Die Flüchtlingskrise ist ein Stresstest für unser Schulsystem. Die Zweiteilung in AHS und Pflichtschulen wirkt sich dabei verheerend aus.

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Wenn man, irgendwo in Nordeuropa, mit dem Auto auf einer Landstraße unterwegs ist, und plötzlich betritt ein Elch die Fahrbahn – dann hat man eine Krise. In diesem Moment erkennt man, ob das Auto etwas taugt. Ein schneller Schlenker nach links, und gleich noch einer nach rechts: Das muss ein Auto schaffen. Da darf es nicht umkippen. Sonst ist es nicht fit für die Landstraße – egal, wie teuer es war.

Das Wort „Elchtest“ ist zurecht ein geflügeltes Wort geworden, denn das Prinzip ist auf viele Lebenslagen anwendbar. Es besagt: Ein System darf nicht nur unter ungestörten Idealbedingungen funktionieren. Es muss Stress, außergewöhnliche Belastung aushalten, nur dann taugt es etwas; und der Elch hilft uns, genau das herauszufinden. Gut so. Denn nur wenn man die Schwachstelle findet, kann man an ihr arbeiten – was schließlich nicht nur jenen zugute kommt, die in Elchgegenden leben, sondern auch allen, die es eher mit Rehen, Kängurus oder Hauskatzen zu tun haben.

Das österreichische Schulsystem wird gerade einem derartigen Stresstest unterworfen. Dieser Stresstest heißt Flüchtlingskrise. Vieles gelingt erstaunlich gut, insbesondere in Kindergärten und Volksschulen. Doch offenbart sich eine Sollbruchstelle, die eigentlich schon seit jeher bekannt ist, doch in diesem Moment greller zutage tritt denn je zuvor. Es ist die rigide Einteilung unserer Kinder in zwei scharf vonenander abgegrenzte Gruppen: Jene, die eine Chance bekommen – und dem Rest.

In Wien, wo die meisten Flüchtlinge leben, stellt sich das folgendermaßen dar: Die eine Hälfte der Zehn- bis 14jährigen besucht AHS-Unterstufen, und kriegt in ihrem Schulalltag kaum mit, dass überhaupt Flüchtlinge im Land sind. Wenn sie engagierte Lehrkräfte haben, reden sie vielleicht im Deutsch- oder Geographieunterricht darüber. Ansonsten kennen sie 13jährige Syrer, denen das Haus kaputtgebombt wurde, oder 14jährige Afghanen, die allein zu Fuß durch sieben Länder gegangen sind, bloß aus dem Fernsehen. Denn AHS-Unterstufen nehmen, bis auf wenige Ausnahmen, praktisch keine Flüchtlingskinder auf. Warum auch? Sie müssen ja nicht. Und auf die Idee, es freiwillig zu tun, weil man dabei etwas lernen könnte, kommen sie nicht.

Die andere Hälfte der 10- bis 14jährigen, jene in den städtischen Mittelschulen, sieht dafür umso mehr von der Krise. Sie steckt mitten drin. Denn die Flüchtlingskinder landen allesamt bei ihnen. Je schlechter die Gegend, je ärmer, je härter das Leben, je schwieriger das soziale Umfeld, desto mehr. Denn freie Schulplätze gibt es ja nicht in begehrten Schulen in schicken Vierteln. Sondern eher dort, wo die Verlierer leben.

Die Trennung der Wiener Teenager in zwei strikt voneinander getrennten Welten ist schon unter normalen Umständen eine himmelschreiende Ungerechtigkeit (weil nicht nach Talent, sondern nach sozialer Zugehörigkeit sortiert wird). Doch beim Stresstest kippt das System endgültig. Jene Eltern, Lehrer und Schüler, die ausreichend materielle Ressourcen, Sicherheit und intellektuelle Weltläufigkeit hätten, um mit der Herausforderung umzugehen, klinken sich einfach aus. Während jene, die ohnehin schon einen schweren Rucksack tragen und jeden Tag nah am Absturz balancieren, immer noch mehr komplizierte Aufgaben aufgeladen kriegen. Ist ja ihre Pflicht. Sind ja Pflichtschulen. Müssen das halt irgendwie schaffen. Und wenn nicht, wird es keiner mitkriegen, weil von der einen Welt nie jemand in die andere Welt hinüberschaut.

Die Meredes A-Klasse ist am Elchtest gescheitert. Ein teures Auto, aber für das wirkliche Leben auf der Landstraße ungeeignet. Unser Schulsystem ist eines der teuersten der Welt. Aber den Herausforderungen einer Einwanderergesellschaft scheint es ebensowenig gewachsen zu sein.

Wobei natürlich nicht der Elch schuld ist, wenn ein Auto umkippt. Sondern die Konstruktion.

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