt, als dass in der U-Bahn Akkordeon spielt, zum Geldverdienen.

Ein anderer kommt aus einer Schreifamilie, da läuft rund um die Uhr der Fernseher, und er kriegt morgens die Augen kaum auf, weil er nicht zum Schlafen kommt.

Wir haben Kinder, die in einem Krisenzentrum oder in einer betreuten WG leben, weil sie den Eltern abgenommen wurden. Meistens war da daheim Alkohol oder Gewalt im Spiel. Bei denen kommt viel zusammen – Selbstverletzungen, Bulimie, Marihuana.

Bei einem seh’ ich, als er sich zum Turnen umzieht, Striemen am Rücken. Ich sprech’ die Eltern drauf an, die leugnen gar nicht, dass sie ihn schlagen, aber sie sagen: „In unserer Kultur ist das so üblich“. Und trotzdem schafft es dieser Bub, ein freundliches, fröhliches Kind zu sein, mit dem man viel Spaß hat!

Ein anderer Bub kann damit nicht so gut umgehen. Der ist aggressiv und schlägt andere Kinder. Du redest am Sprechtag mit dem Vater, und der sagt: „Was, der prügelt sich in der Schule? Na warte, da setzt es was, wenn der nach Hause kommt!“ Der kapiert überhaupt nicht, dass das eine etwas mit dem anderen zu tun hat!

Wenn ein Kind fünfmal hintereinander die Hausübung nicht bringt: Dann bist du entweder genervt und kriegst einen Hass. Oder du suchst den Grund dafür. Fast immer gibt es einen Grund. Mit einer Schülerin hab ich wegen der fehlenden Hausübungen geschimpft – bis sie erzählt, dass sie jede Nacht den betrunkenen Vater irgendwo aufklauben muss. Bei einer anderen erfährst du, dass der große Bruder mit dem IS sympathisiert, und sie versucht mit allen Mitteln, ihn davon abzuhalten, nach Syrien zu gehen.

Wenn eine intelligente 14jährige plötzlich aufhört zu lernen und drei Monate lang kein Wort mehr redet – was ist dann los? Ist sie in Gefahr? Ist sie krank? Ist das einfach Trotz, die Pubertät? Ich bin kein Psychloge. Ich denk mir so oft: Da hätte ich gern Unterstützung, da brauchen wir jemanden, der von außen kommt. Jedes einzelne dieser Kinder hätte sich Hilfe verdient. Aber meine Ressourcen reichen nicht. Für mich ist dieses Mädchen halt eines von 140 Kindern.

In letzter Zeit sind ja noch viele Flüchtlinge dazugekommen. Wir haben inzwischen eine eigene Klasse eröffnet, die besteht aus unseren Mehrfachrepetenten und den Neuankömmlingen. Die Flüchtlinge sind völlig verschieden: Die einen sind früher in ein Gymnasium gegangen, andere sind Analphabeten. Einige haben Bilder von zerbombten Städten auf ihren Handys. Andere sind unbegleitet hierhergekommen und müssen unterwegs Dinge erlebt haben, die du dir gar nicht vorstellen magst. Da steht jetzt also ein Kollege vor 25 Kindern in der Klasse, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und schaut in große, fragende Augen. Drei Stunden pro Tag kriegen sie einen Deutschkurs, den Rest des Tages muss er sich irgendwas überlegen. Er kriegt das irgendwie hin, weil er ein guter Lehrer ist. Aber wie das wohl bei anderen läuft?

Ich denk mir schon manchmal: Es ist nicht sehr gut verteilt. Die eine Hälfte der Schulen, die Gymnasien, tun so, als ginge sie das alles nichts an. Und jenen Mittelschulen in den armen Wohngegenden, die ohnehin schon viele schwierige Aufgaben bewältigen, hängt man jetzt noch mehr Aufgaben um. Vieles ginge leichter, wenn es mehr Durchmischung gäbe. Alle hätten etwas davon: Die Kinder aus stabilen, behüteten Verhältnissen würden etwas lernen über die Welt, und die Kinder aus schwierigen Verhältnissen hätten etwas, woran sie sich orientieren können.

Wir haben ja auch Kinder aus dem Gym. Die meisten, die zu uns kommen, wurden aus disziplinären Gründen dort weggeschickt. Man nennt sie Rückfluter. Denen hat man im Gymnasium gesagt: „Du musst ja nicht in unserer Schule sein, du kannst ja auch gehen.“ Eine hab ich in meiner Klasse, die schreibt glatte Einser, aber sie hat halt eine große Klappe und hat sich im Gymnasium mit einigen Lehrern zerstritten. Diese Kinder freuen sich bei uns am Anfang. Sie sind cool, sie sind beliebt. Aber schleichend merken sie doch, dass sie jetzt eine Degradierung erlebt haben, und ihre Möglichkeiten schlagartig geschrumpft sind. Nur drei Prozent schaffen es bei uns, an eine weiterführende Schule zu kommen.

Unsere Kinder wissen nämlich sehr genau, dass sie zu den Verlieren gehören. Vom Gymnasium geht’s noch eine Stufe hinunter, aber unter uns gibt es es nichts mehr. Alle Kinder, die bei mir sitzen, haben die Erfahrung hinter sich, dass sie schon einmal aussortiert wurden, als „nicht gut genug“, als „zweite Wahl“. Das prägt natürlich die Erwartungen – der Lehrer, aber auch der Kinder selber. „Wir sind ja nicht am Gymnasium“: Das sagen sie oft, wenn ich eine lange Hausübung geben will. Sie trauen sich selbst nicht mehr viel zu.

Mit dieser Erwartungshaltung haben sie gar nicht unrecht. Denn nur die allerschwächsten Kinder schaffen es, in der Mittelschule tatsächlich durchzufallen. Wenn ein Kind nett und höflich ist und Aufgaben macht, dann kommt es durch. Das wissen sie natürlich alle. Es gibt inoffizielle Durchfallsquoten. Zu viele Fünfer, das darf nicht sein. Die Botschaft, die bei den Kindern ankommt, heißt: Du musst bloß deine Jahre absitzen, dann lassen wir dich am Ende gehen, egal wieviel du gelernt hast.

Auch die Noten heißen nicht viel. Besser gesagt: Es gibt Riesenunterschiede, was sie heißen. Ich hab’s eigentlich als Prinzip etabliert, dass ich von den Kindern etwas fordere und manchmal schlechte Noten gebe. Aber wenn du weißt: Wegen dieser Note kann der Bursch jetzt nicht auf die HAK, dann bricht es mir das Herz, und dann überleg’ ich es mir noch einmal.

Bei vielen unserer Kinder merkt man, dass ihre Welt sehr klein ist. Der Horizont fehlt. Die Vorbilder fehlen, die Anregungen. Wenn wir nach den Ferien drüber reden, was sie gemacht haben – dann war da nicht viel außer Kicken im Käfig, Chillen und Playstation. Speziell die türkischen Kids verlassen kaum jemals die Grenzen von Favoriten. Sie haben gar nicht den Drang, rauszukommen, weil sie’s auch gar nicht brauchen. Bei den berufspraktischen Tagen kommen manche gar nicht auf die Idee, dass die auch außerhalb des Bezirks stattfinden könnten.

Manchmal sag ich ihnen: Schreib’ eine Liste, was du mit deinem Leben machen willst. Was deine Ziele sind. Auf dieser Liste steht dann oft genau das, was die eigenen Eltern machen, etwas anderes kommt ihnen gar nicht erst in den Sinn. Manche haben in der ersten Klasse noch hochfliegende Berufswünsche, und wollen Anwalt werden, Kinderärztin, Fußballer. Aber spätestens in der dritten Klasse kommt das Erwachen, und sie merken, dass es das nicht spielen wird. Weil sich ihnen der Weg dorthin nicht erschließt, weil ihnen niemand sagt oder vorlebt, was sie dafür konkret tun müssten, Schritt für Schritt. Dann resignieren sie und sagen: Es ist eh egal. Was meine Mutter hat, erreiche ich auch ohne mich groß anzustregen.

Ein Studium – das ist für unsere Kinder total weit weg. Einmal sind wir bei einer Exkursion an der Uni vorbeigegangen, und ich frag’: Schauen wir da mal rein? Dort gibt’s auch eine Bibliothek! Die Kids waren total in Ehrfurcht erstarrt: Darf man das überhaupt? Es war ihnen fremd wie Hogwarts. „Klar könntet auch ihr auf die Uni gehen“, sag’ ich ihnen. „Ihr würdet es nicht so leicht haben wie andere, aber möglich wäre es.“ Aber sie können es sich überhaupt nicht vorstellen. Die Uni ist in ihren Augen nur etwas für Schnöselkinder, nicht für Kinder wie sie.

Von den Eltern kannst du in diesem Bereich nicht viel Unterstützung erwarten. Viele erkennen das Potential ihrer Kinder gar nicht. Manche, weil sie es gar nicht können. Die scheitern manchmal schon an Kleinigkeiten – wenn sie einen Zettel ausfüllen, musst du ihnen beinahe die Hand führen. Häufig sind die Kinder ja intelligenter als ihre Eltern. Bei einer meiner Schülerinnen ist das so. Sie hasst ihren Vater, schämt sich für ihn, dreht sich weg, wenn er redet – und er redet wirklich viel Unsinn. Zu diesem Mädchen sage ich dann: Wir brauchen ihn gar nicht in die Schule holen. Du weißt besser, was für dich gut ist, wir machen uns das einfach miteinander aus.

Aber bis du zu dieser Erkenntnis kommst, ist halt oft schon viel Zeit vergangen. Dieses Mädchen ist intelligent. Sie checkt alles sehr schnell, unter anderen Umständen hätte sie das Zeug zur Matura. Aber sie liest schlecht, weil sie schlecht sieht. Jahrelang ist niemand mit ihr zum Augenarzt gegangen, sie hat heute immer noch keine Brille. Und inzwischen hat sie realisiert: Ich hab’ zu viel Zeit verloren. Der Zug ist abgefahren.

Wenige Eltern sind ehrgeizig. Eine Mutter aus Nigeria ist getrieben von der Idee: Meine Tochter darf nicht Putzfrau werden wie ich! Die Tochter wird zu Hause gedrillt – ich will gar nicht genau wissen, mit welchen Methoden. Häufiger jedoch kommt das Gegenteil vor – dass Eltern ihre Kinder sogar behindern. Weil sie eifersüchtig sind, nach dem Motto: „Ich bin Hilfsarbeiter, dann wird Hilfsarbeiter für meinen Sohn auch gut genug sein. Oder glaubt der etwa, er ist etwas Besseres als ich?“

Was den Ehrgeiz und den Horizont betrifft, haben die Flüchtlinge jetzt einen neuen Antrieb reingebracht. Einer meiner Syrer hat einen Vater, der Chirurg ist. Der hat in vier Monaten so gut deutsch gelernt, dass er dem Unterricht problemlos folgen kann. Da staunen die anderen, was alles möglich ist.

Generell kann man sagen: Unsere Schule ist extrem wichtig für unsere Kinder. Viele fordern viel Aufmerksamkeit, viel Zuneigung, du siehst oft, wie sie sich an einzelne Lehrer klammern. Wenn du spaßhalber sagt: „Komm her, mein Sohn“, gefällt ihnen das sehr. Manche fragen uns alles, was ihnen durch den Kopf geht: Porno, Drogen, da gibt es fast keine Grenze. Du wirst dabei für Dinge zuständig, die dich eigentlich nichts angehen. Hygiene zum Beispiel. Die Kids sind in der Pubertät, in manche Klassen kannst du kaum reingehen, weil die Ausdünstungen so arg sind. Wenn einer starken Mundgeruch hat, musst du ihm sagen, dass er sich die Zähne putzen muss. Oder ein Lehrer kauft einem Kind ein Duschgel und steckt es ihm heimlich zu.

Für viele ist die Schule wahrscheinlich das bessere Zuhause. Das siehst du daran, wie gern sie hier sind. Nachmittags, wenn die Schule aus ist, musst du sie manchmal richtig rauskicken.

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